Killing Fields

Jetzt steht der grösste Massenmörder der Gegenwart vor Gericht

Seit dem Sturz des Mörderregimes der Roten Khmer sind 33 Jahre vergangen. Doch das Interesse an der Aufarbeitung der schrecklichen Geschichte des Landes scheint gering. Kambodscha will nur noch nach vorne blicken.

Daniel Kestenholz, Phnom Penh
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Kambodschaner verfolgen den Prozess am TV.
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Das Regime von Pol Pot forderte 1,7 Millionen Menschenleben
Kambodscha will nur noch nach vorne blicken
Youk Chhang dokumentiert die Opfer des Genozids.

Kambodschaner verfolgen den Prozess am TV.

Daniel Kestenholz

«Sie standen keine fünf Meter vor mir, der Mörder Chhim Phan und seine Opfer, ein junges Liebespaar.»

Youk Chhang ist Direktor des Dokumentationszentrums DC-Cam, das den Genozid der Roten Khmer dokumentiert. In seinem Büro in Phnom Penh stapeln sich Schachteln voller Archivpapiere, Fotos, Bücher. «Chhim Phan schlug mit einem Holzstock zu», sagt er. «In den Nacken. Genickbruch. Erst der Mann, dann die Frau.» Der heute 50-jährige Youk Chhang war damals 14. Die Menge rundum schrie «Töten! Töten!». Er wird die Szene nie wieder vergessen. Später wurde Youk Chhang von den Roten Khmer ins Gefängnis geworfen und verprügelt. Er hatte für seine schwangere Schwester wilde Pilze gesammelt. Todesangst hatte er nie. «Ich wusste, eines Tages werde ich die Mörder wiedersehen. Ich beschloss, sie vor Gericht zu bringen.»

Seit dem Sturz des Mörderregimes der Roten Khmer sind 33 Jahre vergangen. In den 1980er-Jahren herrschte im Land weiterhin Bürgerkrieg. 1992/93 brachte eine UNO-Mission Frieden. Phnom Penh glich aber auch danach eher einer Wildwest- als der alten Kulturstadt, die Mitte des 20. Jahrhunderts fortschrittlicher war als Bangkok. Seit der Jahrtausendwende verschwand das einstige Bürgerkriegsland der «Killing Fields» aus den Schlagzeilen.

Alle Widersacher ausgemerzt

Langzeitherrscher Hun Sen, der schon unter den Roten Khmer diente, merzte alle Widersacher aus. Seine kommunistische Volkspartei knechtet und stabilisiert das Land zugleich. Es herrscht ein Diktator, doch das Land boomt, in der Downtown ragen Hochhäuser in den Himmel. Phnom Penh ist die neue Hip-Destination von Reisenden mit coolen Bars und schicken Restaurants.

Abends flaniert man entlang der kolonialen Mekong-Promenade, dem Sisowath-Quai, wo sich die ganze Stadt zu tummeln scheint. Aus Lautsprechern scheppert Musik, es wird gelacht und getanzt. Im Verkehrsgewühl sind teuerste Luxusimporte zu sehen. Weit weg, im Südwesten der Stadt, noch hinter dem Flughafen, am Ende einer engen, staubigen Seitenstrasse findet ein Jahrhundertereignis statt: es ist der Sitz des UNO-Tribunals, des «wichtigsten Genozidtribunals des 21.Jahrhunderts», so Youk Chhang. Es behandelt gerade «Fall 002».

Ein kleiner Wegweiser markiert die Zufahrt zum Gericht, die Sicherheitsvorkehrungen sind lax, ausgerechnet bei einem Prozess gegen Massenmörder. Ein Ausweis wird nicht verlangt und schon sitzt man im Gerichtssaal, einem halbrunden Amphitheater, auf dessen Bühne die Angeklagten, Richter, Verteidiger und Staatsanwälte hinter Panzerglas sprichwörtlich einen Schauprozess abhalten – «öffentliche Blossstellung ist Teil der Strafe», kommentiert der Prozessbeobachter Christian Oesterheld.

Das Schauspiel beginnt um 9 Uhr

Man fühlt sich wie im Kino. Das Publikum sitzt in bequemen, rücklehnbaren Schalensitzen, Kopfhörer liefern Simultanübersetzungen. Die vorderste Reihe ist für Mönche reserviert. Das Schauspiel beginnt jeweils um 9 Uhr mit dem Aufziehen eines 30 Meter langen Vorhangs. In der Mitte sitzt der Angeklagte – Nuon Chea, der grösste noch lebende Massenmörder der Gegenwart: ein 85-jähriger Greis, der im Verhör für einmal nicht seine dunkle Markenzeichen-Sonnenbrille und die Wollmütze trug, als habe er nicht länger etwas zu verbergen.

Nuon Chea war Bruder Nummer zwei in der Angkar-Terrorhierarchie, Chefideologe von Revolutionsführer Pol Pot. Als Patriot habe er nur seine Pflicht getan: «Die Roten Khmer waren keine schlechten Menschen, sondern strenggläubige Buddhisten. Die Verbrechen, derer sie angeklagt sind, können sie unmöglich begangen haben.» Er habe sich für Volk und Nation aufgeopfert. Vietnam habe all die Kambodschaner umgebracht. Bald bittet der alte Mann um eine Pause, als sei die Erinnerung zu anstrengend.

Das Schauspiel hinter Panzerglas kostet 40 Millionen Dollar jährlich und zieht Schulklassen aus dem ganzen Land sowie Opfer und Täter von damals an. Das Fernsehen berichtet live aus dem Gericht, wo die sieben Richter in roten Roben einen Schlusspunkt unter den kambodschanischen Genozid zu setzen versuchen, dem 1,7 Millionen Menschen zum Opfer fielen.

Urteil scheint nebenrangig

Das Urteil selbst scheint nebenrangig. Lebenslänglich lautet die Höchststrafe, zu milde im Verhältnis zu den Verbrechen. «Was schon wäre fair», fragt Youk Chhang. Kambodscha ist eine buddhistische Nation. «Wir leben die Kultur der Vergebung. Egal, was jemand tat, in einem anderen Leben hat man dafür zu zahlen.» Beim Prozess gehe es nicht um die Strafe. «Kambodscha betrieb 30 Jahre lang Wahrheitsfindung. Wir leisteten viel aus eigenem Antrieb: ein Foltermuseum, Filme, das Dokumentieren von Massengräbern», sagt Youk Chhang.

Über den Prozess selber könne man streiten. So bot sich der frühere König Norodom Sihanouk für ein Verhör an. Sihanouk ist der letzte grosse Zeitzeuge Asiens. Von Pol Pot wie ein Vogel im Goldkäfig gehalten, rief er damals zum kommunistischen Widerstand im Dschungel gegen die Imperialisten auf. Die Richter wiesen das Angebot des Altkönigs ab, der zutiefst bedaure, dass er die Zukunft sah und doch nicht imstande war, sie zu verhindern.

Doch das Tribunal klammert die historische Einbettung aus. Amerikas Geheimkrieg mit der Flächenbombardierung des Ostens Kambodschas, was die Bevölkerung radikalisierte und entscheidend zum Aufstieg der Roten Khmer beitrug, ist vor Gericht tabu – und zugleich die Hauptverteidigung der Angeklagten, die auch den damaligen US-Aussenminister Henry Kissinger vorladen wollen. «Ohne Kissinger», so ein Verteidiger von Nuon Chea, «wären wir heute nicht hier.»

«Eine legitime Revolution» - am Anfang

«Am Anfang war es eine legitime Revolution», sagt der 69-jährige San Sok, ein Opfer der Roten Khmer, dessen Frau und jüngste Schwester unter dem Regime verhungerten. «Die meisten schlossen sich damals der Revolution an. Als Pol Pot 1975 an die Macht kam, war es zu spät. Ich traute der Revolution schon lange nicht mehr. Zu viele Freunde waren im Krieg umgekommen. Dass die Roten Khmer das eigene Volk umbrachten, das wussten wir alle schon 1974.»

San Sok ist kein zorniger Mann, der sich nach Gerechtigkeit sehnt. Er will verstehen. Er nahm die lange Reise aus der Provinz zum Prozess auf sich, um Nuon Chea endlich in die Augen zu blicken; einem dieser «gemeinen Mörder», wie der britische Ankläger Andrew Cayley sagte. «Sie raubten Jahrzehnte an Entwicklung und Wohlstand und hinterliessen in jeder Familie klaffende Löcher.»

Mit den alten Führern vor Gericht scheint auch das grosse Schweigen im Land gebrochen. Endlich fassten die vielen «kleinen Täter» Mut, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Youk Chhang spürte viele auf, die unter Androhung der Todesstrafe Befehle von oben ausführten. Wie Huon Kin (64), der zwei Menschen umbrachte. Er lebt heute zwei Kilometer von Phin Sam-On entfernt, einem Opfer. Phin Sam-On verlor neun Familienmitglieder. Der heute 50-Jährige nennt Huon Kin einen Nachbarn. Er empfindet keine Rachsucht. Auch der Täter muss keine Angst mehr haben. «Wir alle versprachen, einander nicht die Kinder wegzunehmen.»

«Ich will wissen, warum ich töten musste»

Er sei nach Phnom Penh gereist, weil er «wissen will, warum ich töten musste», sagt Huon Kin. Sein erstes Opfer Thuon wollte fliehen. Er erschoss ihn. Koam tötete er nicht selber, schaufelte aber sein Grab. Wie die meisten, die auf Befehl von oben töteten, spricht er von zwei Opfern. Das erleichtere das Verarbeiten des Traumas, erklärt Ly Sok-Kheang, der seine Doktorarbeit über die psychologische Aufarbeitung des Genozides verfasst. «Wir gehen davon aus, dass jeder Täter viel mehr Opfer auf dem Gewissen hat.»

Youk Chhang fühlt sich mit seiner Arbeit für alle Überlebenden verantwortlich, für Opfer wie Täter. Er hat 20000 Massengräber besucht. Chhim Phan, der damals das Liebespaar erschlug, sei heute ein «kleiner, magerer Kerl», sagt Youk Chhang. «Ich bin viel grösser als er. Könnte ihn am Kragen packen und hochheben.» Chhim Phan erkannte ihn nicht wieder. «Wie wollen sich die Täter auch an all ihre Opfer erinnern, es gibt so viele. Doch wir erinnern uns an sie.» Der «kleine, grinsende Kerl» sei geständig, «nur nicht die feigen Hauptschergen von Pol Pot. Wenn sie Männer wären, würden sie nicht immer behaupten, sie wären nie da gewesen», sagt Youk Chhang.

Wird die Bedeutung des Tribuunals verkannt?

Er fürchtet, dass die Bedeutung des Tribunals verkannt wird. Der Privatsender CTN stoppte bereits die Liveübertragungen. Einschaltquoten. Das Interesse an der Aufarbeitung scheint gering. Selbst Massenmörder Nuon Chea füllt keine Frontseiten mehr. Die Opfer wünschen keine Rache. Sie wollen verstehen, weshalb die älteren Herren feige die Verantwortung ablehnen – wie Oberboss Pol Pot, der 1998 wie ein Hund auf der Flucht starb.

Pol Pot zeigte nie Reue. Eingeäschert wurde er auf brennenden Autoreifen. Selbst Holzscheite schienen zu wertvoll für seinen Kadaver. Von seiner mittlerweile 25-jährigen Tochter Sitha fehlt jede Spur. Sie lebt angeblich in Malaysia oder Singapur und will so wenig an ihren Namen erinnert werden wie Kambodschaner an ihre Geschichte. 70 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 30. Sie verstehen den Schmerz von damals nicht.

Kleines Opfer der UNO-Leute

Mit dem abgelegenen Gerichtshof und der langen Anfahrt haben auch die hoch bezahlten UNO-Leute ein kleines Opfer darzubringen, sagt Youk Chhang. Schliesslich anerkannte die UNO das Mörderregime bis 1997 als Kambodschas rechtmässige Führung.

Das interessiert in Kambodscha nicht viele. Man war zu lange Opfer und hat sich zu lange mit schlimmen Fragen gemartert. Kambodscha will nur eines: nach vorn blicken.