JEMEN: «Ist es El Kaida, wird es heikel»

Falls der entführte IKRK-Mitarbeiter in die Hände von Stammesfürsten geriet, darf er hoffen. Im Jemen sind Entführungen ein Geschäft, sagt ein Experte.

Interview Christoph Reichmuth
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5. Juni 2012: Soldaten der Armee schiessen im Süden Jemens mit Raketen gegen vermutete Stellungen der el Kaida. Bis heute ist es der Armee nicht gelungen, dass Terrornetzwerk entscheidend zu schwächen. (Bild: EPA)

5. Juni 2012: Soldaten der Armee schiessen im Süden Jemens mit Raketen gegen vermutete Stellungen der el Kaida. Bis heute ist es der Armee nicht gelungen, dass Terrornetzwerk entscheidend zu schwächen. (Bild: EPA)

Frederik Obermaier, im Süden Jemens wurden am Montag Mitarbeiter des IKRK entführt, darunter mutmasslich ein Schweizer. Immer wieder kommt es im Jemen zu Entführungen. Wieso ist das Land für Ausländer derart gefährlich?

Frederik Obermaier: Entführungen im Jemen sind ein gutes Mittel, um Geschäfte zu machen. Sie sind ein politisches Druckmittel. Hinter den meisten Entführungen stecken örtliche Stämme. Indem Ausländer in Gewahrsam genommen werden, haben die Stämme ein Druckmittel der Regierung in Sanaa gegenüber. Westliche Ausländer sind für die Stämme interessant. Entführung ist ein Mittel, um Zugeständnisse zu erpressen – sei es die Freilassung eines Stammesgenossen oder den Bau einer Strasse in der eigenen Gemeinde, einer Schule oder eines Krankenhauses in der Region. Deshalb enden die meisten Entführungen unblutig.

Was sind das für Stämme?

Obermaier: Der Jemen ist seit jeher Stammesgebiet. Das ist der Grund, weshalb die Zentralregierung in der Hauptstadt Sanaa nur wenig Einfluss im Land hat. Ein Jemenit definiert sich nicht über die Zugehörigkeit zu seinem Land, sondern über die Zugehörigkeit zu einem Stamm. Auch die Politik im jemenitischen Parlament wird zu einem grossen Teil durch die Stämme dominiert.

Das Kidnapping des Schweizers – typisches Muster für eine Entführung durch einen Stamm?

Obermaier: Die Nachrichtenlage ist sehr dürftig, es heisst offiziell, der Al-Marakischa-Stamm habe den Schweizer in Gewahrsam. Aber: Es ist nicht auszuschliessen, dass el Kaida hinter der Entführung steht. Oder dass Stammesangehörige den Mann entführt haben, die Geisel dann aber an el Kaida weiterverkaufen. Der Ort der Entführung, Dschaar im Südjemen, ist in einer Region, welche el Kaida für sich beansprucht. In dieser Region an der Küste zum Golf von Aden bekämpfen sich el Kaida und die Regierung schon länger. El-Kaida-Kämpfer kontrollierten zeitweise ganze Städte und Gebiete.

Wenn el Kaida dahintersteckt: Wie verändert sich die Lage für die Geisel?

Obermaier: Sie ändert sich gewaltig. El Kaida nimmt nicht unbedingt Rücksicht auf die entführte Person. Das ist bei den Stämmen ganz anders. Es ist von früheren Entführungen her bekannt, dass die Stämme ihre Geiseln meist freundlich, geradezu gastfreundlich behandelt haben. Sie sehen die gekidnappten Ausländer als Faustpfand und haben kein Interesse, den Ausländern Leid anzutun.

Was ändert sich in den Verhandlungen für die westlichen Staaten?

Obermaier: Bei Verhandlungen mit Stämmen kann man nur erahnen, was sich wirklich abspielt. Die meisten westlichen Regierungen betonen nach einer Geiselbefreiung stets, es seien keine Gelder geflossen. Ob das dann auch tatsächlich stimmt, darf bezweifelt werden. Wenn kein Geld fliesst, dann wird vielleicht eben eine Zufahrtsstrasse oder ein Schulhaus gebaut. Es ist klar: Westliche Regierungen verhandeln meist ohnehin nicht direkt mit den Stämmen. Zu Zugeständnissen kommt es über Verbindungsleute.

Und wie verhandelt man mit el Kaida?

Obermaier: Da ist die Ausgangslage schwieriger. El Kaida verfolgt andere Ziele. Da geht es um die Freipressung von Gefangenen, manchmal werden Forderungen über Jemen hinaus gestellt, wie den Rückzug westlicher Truppen aus Afghanistan. Da jemanden heil herauszukriegen, ist schwieriger, aber machbar. Ein junger Österreicher, der im Dezember im Jemen entführt worden ist, soll sich in den Händen von El-Kaida-Kämpfern befunden haben. Dennoch ist er kürzlich in Freiheit gekommen. Vermutlich ist Geld geflossen.

Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi wurde im Februar 2012 mit 99,8 Prozent der Stimmen gewählt – das würde doch darauf hindeuten, dass der Präsident fest im Sattel sitzt?

Obermaier: Das Wahlergebnis lässt sich ganz einfach erklären: Hadi war der einzige Kandidat. Hadi hat ein schweres Erbe angetreten. Über Jahrzehnte regierte Ali Abdullah Saleh, er hat die Führung von Politik, Armee und Polizei mit Günstlingen und Verwandten besetzt. Hadi hat gezeigt, dass er willens ist, die alten Saleh-Cliquen von ihren einflussreichen Posten zu entfernen. Doch das ist bei weitem nicht das einzige Problem: Im Norden herrschte Bürgerkrieg zwischen Regierung und dem Huthi-Stamm, der Konflikt ist nicht wirklich beigelegt. Zudem dominieren im Süden el Kaida und die Stämme. Im Süden gibt es zudem noch immer separatistische Bestrebungen. Präsident Hadi ist nicht zu beneiden.

Hat er die Armee unter Kontrolle?

Obermaier: Immerhin hat er es geschafft, das Militär einigermassen hinter sich zu bringen. Allerdings hilft das wenig in einem Land, in dem die Armee ausserhalb der Hauptstadt nicht viel zu sagen hat.

El Kaida verfügt über einige hundert Kämpfer, die Regierungstruppen über mehrere tausend. Weshalb schafft es die Regierung nicht durchzugreifen?

Obermaier: Die Zahlen sind mit Vorsicht zu geniessen. Die Grenzen zwischen el Kaida und Stämmen sind manchmal fliessend. Was als el Kaida bezeichnet wird, können auch Stammeskrieger sein und umgekehrt. Hinzu kommt die unwirtliche Landschaft des Jemens: viel Wüste, viel Gebirge – ein ideales Gelände für Guerillakrieg. Die Regierung hat schon hohe Verluste im Kampf gegen el Kaida erleiden müssen.

Die Entführer liessen sich nicht abhalten, IKRK-Mitarbeiter zu entführen. Sollen Hilfsorganisationen ihre Mitarbeiter besser schützen und aus Ländern wie dem Jemen abziehen?

Obermaier: Ein Abzug der Hilfsorganisationen wäre für die jemenitische Bevölkerung fatal. Dann hätte el Kaida einen Sieg errungen – und die jemenitische Regierung wäre zusätzlich geschwächt.

Hinweise

Frederik Obermaier (29) ist Politikwissenschaftler und Journalist bei der renommierten «Süddeutschen Zeitung». Er ist Autor des Buches «Land am Abgrund – Staatszerfall und Kriegsgefahr in der Republik Jemen».