JEMEN: «Bodenoffensive hilft nur dem IS»

Saudi-Arabien hat in Jemen interveniert. Das könne verheerende Folgen haben, mahnt Expertin Elham Manea von der Universität Zürich.

Interview Michael Wrase
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Jemeniten suchen in einem von den Saudis bombardierten Haus in Sanaa nach Überlebenden. (Bild: EPA/Yahya Arhab)

Jemeniten suchen in einem von den Saudis bombardierten Haus in Sanaa nach Überlebenden. (Bild: EPA/Yahya Arhab)

Interview Michael Wrase

Frau Manea, in ihrem Heimatland herrscht Krieg. Wie fühlen Sie sich?

Elham Manea: Ich bin ja auch Schweizerin, aber jetzt fühle ich als Jemenitin. Mir geht es schlecht. Ich bin enttäuscht. Wir Jemeniten zahlen einen hohen Preis für einen Konflikt, den wir selbst zu verantworten haben ...

... und der mit dem Eingreifen der Saudis jetzt eskaliert.

Manea: Leider nicht zum ersten Mal. Die Geschichte wiederholt sich. In den 60er-Jahren intervenierten die Saudis auf Seiten der schiitischen Zaidisten, der Huthis, die sie jetzt bekämpfen. Das zeigt, dass im Jemen kein Glaubenskrieg tobt, sondern ein geostrategisches Seilziehen im Gange ist. Damals fürchteten sich die Saudis vor Nassers revolutionärem Ägypten. Heute ist es der Iran, der bereits zu Zeiten des Schahs seine Finger auf die arabische Golfregion ausgestreckt hatte.

Ist Iran im Jemen wirklich zu aktiv, wie die Saudis behaupten?

Manea: Es geht nicht darum, was die Iraner tun, sondern wie man sie wahrnimmt. Teheran ist in Syrien, im Irak und im Libanon auf dem Vormarsch und versucht nun auch im Jemen, Einfluss zu gewinnen.

Kommt die Intervention der Saudis für sie überraschend?

Manea: Selbst die Amerikaner waren überrascht von den in Riad sehr überstürzt getroffenen Entscheidungen.

Was soll mit den Luftangriffen erreicht werden?

Manea: Vielleicht ist es ein diplomatisches Manöver, um die Huthis, welche bei ihrem Siegeszug immer arroganter auftreten, an den Verhandlungstisch zu bringen. Das ist zumindest meine grosse Hoffnung. Werden die Luftangriffe über einen längeren Zeitraum fortgesetzt, werden sich alle Jemeniten gegen Saudi-Arabien richten.

Und Jemens ehemaliger Staatspräsident Ali Abdullah Saleh könnte ein Comeback feiern?

Manea: Saleh, ein zaidistischer Schiit, ist die Schlüsselfigur in diesem Konflikt. Seine Armee ist dafür verantwortlich, dass die Huthis mehr als die Hälfte des Jemens erobern konnten. Saleh ist der Schlüssel zur Lösung. Er hat die Huthis bereits zu Verhandlungen aufgefordert. Saleh möchte seinen Sohn Ahmad auf den Präsidentenstuhl hieven.

Was ist mit Präsident Hadi, den Riad nach Sanaa zurückbringen will?

Manea: Hadi hat jegliche Glaubwürdigkeit und nach seiner Flucht aus Aden den Respekt aller Jemeniten verloren.

Wird Riad eine diplomatische Lösung des Konflikts akzeptieren oder am Boden angreifen?

Manea: Wenn Saudi-Arabien nach der Luft- nun auch eine Bodenoffensive beginnt, öffnet es das Tor zur Hölle. Die Osmanen bezeichneten Jemen bereits als ihr Grab. Ägypten, das 1963 auf Seiten der Republikaner militärisch intervenierte, nannte Jemen «unser Vietnam». Die einzigen, die von einer saudischen Bodenoffensive profitieren werden, sind el Kaida und der IS.

Ist man sich dieser Konsequenzen in Riad auch bewusst?

Manea: Ich hoffe. Wenn wir über die saudischen Luftangriffe sprechen, müssen wir auch über den Machtkampf sprechen, der gegenwärtig in Saudi-Arabien tobt. Ich habe Angst, dass Verteidigungsminister Mohammed bin Salman den überstürzten Befehl zum Angriff nur deshalb gegeben hat, um seine eigene Position zu stärken. Ist dies der Fall, dann haben wir ein ernstes Problem.

Hinweis

Die aus dem Jemen stammende Elham Manea arbeitet als Privatdozentin an der Universität von Zürich. Die Wissenschaft­lerin engagiert sich für einen humanistischen Islam. Sie lebt mit ihrer Familie in Bern.