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Türkei: Junge Akademiker auf der Flucht vor Erdogan

Staatschef Recep Tayyip Erdogan möchte sein Land zu einem globalen Zentrum der Forschung machen. Jedoch steigt die Zahl junger türkischer Akademiker, die sich von ihrer autokratisch regierten Heimat abwenden.
Gerd Höhler, Athen
Präsident Recep Tayyip Erdogan vergrault mit seiner autokratischen Politik viele Nachwuchs-Talente in seiner Heimat. (Bild: AP; Istanbul, 16. Mai 2019)

Präsident Recep Tayyip Erdogan vergrault mit seiner autokratischen Politik viele Nachwuchs-Talente in seiner Heimat. (Bild: AP; Istanbul, 16. Mai 2019)

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan will sein Land attraktiver für Wissenschaftler machen. Das dürfte nicht leicht werden. Denn immer mehr junge Akademiker gehen auf der Suche nach mehr Freiheit und besseren Berufschancen ins Ausland.

«Wir werden die Türkei bald zu einem bedeutenden Anziehungspunkt für Wissenschaftler machen», verkündete Erdogan vergangene Woche in Ankara. Die Realität sieht anders aus. Die Türkei leidet unter einem Exodus von Akademikern. 6021 Hochschullehrer hat Erdogan seit dem Putschversuch vom Juli 2016 per Dekret entlassen. 15 private Universitäten wurden geschlossen. 2017 verliessen rund 250000 junge Türken ihre Heimat. Das waren fast doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Die Auswanderer waren überwiegend gut ausgebildete Fachkräfte, Computerspezialisten und Akademiker im Alter zwischen 25 und 34 Jahren. Fast sechs von zehn kommen aus Grossstädten wie Istanbul, Ankara oder Izmir. 2018 dürfte die Zahl der Auswanderer weiter angestiegen sein, auch infolge der Wirtschaftskrise.

Aussichten auf politischen Wandel
verschlechtern sich

Erdogan weint den Auswanderern keine Träne nach: Man solle ihnen die Tickets bezahlen und sie ins Flugzeug setzen, denn «solche Bürger sind nichts als eine Last für unser Land», so der Präsident. Die erste grosse Auswanderungswelle kam 2013 nach der Niederschlagung der Gezi-Proteste. Seit dem Sommer 2016 löste die Welle von «Säuberungen», mit denen Erdogan seine Kritiker verfolgt, einen neuen Exodus aus. Darunter leiden nicht nur die Wirtschaft und die Wissenschaft. Auch die Aussichten auf einen politischen Wandel verschlechtern sich, wenn nun jene massenhaft abwandern, die einen solchen Wandel herbeiführen könnten.

Nach einer Mitte Mai veröffentlichten Studie der Oppositionspartei CHP trägt sich jeder vierte junge Türke mit dem Gedanken auszuwandern. Der Grund, so die Studie, ist nicht nur die hohe Jugendarbeitslosigkeit von fast 27 Prozent. Viele junge Menschen fliehen auch vor dem zunehmend repressiven politischen Regime und einem Bildungssystem, das nach einem Ranking des World Economic Forum unter 137 Staaten auf Platz 99 liegt – noch hinter Katar, dem Iran und Pakistan.

Diese Talentflucht ist umso bestürzender, wenn man bedenkt, dass die Türkei während der Zeit der Nazi-Diktatur Zufluchtsort für viele verfolgte Deutsche war. Mehr als 80 namhafte deutsche Wissenschafter fanden damals in der Türkei nicht nur Schutz vor Verfolgung durch die Nationalsozialisten, viele von ihnen halfen beim Aufbau türkischer Hochschulen und prägten so das Bildungswesen oder brachten ihre Kenntnisse in die öffentliche Verwaltung ein.

Schülerin möchte lieber in Köln studieren

Darunter waren der Volkswirtschaftsprofessor Gerhard Kessler, der 1946 an der Gründung der ersten türkischen Gewerkschaft mitwirkte, der Ökonom Fritz Neumark, der die türkische Regierung in Wirtschaftsfragen beriet, und der spätere Berliner Bürgermeister Ernst Reuter, der als Berater im türkischen Verkehrsministerium arbeitete. Jetzt wird Deutschland zum Fluchtpunkt für viele junge Türken, die in ihrer Heimat keine Zukunft sehen. Wie Arife Vildan.

Die zwölfjährige Schülerin sorgte kürzlich für Aufsehen, als sie in einer TV-Sendung auf die Frage der Moderatorin, was sie denn später einmal machen wolle, sagte: «Ich möchte an der Universität Köln Medizin studieren und dann vielleicht Deutsche werden.» Das Mädchen löste wütende Hasstiraden türkischer Nationalisten aus. Man solle Arifes Eltern als «Verräter» bestrafen, twitterte jemand. Das dürfte schwierig werden. Arife Vildan wuchs in einem Waisenhaus auf.

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