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JEMEN: Hunger, Krieg und Cholera

Im Bürgerkriegsland leiden die Menschen Hunger, sauberes Wasser ist rar, das Gesundheitssystem kämpft mit dem Kollaps. Diese Zustände bieten einem weiteren Feind Nährboden: Cholera rafft die Menschen dahin.
Martin Gehlen, Kairo
Jemen Cholera (Bild: Keystone, Sanaa, 6. Juli 2017)

Jemen Cholera (Bild: Keystone, Sanaa, 6. Juli 2017)

Im Jemen grassiert die derzeit schlimmste Choleraepidemie auf dem Globus. 200 000 Menschen haben sich in den letzten Wochen mit der lebensgefährlichen Durchfallkrankheit infiziert, die durch verseuchtes Wasser oder verunreinigte Lebensmittel übertragen wird. Erkrankte, die keine Behandlung bekommen können, sterben binnen Stunden oder Tagen an einem dramatischen Flüssigkeitsverlust. Über 1500 Menschen sind bereits Opfer der Seuche geworden, die sämtliche Regionen des Jemens erfasst hat.

Jeden Tag stecken sich nach Schätzung der internationalen Helfer weitere 5000 Menschen an. Bis Ende August rechnet Unicef mit über 300 000 Erkrankten, die Hälfte von ihnen Kinder – für Geert Cappelaere, Unicef-Direktor für den Mittleren Osten und Nordafrika, eine «unglaublich schreckliche Situation». Er habe noch nie einen Choleraausbruch von solcher Rasanz gesehen, erklärte Cappelaere nach einem Besuch in der Hauptstadt Sanaa – «und das in einem Land, das durch den Krieg bereits mit der Gefahr einer Hungersnot kämpft und mit dem Kollaps seines Gesundheitssystems».

Bombenkrieg geht mit voller Härte weiter

Zwei Jahre nach Beginn des Bürgerkrieges ist ein Viertel der Bevölkerung stark unterernährt. Millionen haben keinen Zugang mehr zu sauberem Trinkwasser. Die Vereinten Nationen bewerten die Lage im Süden der Arabischen Halbinsel als «grösstes humanitäres Desaster der Gegenwart». Denn der Bombenkrieg von Saudi-Arabien und den Emiraten geht mit voller Härte weiter. Zehntausende von saudischen Luftangriffen haben die Infrastruktur und das kulturelle Erbe des Jemens ruiniert. Immer wieder werden Schulen, Kliniken, Wohnviertel oder Märkte getroffen.

Am Boden ist der Krieg längst zu einem blutigen Patt geronnen, alle diplomatischen Vermittlungsversuche der Vereinten ­Nationen sind gescheitert. Mindestens 10 000 Menschen sind gestorben, 45 000 wurden verwundet, drei Millionen irren als Binnenflüchtlinge umher. In dem blutigen Konflikt gegenüber stehen sich auf der einen Seite die Huthis, die vom Iran unterstützt werden, zusammen mit den Truppen des 2012 abgesetzten Ex-Präsidenten Ali Abdullah Saleh. Auf der anderen Seite kämpfen die international anerkannte Regierung des Saleh-Nachfolgers Abed Rabbo Mansour Hadi sowie eine Allianz von Golfstaaten unter der Führung von Saudi-Arabien.

Medizinisches Personal seit bald einem Jahr ohne Gehalt

Der saudische Verteidigungsminister Mohammed bin Salman kündigte nach seiner Ernennung zum direkten Thronfolger Mitte Juni an, er werde 60 Millionen Euro an Unicef spenden, um die Cholera im Jemen zu bekämpfen. Ob dieses Geld aus seinem Privatvermögen kommt, liess er offen. Erst vor acht Monaten hatte der 31-Jährige während eines Urlaubs an der Côte d’Azur einem russischen Wodkamagnaten spontan für 500 Millionen Euro dessen Luxusyacht abgekauft.

Cholera lässt sich mit Antibiotika, Desinfektionsmitteln und Infusionen relativ gut bekämpfen. Doch die Hälfte der jemenitischen Krankenhäuser ist kaputt, die verbliebenen sind total überlastet. Bei den Medikamenten fehlt es am Nötigsten. Die 30 000 Ärzte und Pflegekräfte des Landes haben – wie alle Beschäftigten des öffentlichen Dienstes – seit fast einem Jahr kein Gehalt mehr bekommen. Die Helfer bemühen sich, in den Städten die Trinkwasserversorgung wieder in Gang zu bekommen und die Bevölkerung in Grundregeln der Hygiene zu schulen. Frachtflüge mit Hunderttausenden Infusionen, die Cholerakranke vor dem Tod bewahren sollen, haben den Jemen erreicht.

Martin Gehlen, Kairo

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