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JUSTIZ: Mord – und trotzdem unschuldig?

Am Montag startet der Prozess gegen die beiden Frauen, die verdächtigt werden, den Halbbruder von Kim Jong Un ermordet zu haben. Dabei sind sie wahrscheinlich selbst nur Opfer eines skrupellosen Regimes.
Felix Lee
Das südkoreanische Fernsehen berichtet über die Ermordung von Kim Jong Uns Halbbruder. (Bild: Ahn Young-joon/AP (Seoul, 14. Februar 2017))

Das südkoreanische Fernsehen berichtet über die Ermordung von Kim Jong Uns Halbbruder. (Bild: Ahn Young-joon/AP (Seoul, 14. Februar 2017))

Felix Lee

Als Siti Aisyah Mitte April zum ersten Mal vor einem Gericht in der malaysischen Hauptstadt erschien, wirkte sie noch zuversichtlich, dass sie straffrei davonkommen würde. Die 25-jährige Indonesierin lächelte. Schliesslich sei sie hinters Licht geführt worden. Sie und ihre Mitangeklagte hätten beide gedacht, an einer harmlosen Fernsehsendung mit versteckter Kamera teilzunehmen. Sie sollten den ihnen ausgewiesenen Mann lediglich überraschen, einen Streich spielen. Keiner von beiden hätte vermutet, dass sie den spektakulärsten Mord dieses Jahrzehnts be­gehen würden.

Den beiden Angeklagten droht die Todesstrafe

Schon bei der zweiten Anhörung Ende Mai sah Aisyah sehr viel blasser aus. Inzwischen war sie im Bilde, wem sie am Morgen des 13. Februar auf dem Internationalen Flughafen von Kuala Lumpur die Substanz ins Gesicht geschmiert hatte: Kim Jong Nam, dem Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers. Bei der dritten Anhörung brach sie in Tränen aus. Ihr Anwalt verlas einen Brief, der an ihre Familie gerichtet war. «Betet einfach für mich, dass der Fall bald beendet ist und ich nach Hause kommen kann.»

Wegen des Giftmords am Halbbruder von Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un wird ihr und Doan Thi Huong aus Vietnam am Montag der Prozess gemacht. Ihnen wird vorgeworfen, den 45-jährigen Kim Jong Nam mit dem Nervengas VX vergiftet zu haben. Ihnen droht bei einer Verurteilung die Todesstrafe.

Nur: Sind sie wirklich schuldig? Doug Bock Clark, Journalist der US-Ausgabe des Magazins «GQ», hat sich in den letzten Monaten intensiv mit den Hintergründen des Mordes beschäftigt. Und ihm kommen Zweifel auf, ob den beiden Frauen wirklich bewusst war, zu was sie an jenem Februarmorgen angestiftet wurden.

Nach monatelangen Recherchen ist es ihm gelungen, aufs Detail zu rekonstruieren, wie die nordkoreanischen Auftraggeber Kontakt zu den beiden Frauen aufgenommen hatten.

Die Geschichte von Doan Thi Huong ist schnell erzählt. Sie ist in einem vietnamesischen Dorf aufgewachsen, war für 20 Sekunden berühmt, als sie bei der Casting-Show «Vietnam Idol» einen Auftritt hatte, und landete im Rotlichtviertel von Hanoi als Eskortdame. Ein verdeckter Agent aus Nordkorea rekrutierte sie.

Aisyah ist den Recherchen zufolge am 5. Januar angeheuert worden. Ein Mann, der sich ihr gegenüber als japanischer Geschäftsmann ausgegeben hatte, habe ihr angeboten, eine Rolle in einer Reality-Show zu übernehmen. Sie solle bei laufender Kamera Passanten mit Baby-Öl einschmieren. In den darauffolgenden Wochen zog sie mit einem Kameramann mehrmals durch Einkaufszentren von Kuala Lumpur, schmierte Männern Öl ins Gesicht, entschuldigte sich und verschwand. Pro Dreh erhielt sie 100 US-Dollar bar auf die Hand – mehr als das Sechsfache, was sie normalerweise für den Service bei einem Kunden bekommen würde nach Abzug des Anteils an ihren Vermittler. In ihrem Heimatdorf bei ihren Eltern in Indonesien hat sie einen neunjährigen Sohn zu versorgen. Selbst Tage nach ihrem begangenen Attentat ahnte sie noch immer nichts Schlimmes.

Ihre Festnahme war für die malaysischen Behörden denn auch einfach. Sie fanden sie im Flamingo Hotel, das Zimmer auf Stundenbasis vermietet. Sie war mit einem Kunden beschäftigt. Polizisten führten sie ab und sperrten sie in eine Gefängniszelle. Beim ersten Verhör fragte sie bloss, wann sie endlich raus- dürfe. Beim zweiten Mal beschwerte sie sich, dass sie noch immer nicht für den Sketch bezahlt wurde. Erst beim vierten Verhör dämmerte ihr, dass ihre Festnahme nicht Teil des Drehs war. Vom nordkoreanischen Machthaber wusste sie nichts. Sie verfolgte keine Nachrichten. Als ihr ein Bild des toten Halbbruders gezeigt wurde, brach sie in Tränen aus.

Für den malaysischen Polizeichef war der Fall zunächst eindeutig. Schliesslich waren die zwei Frauen direkt nach dem Attentat auf die Toilette geeilt und hatten sich ihre Hände gewaschen. Das belegen Aufnahmen der Überwachungskameras. Aus seiner Sicht wussten sie also offensichtlich vom Wirkungsgrad des Gifts. Die Anwälte der beiden Frauen fragen jedoch: Will man sich nicht immer die Hände waschen, nachdem man etwas Schmieriges angefasst hat?

Vier weitere Verdächtige konnten entkommen

Aisyah und Huong sind die Einzigen, die sich in dem Mordfall vor Gericht verantworten müssen. Vier Verdächtige konnten nach der Tat sofort nach Nord­korea entkommen. Drei weitere verschanzten sich in der nord­koreanischen Botschaft in Kuala Lumpur. Sie erhielten anderthalb Monate später eine Ausreiseerlaubnis – nachdem das Regime in Nordkorea malaysische Geschäftsleute ausfliegen liess, die es bis dahin in Pjöngjang als Geiseln festgehalten hatten.

Als «unfair» und «tragisch» bezeichnen die Anwälte der beiden Frauen das Vorgehen der malaysischen Behörden. Die Drahtzieher durften das Land verlassen. Ihre Mandantinnen hingegen müssten nun als Sündenböcke herhalten für einen Mord, von dem sie nicht wussten, dass sie ihn begehen würden.

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