Joschka Fischer
Joschka Fischer lobt Schweiz als Modell für die EU

Joschka Fischer, der frühere deutsche Aussenminister und Vizekanzler, äussert sich über die Vorbildrolle der Schweiz, seine Freude über den Atomausstieg und die Fehler seines Nachfolgers.

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Chris Iseli

«Der Röstigraben ist faszinierend und lehrreich.» Mit diesem Satz begründet der 63-jährige frühere deutsche Aussenminister und Vizekanzler Joschka Fischer im Interview mit der az, weshalb Europa aus der Geschichte der Schweiz wichtige Lehren für die aktuelle Schulden- und Eurozonen-Krise ziehen könnte. «Die Schweiz hat seit 1848 gezeigt: Es geht», argumentiert Fischer und verweist auf das gelungene Integrationsprojekt und den beispielhaften Umgang mit Minderheiten.

Die Deutschschweiz, die Romandie und der Tessin hätten ihre Identität behalten. Die Kulturunterschiede zwischen den verschiedenen Landesteilen seien heute immer noch gross, obwohl die moderne Schweiz schon über 160 Jahre lang bestehe.

Keine Schadenfreude

Den Schritt vom Statenbund zum Bundesstaat müsse jetzt auch die EU vollziehen, fordert der überzeugte Europäer. Die aktuelle Krise biete die Chance, Winston Churchills Ziel der «Vereinigten Staaten von Europa» endlich zu verwirklichen - andernfalls drohen der Gang zurück zu Nationalismus und das Scheitern des Projekts Europa.

Fischer warnt auch vor Schadenfreude über die Eurozonen-Krise. «Allen, eingeschlossen der Schweiz, ist dringend davon abzuraten, sich eine auseinanderbrechende EU zu wünschen. Dafür würden wir alle einen hohen Preis zahlen.»

Kritik an deutscher Regierung

Joschka Fischer übt im az-Interview auch starke Kritik an der deutschen Regierung von Angela Merkel. Die Bundeskanzlerin hätte schon längst einmal Griechenland besuchen und den Menschen vor Ort wieder eine Perspektive zurückgeben sollen, findet er.

Richtiggehend zornig ist Fischer auf das deutsche Abseitsstehen im Libyen-Krieg. Er kann bis heute nicht verstehen, weshalb Deutschland bereit war, einem angekündigten Massaker gegen Zivilisten tatenlos zuzusehen.