Italien
Jetzt ist auch die «grosse Liebe» Business: Berlusconi verkauft AC Milan

Silvio Berlusconi ordnet sein wirtschaftliches Imperium neu. Unter anderem will er sich von einer grossen Liebe trennen: der AC Milan. Berlusconis Familienholding Fininvest investierte in den letzten Jahren rund 600 Millionen Euro in den Verein.

Dominik Straub, Rom
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Alles ist Business, nur eines nicht: Die AC Milan ist Liebe», hatte Berlusconi einmal über seinen Fussballverein gesagt. (Archiv)

Alles ist Business, nur eines nicht: Die AC Milan ist Liebe», hatte Berlusconi einmal über seinen Fussballverein gesagt. (Archiv)

Keystone

Berlusconi hat es vor einigen Tagen selber gesagt: «Wir sind tief gesunken: Jetzt müssen wir an die Kommunisten verkaufen.» Das war zwar halb im Scherz gemeint, trifft aber ins Schwarze: Wenn nicht alles täuscht, dann steht der italienische Traditionsclub und Serien-Landesmeister AC Milan kurz davor, ganz oder zumindest teilweise in chinesischen Besitz überzugehen.

Berlusconi verhandelt seit Wochen intensiv mit Mr. Bee und Mr. Lee, zwei steinreichen Investoren aus Fernost. Die beiden wären bereit, für eine Mehrheitsbeteiligung an der AC Milan 500 bis 600 Millionen Euro auf den Tisch zu legen.

Bei Mr. Bee handelt es sich um den thailändischen Geschäftsmann Bee Taechaubol, der eine Investorengruppe anführt, welcher auch die chinesische Bank China Citic Bank International angehört. Der Chinese Richard Lee ist ein Broker aus Hongkong. Die beiden Herren sind in den letzten Tagen mehrfach in Limousinen mit verdunkelten Scheiben bei Berlusconis Villa Arcore bei Mailand vorgefahren, um ihre Angebote zu machen.

Zumindest Mr. Bee scheint in seinem Mailänder Luxushotel allmählich etwas ungeduldig zu werden: Laut italienischen Medienberichten hat er Berlusconi, der seit 29 Jahren Eigentümer und Präsident des Vereins ist, eine letzte Frist bis heute Samstag gesetzt.

Die erfolgreiche Zeit ist vorbei

Dem mehrfachen ehemaligen Ministerpräsidenten fällt das Loslassen nicht leicht: «Alles ist Business, nur eines nicht: Die AC Milan ist Liebe», hatte er einmal gesagt.

Ausserdem, hiess es gestern, tue er sich schwer damit, den Verein «als Verlierer zu verlassen». Tatsächlich sind die Zeiten, in denen die AC Milan alles gewann, was es auf nationaler und internationaler Ebene zu gewinnen gibt, lange her. Aktuell liegen die Mailänder auf dem deprimierenden 10. Tabellenplatz. In der vergangenen Saison klaffte ein Rekorddefizit von 91 Millionen Euro in der Milan-Bilanz. Insgesamt, hat die «Repubblica» ausgerechnet, musste Berlusconis Familienholding Fininvest in den letzten Jahren rund 600 Millionen Euro in den Verein einschiessen. Einen derartigen Aderlass kann und will sich Berlusconi nicht mehr leisten.

Forza Italia vor dem Ende?

Für die Politik scheint sich Berlusconi höchstens noch am Rand zu interessieren. «Früher hat er zugunsten der Politik seine Unternehmen vernachlässigt, jetzt ist es umgekehrt», bestätigt Ex-Minister Antonio Martino, ein langjähriger Vertrauter des Ex-Cavaliere.

Für die Partei sei dies eine Katastrophe: «Die Forza Italia ist zerstritten und in Schwierigkeiten, weil sie sich immer ausschliesslich vom Charisma ihres Leaders genährt hatte; dieses ist nun merklich abgeflacht», betont Martino. Einen Monat vor den nächsten Regionalwahlen kommt die Forza Italia in Umfragen noch auf 12 bis 15 Prozent der Stimmen.

Nicht wenige Beobachter in Rom deuten die neu entdeckte Leidenschaft Berlusconis für das Geschäft und den Verkauf der AC Milan als Vorboten eines definitiven Abschieds des Ex-Premiers aus der Politik: Es sei wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die Forza Italia abgewickelt werde.

Sicher ist: In Rom lässt sich der 78-jährige Berlusconi derzeit kaum noch blicken – und in Arcore werden nicht mehr politische, sondern unternehmerische und finanzielle Strategien entwickelt. «Und auch die Zeiten der eleganten Nachtessen und der Haremsdamen», ergänzte der «Corriere della Sera» schon fast wehmütig, «scheinen lange her.»