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JORDANIEN: «Natürlich möchte ich ein besseres Leben»

630 000 syrische Flüchtlinge haben in Jordanien Unterschlupf gefunden. Dort sind sie zwar in Sicherheit, doch besser geht es ihnen deswegen nicht.
Aleksandra Mladenovic, Amman
Das 12-jährige syrische Flüchtlingsmädchen Nare kümmert sich ausserhalb des Zeltes mit ihrer Familie in Mafraq um Schafe. (Bild Aleksandra Mladenovic)

Das 12-jährige syrische Flüchtlingsmädchen Nare kümmert sich ausserhalb des Zeltes mit ihrer Familie in Mafraq um Schafe. (Bild Aleksandra Mladenovic)

Ausserhalb von Mafraq, einer jordanischen Stadt in der Nähe der Grenze zu Syrien: Ein Rumpelpfad führt inmitten der Trockensteppe zu einer Ansammlung von notdürftigen Zelten. Draussen füttert gerade ein Mädchen ein paar Schafe, als ihr der sandige Wind das Kopftuch fast vom Kopf bläst. Sie lächelt, packt das Tuch und bindet es sich gekonnt wieder um. Dann kommt sie angestürmt, reicht die Hand, zieht die Besucherin fest zu sich, ein Küsschen links, dann zwei rechts.

Was man hat, das teilt man

Die 12-jährige Nare teilt sich hier mit ihren Eltern, den drei Brüdern und ihrer Grossmutter ein Zelt. Es heisst, Schuhe ausziehen, eintreten und auf die ausgerollten Matten sitzen. Der freundliche Empfang setzt sich im Zeltinneren fort – sogleich werden einem süsser Tee und ein Aschenbecher gereicht. Die Familie hat gerade Besuch von Verwandten.

Das bisschen, was die von zu Hause Vertriebenen hier noch haben, teilen sie gerne. Auch das Obdach, wie eine Cousine der Familie erzählt: «Wenn es regnet, bin ich hier. Wenn es windet, bin ich hier. Und wenn es schneit, sowieso. Dieses Zelt ist stärker als meins und fällt nicht gleich um.» Das Material dafür hat die Familie von Jordaniern aus Mafraq geschenkt bekommen: Metallrohre, Planen, Tücher, Teppiche, Schnüre. Ein Mann, der in einem nahe gelegenen Haus lebt, hat gar eine Stromleitung zum Zelt gelegt. «Die Polizei hat ihn erwischt. Er musste eine Busse zahlen», berichtet Vater Hassan. Mit einem kleinen Ventilator kann sich die Familie dafür nun bei 38 Grad etwas abkühlen, und ein kleiner Fernseher sorgt für den Zeitvertreib.

70 Franken für den ganzen Monat

Gewohnt ist sich die Familie anderes. Vater Hassan war Lastwagenfahrer für ein Import-/Export-Unternehmen, die Familie hatte in einem Vorort von Damaskus ihr eigenes Haus, die Kinder gingen zur Schule. Als Flüchtling darf Hassan in Jordanien nicht arbeiten – wer zu oft bei illegaler Arbeit erwischt wird, wird nach Syrien zurückgeschickt. Obwohl die jordanischen Schulen auch syrische Kinder aufnehmen, die mehr als die Hälfte aller syrischen Flüchtlinge ausmachen, können Nare und ihre Brüder nicht zum Unterricht. «Der Weg zur nächsten Schule in Mafraq ist zu weit, und der Schulbus fährt hier nicht durch», erklärt Hassan. So vertreiben sich die Kinder die Zeit mit den Schafen, die ihnen ein Bauer geliehen hat. Für 50 jordanische Dinar im Monat (knapp 70 Franken) betreut die Familie die Tiere – die einzige Einkommensquelle. Von der Hilfsorganisation Caritas erhalten sie zusätzlich Lebensmittelgutscheine. «Das reicht uns zum Überleben, bis die Lage in Syrien wieder stabil ist», sagt Vater Hassan hoffnungsvoll.

Vor allem Nare, ein kleiner Wildfang, ist mit der Situation nicht zufrieden. Sie versteht nicht, warum sie und ihre Brüder nicht wie alle anderen Kinder mit Spielsachen spielen und die Schule besuchen können. «Nare» heisse so viel wie «Feuer», erklärt die Cousine. «Ich will Ärztin werden», sagt die 12-Jährige bestimmt. «Natürlich möchte ich ein besseres Leben haben», fügt Nare an, «vor allem aber möchte ich meinem Bruder dabei helfen, seine Sprache wiederzufinden. Das tut mir am meisten weh.» Ihr kleiner Bruder stottert sehr stark, seit die Familie Anfang 2012 aus Damaskus fliehen musste. Sie gelangte zunächst in das grosse Flüchtlingscamp Zaatari – floh jedoch nach wenigen Tagen. «Die Zelte waren dort so nahe beieinander. Das Camp war zu voll, und es gab nur öffentliche WCs», berichtet Nares Vater Hassan. Das sei vor allem wegen der Tochter problematisch gewesen – aus Sicherheitsgründen habe er sie immer begleiten müssen. «Hier haben wir wenigstens Platz und fühlen uns sicherer», sagt Hassan.

Nur ein kleiner Teil im Camp

Das Camp Zaatari liegt auf der anderen Seite der Stadt Mafraq – mehrere Kilometer ausserhalb. Mitten im Nirgendwo sieht man zunächst einen Zaun. Dahinter einen breiten Streifen Brachland. Und dann reihen sich Tausende kleiner Hütten aneinander. Luftbilder des 2012 eröffneten Camps gingen in den letzten Wochen über soziale Netzwerke um die Welt. Zaatari beherbergte zeitweilig über 200 000 Flüchtlinge – aktuell sind es knapp 80 000. «Immerhin haben sie inzwischen Hütten errichtet», sagt die Mitarbeiterin einer finnischen Hilfsorganisation, mit der wir ein Taxi teilen. «Zuvor mussten die Leute in Zelten hausen. Wenn es mal geregnet hat, lebten sie im Dreck.»

Die syrischen Flüchtlinge, welche im Grenzgebiet aufgefangen werden, werden jeweils direkt nach Zaatari oder in eines von zwei weiteren grossen Flüchtlingscamps (Azraq und Emirates Jordanian Camp) gebracht. Diese werden von der UNO-Flüchtlingsorganisation UNHCR geleitet und von jordanischen Sicherheitskräften überwacht. In den Camps registriert und versorgt die UNHCR die Menschen, weitere Hilfsorganisationen helfen mit bei der Organisation des Schulunterrichts, der gesundheitlichen Versorgung und vielem mehr. Allerdings leben derzeit nur zirka 15 Prozent aller syrischen Flüchtlinge in Jordanien in einem der Camps. Viele fliehen kurz nach ihrer Ankunft in die nahe gelegenen Städte.

In einem Stall für Schafe

Fliehen musste Diab mit seiner Frau und den acht Kindern nicht. Der ehemalige Supermarktinhaber aus Homs hatte ein Hüftproblem, die UNHCR hat ihn deshalb ziehen lassen und ihm eine neue, künstliche Hüfte bezahlt. Nun wohnt die Grossfamilie in zwei kleinen Räumen in Mafraq. Sie sind Teil eines ehemaligen Stalls für Schafe, den der Eigentümer umgebaut hat und nun an sechs Flüchtlingsfamilien vermietet. 100 jordanische Dinar im Monat zahlt ihm jede Familie dafür – 30 Dinar kommen für Strom und Wasser hinzu (insgesamt knapp 180 Franken).

Sahar, Diabs älteste Tochter, erfüllt die beiden kargen, grauen, nach Kardamom-Kaffee riechenden Räume mit ihrem Strahlen. Es ist das Strahlen einer Braut, wie Diab verrät. Er liegt in der Ecke auf einer dünnen Matratze – noch schmerzt ihn die operierte Stelle. Der Nachbarsjunge habe bei ihm vor kurzem um die Hand seiner 19-jährigen Tochter angehalten, sagt er stolz und sieht Sahar dabei liebevoll an. Bereits am 23. September sei es so weit. Der Junge komme ebenfalls aus Homs. «Mir ist es lieber so. So wird es einfacher, wenn wir eines Tages wieder nach Syrien zurückkehren können. Dann können wir zusammenbleiben», sagt Diab.

«Ich verkaufe meine Tochter nicht»

Die Hoffnung auf eine Rückkehr ist gross. Wenn sich die Lage nicht stabilisieren sollte, will die Familie einen Antrag auf Asyl in Kanada oder den USA stellen. In Homs hatte die zehnköpfige Familie ihr eigenes, grosses Haus. Sie konnte sich jedes Jahr Ferien am Meer leisten. «Unser Leben war himmlisch», sinniert Vater Diab. In Mafraq muss sich die Familie mit wenig zufriedengeben. Die älteren Söhne sind gerade in der Schule, die zwei jüngsten sowie die einjährige Farah begnügen sich mit einem Papierflugzeug, das sie aus einer Notizblockseite der anwesenden Journalistin gebastelt haben. Sahar hingegen begeistert deren Kamera, die sie ausprobieren darf. Vor dem Krieg hätte die 19-Jährige eine schön ausgerichtete Hochzeit in Homs feiern können. Hier wird sie sich das Hochzeitskleid für einen halben Tag mieten müssen.

Dabei hätte es auch anders kommen können. Schon mehrmals hätten ältere Männer bei ihm vorgesprochen, berichtet Diab. «Sie kamen aus Kuwait oder Saudi-Arabien und boten mir für die Hand meiner Tochter 7000 Dinar an (rund 9500 Franken).» Sie hätten ihm versichert, dass Sahar bei ihnen in einem schönen Haus wohnen und sich jeden Luxus werde leisten können. «Ich hatte nie Angst», sagt Sahar stolz, «ich wusste, dass mein Vater Nein sagen wird.» Dieser fügt an: «Ich sagte ihnen, ich verkaufe meine Tochter nicht. Das erschien mir einfach falsch.»

Solche Geschichten verlaufen oft anders, berichtet der 51-jährige Suhail, Koordinator der Feldeinsätze der Caritas in Jordanien: «Die Menschen sind in einer sehr prekären Lage, haben kein Geld und sind angewiesen auf die Hilfswerke. 7000 Dinar sind auch für mich viel Geld, geschweige denn für die Flüchtlinge.»

Von der Polizei verdächtigt

Sahar und ihre Familie flohen Ende 2013 aus Syrien, als sich die Lage im Land wegen der Angriffe der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verschärfte. Sie sind zwar Sunniten wie die IS-Terroristen, allerdings teilen sie nicht die gewaltverherrlichenden Ansichten der Extremisten. Dennoch werden sie von der Regierung des alawitischen Präsidenten Baschar el Assad verfolgt.

Bereits zuvor waren sie aus Homs geflohen, nachdem die syrische Polizei Vater Diab für einen Terroristen gehalten hatte. «Weil ich humpelte, dachten sie, ich hätte mir im Kampf eine Schusswunde geholt», berichtet er. Die Polizisten hätten ihn in einen Wald verschleppt, wo er sich habe nackt ausziehen müssen. Nachdem sie keine Schusswunden fanden, liessen sie ihn frei. Die Familie verkaufte ihr ganzes Hab und Gut und floh zunächst in ein kleines Dorf, wo sie ein Jahr lang ausharrte, bevor sie die Flucht nach Jordanien fortsetzte. Sämtliches Geld, das Diab noch hatte, gab er einem Schlepper, der ihn und seine Familie nachts in einem Auto ohne Scheinwerferlicht an die Grenze brachte. Dort harrte die Familie tagelang aus. «Wir hatten nur ein bisschen Wasser dabei. Es war kalt, und ich suchte die Gegend nach Brot ab, das wir im Wasser kochen und dann essen konnten», erinnert sich die 19-jährige Sahar. Am fünften Tag weckte das jordanische Militär die am Boden schlafende Familie und brachte sie ins Flüchtlingscamp Zaatari, wo sie zunächst vier Monate lang unterkam.

Die Menschenwürde zurückgeben

Suhail von der Caritas ist über die Jahre mit Hunderten solcher traumatisierter Familien in Kontakt gekommen. 2011 hat er als freiwilliger Helfer bei dem Hilfswerk angefangen, seit 2007 ist der Vater dreier Töchter bei der Caritas fest angestellt. «Wir müssen diesen Menschen ihre Menschenwürde zurückgeben», sagt er nachdenklich. Die Caritas hilft den Flüchtlingen mit Essensgutscheinen, zahlt zum Teil die Mieten und versorgt sie mit anderen nötigen Waren. Das Wichtigste sei aber, dass man sich für sie Zeit nehme, so Suhail. «Ich sage meinen Mitarbeitern immer, es ist mir lieber, wenn sie an einem Tag nur eine Familie besuchen, auf einen Kaffee bleiben und diesen Menschen wirklich zuhören, als dass sie 100 Familien einen kurzen Besuch an der Türschwelle abstatten.»

Wie notwendig dies ist, zeigt sich bei Nemer und seiner Familie, die in der Stadt Zarqa in einem Keller auf nacktem Betonboden haust. Seine Frau Halima hält das vier Wochen alte Baby in den Händen, der zweijährige Bub Hamad rollt apathisch auf dem Boden hin und her. Seine Beine sind deformiert, er spricht noch kaum und wird nie laufen lernen, wenn er die notwendige Operation nicht erhält. «Die würde 4000 Dinar (knapp 5500 Franken) kosten. Das Geld haben wir nicht», sagt Nemer mit traurigem Blick. Er und sein neunjähriger Sohn Ahmed betteln jeweils um Brotreste, die sie trocknen und dann an Bauern verkaufen, die sie wiederum an ihre Schafe verfüttern. Für einen 45-Kilo-Sack erhalten sie knapp 1,30 Dinar (1,80 Franken). Allein um die Miete für den Kellerraum bezahlen zu können, müssten sie monatlich 100 dieser Säcke verkaufen. Bis Dezember 2014 erhielt die Familie noch vom World Food Program (WFP) der UNO Essensgutscheine – diese wurden jedoch für die meisten Familien gestrichen, weil das WFP die Finanzierung nicht mehr sichern konnte. «Wenn es hier noch schlimmer wird, packe ich meine Familie und gehe zurück nach Syrien», sagt Nemer verzweifelt. «Ich sterbe dort lieber im Krieg als hier an Hunger.»

Während des Gesprächs bemerkt Suhail, dass das Baby krank ist. Er greift zum Telefon und ruft das Caritas-Center in Zarqa an, um für die Familie einen Termin zu vereinbaren. Sechs solcher Center betreibt das Hilfswerk in Jordanien. Die Flüchtlinge können sich dort registrieren lassen und erhalten nebst Lebensmittelgutscheinen auch eine medizinische Grundversorgung.

Auch für Einheimische etwas tun

Die Center sind gut besucht. Sie bieten den Flüchtlingen – aber auch bedürftigen Jordaniern – die dringend nötige Unterstützung, aber auch die Möglichkeit, soziale Kontakte zu pflegen. So treffen hier regelmässig jordanische und syrische Frauen zusammen, um etwa gemeinsam zu kochen. In den «Child friendly spaces» spielen Kinder mit Puppen, malen oder lesen Bücher – Dinge, die sie in ihrer oft notdürftigen Unterkunft nicht tun können. Überall da, wo die Caritas nicht helfen kann, vermittelt sie die Flüchtlinge an weitere Stellen – Ärzte, Psychologen, andere Hilfswerke. Rund 30 Prozent der Hilfe richtet sich an Jordanier. «Die Anwesenheit der Flüchtlinge ist zum Dauerzustand geworden», sagt Suhail. «Damit steigen auch die Spannungen.» So hätten die Einheimischen etwa Angst, die Flüchtlinge könnten ihnen die Jobs strittig machen. Zwar dürfen sie legal nicht arbeiten, können gerade im Niedriglohnsektor mit illegaler Arbeit aber auch die branchenüblichen Löhne drücken. Suhail erklärt: «Um die Solidarität in der Bevölkerung für die Flüchtlinge und ihre Lage zu wahren, müssen wir auch für die Einheimischen etwas tun.»

Aleksandra Mladenovic, Amman

Lange Tradition der Hilfe

Hilfswerk mla. Das Hilfswerk Caritas ist seit 1968 in Jordanien tätig – einer konstitutionellen Monarchie mit rund 6,7 Millionen Einwohnern. Das Land hat eine lange Tradition in der Aufnahme von Flüchtlingen. So nahm es etwa 1967 nach der Niederlage im Sechstagekrieg zwischen Israel und den arabischen Staaten 400 000 Flüchtlinge aus Palästina auf.

Auf diesen Konflikt ist auch die Gründung von Caritas Jordan zurückzuführen. Aktuell haben laut der UNO-Flüchtlingsorganisation UNHCR rund 630 000 Flüchtlinge aus Syrien Unterschlupf in Jordanien gefunden sowie weitere 30 000 aus dem Irak und 5000 Flüchtlinge aus anderen Staaten. Frühere Flüchtlingswellen mit einberechnet, ist heute fast jeder zweite Einwohner Jordaniens ein Flüchtling.
Die Caritas Jordan mit Hauptsitz in der jordanischen Hauptstadt Amman betreibt inzwischen sechs Zentren. Für das laufende Jahr hat die Organisation ein Budget von rund 20 Millionen Franken zur Verfügung. Rund 2 Millionen Franken stammen von Caritas Schweiz.

Eine zehnköpfige Flüchtlingsfamilie aus Homs in Syrien haust in Mafraq in einem umgebauten Stall für Schafe. (Bild Aleksandra Mladenovic)

Eine zehnköpfige Flüchtlingsfamilie aus Homs in Syrien haust in Mafraq in einem umgebauten Stall für Schafe. (Bild Aleksandra Mladenovic)

Nemer mit seiner Familie: Der zweijährige Hamad rollt apathisch auf dem Boden hin und her. (Bild Aleksandra Mladenovic)

Nemer mit seiner Familie: Der zweijährige Hamad rollt apathisch auf dem Boden hin und her. (Bild Aleksandra Mladenovic)

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