JEMEN: «Es ist Zeit, vorwärtszugehen»

Der Kampf der alten Machteliten ums politische Überleben versenkt den Jemen in Chaos und Anarchie. Doch birgt die Anarchie auch die Chance für neue Freiheiten. Gerade für Frauen.

Helene Aecherli
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Checkpoint in Sanaa, der Hauptstadt des Jemens: Ein Soldat kontrolliert einen Töfffahrer. (Bild: Keystone)

Checkpoint in Sanaa, der Hauptstadt des Jemens: Ein Soldat kontrolliert einen Töfffahrer. (Bild: Keystone)

Im Jemen kursiert seit Wochen eine neue Alltagsregel: «Wenn du eine Strasse überqueren willst, schau erst nach rechts, nach links – und dann nach oben!» Sie ist eine zynische Metapher dafür, dass die Gefahr heute von allen Seiten kommen kann, zugleich aber ist sie auch eine konkrete Unterweisung: Von oben drohen amerikanische Drohnen, die im Kampf gegen den Terror auf mutmassliche El-Kaida-Kämpfer gerichtet werden, jedoch immer wieder Dutzende von zivilen Opfern fordern. Und vor allem drohen Querschläger, Gewehrkugeln, die am Ziel vorbeigeballert jene verletzen oder gar töten, die sich zum falschen Moment am falschen Ort befinden. Denn heute tragen die meisten Männer geladene Schusswaffen auf sich, sagt Abdulfattah Alghurbani, 35, Geoinformatiker aus Ibb, einer Stadt im Südwesten des Jemens, bei Unstimmigkeiten werde sofort geschossen, die Sicherheitskräfte sehen tatenlos zu. Zwei junge Frauen seien auf ihrem Heimweg von der Universität in die Nähe einer Schiesserei geraten, beide wurden verletzt. Ein Bekannter habe sich in einer Menschenmenge vor einem Laden befunden, als er tot umfiel. Woher die Kugel in seinem Kopf kam, weiss niemand. Fest steht nur: «Die Menschen sind verwirrt und verängstigt», sagt Abdulfattah. «Es gibt hier kein Recht, keine Ordnung und keine Sicherheit mehr.»

Der Jemen steht vor Zerreissprobe

Der Machtwechsel vor zwei Jahren hat im Jemen schwelende Konflikte wieder aufflammen lassen, die sich inzwischen zu einem Flächenbrand ausgeweitet haben: In Saada, im Norden des Landes, liefern sich salafistische Kämpfer aus aller Welt blutige Auseinandersetzungen mit schiitischen Hou­this. Im Süden und Südosten verstärken sich die Unabhängigkeitskämpfe. Der militärische Sicherheitsapparat ist durch interne Machtgefechte und enorme Verluste in den eigenen Reihen demotiviert, zudem soll Saudi-Arabien im Kampf um jemenitische Ölquellen Stammesfürsten mit Geld und Waffen bestechen, damit sie das Land im Unruhezustand halten. Der Jemen steht vor einer Zerreissprobe, die Angst vor einem Bürgerkrieg steigt. Hoffnung setzen nationale wie internationale Beobachter derzeit einzig auf die National Dialogue Conference, die vergangenen März von der Übergangsregierung unter Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi lanciert wurde.

Ziel dieser Konferenz ist es, Konfliktparteien, politische Akteure sowie Abgeordnete von Frauen- und Jugendgruppen an einen Tisch zu bringen, um Grundlagen für eine neue Verfassung zu erarbeiten. Doch entpuppt sich der nationale Dialog als zusätzliche Konfliktzone. Laut der schweiz-jemenitischen Politologin Elham Manea unterminieren die Machteliten um den ehemaligen Präsidenten Ali Abdullah Saleh, den Generalmajor Ali Mohsen el Ahmar sowie die islamistische Islah-Partei die Demokratisierungsprozesse und suchen Land und Gesellschaft mit Drohungen und Sabotageakten zu destabilisieren. Dies, um die Übergangsregierung zu schwächen und die eigenen Chancen auf eine erneute Machtübernahme intakt zu halten. In diesem Zusammenhang mehren sich in Jemen die Stimmen, die hinter Terrorakten der el Kaida nicht nur die Gotteskämpfer selbst, sondern auch Angehörige des Ex-Regimes vermuten. El Kaida, heisst es, scheint in dem Falle ein willkommenes Label zu sein für alles, was im Jemen explodiert. Denn wo el Kaida draufsteht, hören die meisten Nachforschungen auf.

Schulweg ist zum Risiko geworden

So werden denn auch die Entführungen von Ausländern wie von einheimischen Aktivisten, Journalisten, Geschäftsleuten und Kindern reicher Familien oft Drahtziehern aus dem Dunstkreis der alten Machtelite zugeschrieben. Denn wohl geht es bei den Kidnappings um Geld, aber auch darum, die Opfer einzuschüchtern – und um Furcht zu schüren. Abdulfattah und seine Frau etwa gehören zwar bloss der Mittelschicht an, doch die Angst, dass ihre Kinder entführt werden könnten, hält sie gefangen. Abdulfattahs Frau hat ihre Ausbildung als Schneiderin abgebrochen, um die Kinder zur Schule fahren zu können. Der Schulweg ist zum Risiko geworden.

«Die fehlende Sicherheit gibt dir das Gefühl, ständig auf einer heissen Herdplatte zu sitzen», sagt die Journalistin Khadija Assonaidar, 33, aus Sanaa, der Hauptstadt des Landes. «Irgendwann macht dies dein Leben zu einem Albtraum.» Oft komme sie erschöpft und frustriert zur Arbeit, weil täglich neue Checkpoints und Strassenblockaden die Zufahrt zur Innenstadt erschweren und sie zu langen Umwegen zwingen, erzählt sie. Und immer wieder sprengen militante Banden die Strommasten in Marib, 44 Mal allein im letzten Jahr, und legen dadurch die Stromversorgung ganzer Landstriche stunden- oder gar tagelang lahm. Kerzen und Taschenlampen gehören deshalb längst zur Grundausstattung in Jemen. Jene, die es sich leisten können, haben Notstromgeneratoren in ihren Hinterhöfen.

Mädchen bleiben der Schule fern

Manchmal, wenn die 24-jährige NGO-Mitarbeiterin Hana al-Showafi morgens aufsteht und hört, wie sich die Lage wieder über Nacht verschlimmert hat, wünscht sie, sie könnte sich in «Superwoman verwandeln und mit einem Zauberstab alles zum Besseren wenden»: Durch Misswirtschaft, Korruption und kriegerische Konflikte leben heute 55 Prozent der über 25 Millionen Einwohner unter der Armutsgrenze, über 10 Millionen Menschen leiden an Mangelernährung. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 52 Prozent, die Bildung in den öffentlichen Schulen ist desolat und der Lohn der Lehrer so tief, dass manche Lehrer die Rektoren von Privatschulen bestechen, um zusätzlich unterrichten zu können. Und aufgrund des fundamentalen Islam gehen 71 Prozent der Mädchen in ländlichen Gebieten nicht zur Schule, werden trotz internationalem Druck noch immer 14 Prozent der Frauen vor dem 15. Lebensjahr verheiratet.

Töchter begehren auf

Dennoch: Trotz oder möglicherweise gerade wegen der erdrückenden Zustände im Land gibt es Lichtblicke. Denn wo Chaos und Anarchie herrschen, werden patriarchalische Strukturen und Traditionen ausgehebelt, was gerade Frauen die Chance auf neue Freiheiten verschaffen kann. So haben etwa in der Stadt Taiz im Süden des Jemen zwei junge Frauen eine Kampagne gegen die hohen Brautgelder lanciert, um bessere Heiratschancen zu haben. Die Aktion ist deshalb bemerkenswert, sagt Hana, weil Töchter damit explizit die Macht ihrer Väter zu bekämpfen beginnen. Und in Aden seien Frauen daran, das Tabu sexueller Gewalt zu brechen. Inzwischen käme es sogar vor, dass eine Frau einen Mann mitten auf der Strasse in Grund und Boden brüllt, wenn sie sich von ihm belästigt fühlt.

Hana selbst hat es sich zur Gewohnheit gemacht, an Bushaltestellen mit Frauen und Mädchen ins Gespräch zu kommen und über ihre Rechte zu reden – und zwar so laut, dass es alle Umstehenden hören müssen, ob sie wollen oder nicht. «Mir ist klar geworden, dass ich eine Rolle in dieser Gesellschaft habe», erklärt sie. «Wenn ich vor lauter Angst zu Hause sitzen bleibe und jammere, erreiche ich gar nichts.»

Khadija, übrigens, hat vor kurzem ihren Gesichtsschleier abgelegt, den Niqab, den sie jahrzehntelang getragen hat. «Es ist Zeit, vorwärtszugehen», sagt sie. «Das verdeckte Gesicht gehört der Vergangenheit an.»

Hinweis

Helene Aecherli hat den Jemen regelmässig bereist. Aufgrund der Sicherheitslage ist es ihr zurzeit nicht möglich, das Land zu besuchen. Alle Interviews wurden deshalb telefonisch geführt.