Jüngster Staatschef seit Napoleon

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Macron (Bild: Keystone)

Macron (Bild: Keystone)

Es war ein eindeutiger Sieg: Emmanuel Macron setzte sich im zweiten Durchgang der französischen Präsidentenwahl mit rund zwei Dritteln der Stimmen gegen Marine Le Pen durch. Laut Hochrechnungen erhielt der Parteilose ­Macron bei Redaktionsschluss 63,7 Prozent der Stimmen, die Nationalistin Marine Le Pen 36,3 Prozent. Das entspricht den Prognosen der Pariser Umfrage­institute der vergangenen zwei Wochen. Die Stimmbeteiligung lag unüblich tief, die Zahl der Leerstimmen mit fast 9 Prozent überraschend hoch.

Macron dankte in einer ersten Stellungnahme seinen Wählern. Er richtete sich aber auch ausdrücklich an Le Pens Anhänger und erklärte: «Ich weiss um die Wut, die Angst und die Zweifel.» Deshalb wolle er «die Schwächsten schützen». Dem Terrorismus sagte er den Kampf an. In den ersten Reaktionen kam weit über Frankreich hinaus die ­allgemeine Erleichterung über die ­Niederlage der Populistin Le Pen zum Ausdruck. Auch US-Präsident Donald Trump gratulierte offiziell. Vielenorts wurde betont, dass der erst 39-jährige Wahlsieger sein Land «erneuern» könne und müsse. Der öffentlich-rechtliche TV-Sender France 2 präsentierte ihn gestern Abend als «Frankreichs jüngsten Staatschef seit Napoleon».

Zeitenwende im Elysée-Palast

Macrons Wahl bedeutet für die Pariser Politik eine Frischzellenkur, denn auch bei den Parlamentswahlen im Juni will seine Bewegung «En Marche!» mit vorwiegend neuen Gesichtern aus der Zivilgesellschaft antreten. Im Elysée-Palast, aber auch im Regierungssitz des Hôtel Matignon und in der Nationalversammlung steht damit eine Zeitenwende an. Der Le-Pen-Gefährte und EU-Gegner Nicolas Dupont-Aignan erklärte allerdings, Macron befolge, so neu er sich gebe, «alte politische Rezepte». Macron feierte seinen Wahlsieg am Abend im grossen Innenhof des Louvre-Museums in einem Meer von Frankreich- und Europa-Fähnchen. Pariser Kommentatoren sahen in der Kulisse der Louvre-Pyramide ein Symbol für den Erneuerungswillen einer alten Nation. Der linke Leitartikler Laurent Joffrin mahnte allerdings, die Pyramide sei aus Glas – und somit Zeichen eines «schönen, aber fragilen Wahlsiegs».

Fragil ist er, weil die Stimmbeteiligung 5 Prozentpunkte tiefer als bei früheren Präsidentenwahlen lag. Zudem enthielten sich über 4 Millionen Wähler – fast 9 Prozent der Abstimmenden – ihrer Stimme. Offensichtlich wollten sie Le Pen verhindern, ohne deshalb für Macron stimmen zu müssen. Es ist ein Zeugnis der verbreiteten Skepsis gegenüber seinem vagen Wahlprogramm. ­Macron dürfte sein Amt in einer Woche mit einer feierlichen Stabsübergabe durch François Hollande antreten. Noch diese Woche will er die Liste seiner Kandidaten für die Parlamentswahlen im Juni bereinigen. Laut Umfragen könnte er mit «En Marche!» die absolute Mehrheit der Sitze knapp verpassen. Seine präsidialen Wahlvorschläge wären damit nur noch schwer durchsetzbar.

Marine Le Pen beglückwünschte den Sieger. Die Chefin des Front National erklärte, ihre Partei werde die «erste Oppositionskraft» sein. Die Zunahme ihrer Stimmen im Vergleich zu früheren Präsidentschaftswahlen ist spektakulär: In der Stichwahl 2002 hatte ihr Vater Jean-Marie Le Pen 5,5 Millionen Stimmen erzielt, nun kommt seine Tochter auf das Doppelte. Trotzdem erzielte Le Pen ein enttäuschendes Resultat. Umfragen sagten ihr mehr als 40 Prozent Stimmen voraus. Doch im TV-Duell trat sie zu aggressiv auf, und auch die angeblich russische ­Hackerattacke auf Macrons Wahlkampf-Equipe schadete zuletzt eher ihr, da sich viele Franzosen solche Manipulationsversuche von aussen verbieten. Die Justiz nahm gestern Vorermittlungen rund um die «Macron-Leaks» auf. (sbp)