JERUSALEM: In Israel herrscht gedämpfte Euphorie vor der Trump-Visite

In Jerusalem hatten sich grosse Hoffnungen auf den neuen Mann im Weissen Haus gerichtet. Doch kurz vor Trumps Antrittsbesuch blicken viele Israelis irritiert nach Washington. Einen Friedensstifter sehen sie in dem wankelmütigen US-Präsidenten nicht.

Susanne Knaul, Jerusalem
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Szene aus der Jerusalemer Altstadt wenige Tage vor Trumps Israel-Visite. (Bild: Atef Safadi/EPA (18. Mai 2017))

Szene aus der Jerusalemer Altstadt wenige Tage vor Trumps Israel-Visite. (Bild: Atef Safadi/EPA (18. Mai 2017))

Susanne Knaul, Jerusalem

«Willkommen, Präsident Trump», heisst es auf dem eine ganze Häuserwand schmückenden Plakat in Jerusalem. Auf der Autobahn zwischen Tel Aviv und Jerusalem wehen israelische und amerikanische Flaggen. Israel ist bereit für den Antrittsbesuch von US-Präsident Donald Trump, der ab morgen für etwas länger als einen Tag ins Heilige Land reist. Auf dem kompakten Programm stehen Gespräche mit Israels Präsident Reuven Rivlin, mit Regierungschef Benjamin Netanjahu sowie ein Abstecher nach Bethlehem zum Treffen mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas.

Für den Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem sieht Trump nur eine Viertelstunde vor, was seine Gastgeber schon im Vorfeld des Besuchs verstimmte. Ohnehin ist Trumps Reise nach Jerusalem überschattet von Berichten, er habe nachrichtendienstliche Informationen aus der Feder des israelischen Geheimdienstes an Moskau durchsickern lassen und damit nicht zuletzt einen Agenten in Gefahr gebracht. Ausserdem sorgte Trumps Nationaler Sicherheitsberater H. R. McMaster für Irritation in Jerusalem, als er die Souveränität Israels über die Klagemauer, der wichtigsten jüdischen Pilgerstätte, in Frage stellte.

US-Botschaft bleibt fürs Erste in Tel Aviv

So hatte man sich in Jerusalem den Antrittsbesuch des mächtigsten Mannes auf der Welt nicht vorgestellt. Viele hatten gehofft, dass die lange Eiszeit zwischen den Ländern mit Trump im Weissen Haus passé sei. «Obama ist Geschichte, jetzt haben wir Trump», frohlockte Sport- und Kulturministerin Miri Regew, und Naftali Bennett, Chef der Siedlerpartei Das jüdische Haus, hoffte nach Trumps Wahlsieg, dass nun «die palästinensische Flagge vom Mast heruntergeholt» werde.

Nie wieder werde es eine anti-israelische UN-Resolution geben, hatte Trump versprochen, und angekündigt, die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen. Doch so bald werden die Diplomaten ihre Koffer nicht packen. Die anfängliche Euphorie ist gedämpft. Trump und Netanjahu, die mit gegenseitigen Sympathiekundgebungen die gemeinsamen Beziehungen aufnahmen, müssen Unstimmigkeiten aus dem Weg räumen.

Trump hat den Frieden in Nahost zu seinem Ziel erklärt. Grosse Aufmerksamkeit richtet sich deshalb auf die Rede, die er im Jerusalemer Israel-Museum halten wird. Salman Schoval, ehemaliger israelischer Botschafter in Washington, hält es für möglich, dass Trump seine Rede als «Grundlage für künftige Verhandlungen» konzipiert. Ähnlich tat es sein Vorgänger Bill Clinton im Jahr 2000, als er seine «Pa­rameter», Richtlinien für eine Zweistaatenlösung, formulierte.

Beide Konfliktparteien haben Bereitschaft zu direkten Gesprächen signalisiert. Allerdings hält die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) bislang an der Bedingung fest, den Siedlungsbau in den besetzten Gebieten einzufrieren. Umgekehrt beharrt Netanjahus Regierung darauf, dass die PLO Israel als jüdischen Staat anerkennt.

«Trump sollte zu Hause bleiben», kommentierte Sever Plocker von der Zeitung «Jediot Achronot» kurz vor Trumps Besuch nüchtern. Niemand solle von «einem so wankelmütigen Mann wie dem US-Präsidenten erwarten, er könne einen israelisch-palästinensischen Friedensvertrag vermitteln».