«Jetzt kommen sie auch, um zu töten»: Wie Jugendbanden in der Pariser Banlieue Jagd auf Polizisten machen

In den Pariser Problemvierteln kann die Polizei kaum mehr für Ruhe und Ordnung sorgen. Sie muss sich selber gegen Angriffe schützen.

Stefan Brändle aus Paris
Drucken
Teilen
Ausschreitungen in einem Pariser Problemviertel: Die Angriffe auf Polizisten nehmen zu.

Ausschreitungen in einem Pariser Problemviertel: Die Angriffe auf Polizisten nehmen zu.

Bild: Benjamin Guillaume Mattia/Getty (Paris, 2. Juni 2020)

Es war kurz vor Mitternacht, zwei Polizisten befanden sich gerade zur Raucherpause vor der Polizeiwache von Champigny-sur-Marne, als der Mob angriff. Rund vierzig Jugendliche rannten mit Eisenstangen, Feuerwerkskörpern und Pétanque-Kugeln an. Die beiden Flics konnten sich gerade noch in die Eingangsschleuse retten und die Gittertür im letzten Moment schliessen. «Sonst hätte es wohl Tote gegeben», meinte ein Polizeigewerkschafter später.

Weil die Angreifer keinen Polizisten packen konnten, schlugen sie mehrere Polizeiwagen schrottreif. Zugleich zündeten sie mächtige Feuerwerksgranaten, die in den Schluchten zwischen den Wohntürmen einen Heidenlärm verursachen und bis zu 150 Meter weit tragen. Die belagerten Polizisten verteidigten sich aus den Fenstern des ersten Stockwerks mit Tränengas, ohne damit viel zu erreichen.

Das Samstagabendkonzert dauerte, bis aus den Nachbargemeinden polizeiliche Verstärkung anrückte. Endlich verzogen sich die Vermummten in die umliegenden Wohntürme. Verhaftet wurde vorerst niemand.

Dafür zirkulierten sofort Videoszenen der Attacke im Internet:

Sie sorgten noch am Montag landesweit für Empörung. Innenminister Gérald Darmanin erklärte, er lasse sich «von diesen kleinen Caïds nicht beeindrucken»; vielmehr prüfe er eine Verbot von Feuerwerkskörpern. Das wirkte so hilflos wie die Ankündigung des Elysée-Palastes, Präsident Emmanuel Macron werde am Donnerstag Polizeivertreter zu einer Aussprache empfangen.

«Jetzt kommen sie auch, um zu töten»

Der Polizeigewerkschafter Grégory Joron erklärte bei einer kleinen Polizeidemo vor dem attackierten Kommissariat: «Ich höre die vollmundigen Erklärungen von Politikern, die solche Attacken als inakzeptabel bezeichnen. Bloss lassen sie den Worten nie wirklich Taten folgen.» Sein Kollege Eddy Deboste fügte an: «Der Hass auf die Flics nimmt ständig zu. Jetzt kommen sie auch, um zu töten.»

Damit bezog er sich nicht nur auf den Angriff in Champigny. Vor knapp einer Woche hatten drei mutmassliche Dealer in Herblay-sur-Seine, einem anderen Vorort von Paris, zwei Polizisten in ihrem Fahrzeug brutal angegriffen und sich ihrer Faustfeuerwaffen bemächtigt. Ein Polizist erhielt zwei Schüsse, sein Berufskollege ringt mit vier Schüssen im Leib mit dem Tod.

Mit Kalaschnikows durch die Wohnsiedlung

Laut der Zeitung «Le Parisien» werden in Frankreich derzeit jeden Tag 30 Polizisten Opfer von Attacken oder Aggressionen. Beliebt sind nächtliche Hinterhalte: Oft minderjährige, teils von Drogenhändlern angestachelte Banlieue-Kids zünden Autos oder Mülltonnen an – und decken die anrückende Feuerwehr und Polizei dann mit allen möglichen Wurfgeschossen ein.

In der französischen Alpenmetropole Grenoble filmten sich vermummte Dealer im August, wie sie mit Kalaschnikows durch eine «cité» (Wohnsiedlung) patrouillierten – vermutlich, um ihr Terrain gegenüber einer anderen Bande und der Polizei abzustecken.

Bei dem Sturm auf die Polizeiwache von Champigny scheinen nicht in erster Linie Dealer am Werk gewesen zu sein. Auslöser war möglicherweise eine Polizeikontrolle, bei der sich ein flüchtender Mofafahrer verletzte. Das zeigt, wie gespannt die Lage in diesen Wohnvierteln ist – und wie wenig es braucht, um sie ausbrechen zu lassen.

Drogengangs offerieren ein geregeltes Einkommen

Die Coronakrise verschärft die soziale Misere in diesen Vierteln. Die Arbeitslosigkeit steigt, Drogenbanden offerieren ein geregeltes Auskommen: Vierzehn- oder Fünfzehnjährige gehen von der Schule, weil sie auf ihrem Wachposten am Eingang der «cité» 50 Euro am Tag verdienen. Andere fallen den Salafisten in die Hände, die teils selber dealen. Die Grenzen sind fliessend, wie die Polizisten in Champigny selbst wissen: Ihr Kommissariat – das einzige für die 78 000 Einwohner der Gemeinde – befindet sich einem heruntergekommenen Wohnblock, in dem die Dealer ein- und ausgehen.

Diese unhaltbaren Zustände sind in Frankreich kein Geheimnis. Macron spricht seit langem von der «Rückeroberung der für die Republik verlorenen Territorien». In Champigny wurde die Zahl der Polizisten darauf um 25 auf 160 erhöht. Geändert hat dies nichts. Die Polizeigewerkschafterin Linda Kebbab, die von algerischen Eltern abstammt, erklärte, die Banlieue-Jugend respektiere die Polizei umso weniger, als diese immer häufiger der Gewalt und des Rassismus bezichtigt werde.