KAIRO: Metropole der Widersprüche

Nach neun Jahren verlässt unser Korrespondent die ägyptische Hauptstadt. In seiner Abschiedsreportage blickt er zurück auf die enthusiastischen Monate während des Arabischen Frühlings – und beschreibt eine Stadt, in der die Hoffnung erloschen ist.

Martin Gehlen, Kairo/Tunis
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Der Geist der Protestbewegung, der im Arabischen Frühling vor vier Jahren den Tahrir-Platz überzog, ist heute kaum mehr zu spüren. (Bild: Katharina Eglau (Kairo, 8. März 2013))

Der Geist der Protestbewegung, der im Arabischen Frühling vor vier Jahren den Tahrir-Platz überzog, ist heute kaum mehr zu spüren. (Bild: Katharina Eglau (Kairo, 8. März 2013))

Martin Gehlen, Kairo/Tunis

Die Pyramiden von Giza im Rücken, das flimmernde Kairo zu Füssen: Wer sich um die Mittagszeit bei den pharaonischen Wahrzeichen Ägyptens aufhält, erlebt ein akustisches Spektakel. Punkt zwölf Uhr sowie vier weitere Male am Tag schallt der sogenannte Azzan, der Gebetsruf der Muslime, durch die Stadt am Nil. Die religiösen Rituale gehören in Kairo zum öffentlichen Leben. Während der Revolution 2011 wurde gar der Tahrir-Platz zur Freiluftmoschee.

Jeder zweite Taxifahrer betört sich in seinen vier Blechwänden den ganzen Tag mit lauter Koranmusik. Während des Ramadan gilt das Murmeln des Korans von vorne bis hinten als wichtiger Schritt in Richtung Paradies. Egal ob in der überfüllten Metro, auf abgewetzten Stühlen vor Hauseingängen oder zwischen parkierenden Autos auf der Bordsteinkante – an allen Ecken und Enden finden sich im islamischen Fastenmonat Gläubige, demonstrativ vertieft in das heilige Buch der Muslime.

Mindestens 4000 Moscheen beherbergt die ägyptische Hauptstadt. Hinzu kommen 50 000 Minigebetsräume, die Zawayas heissen. Die Lautsprecher auf den Dächern sind bisweilen grösser als die Garagenmoscheen im Erdgeschoss, die dem Hauseigentümer ewigen Lohn im Himmel und einen Steuervorteil auf Erden bescheren. Doch immer mehr Bürger beschweren sich beim zuständigen Ministerium für religiöse Stiftungen, wenn ihr lokaler Muezzin morgens um vier mit 130 Dezibel sein «Beten ist schöner als Schlafen» durch ihre Wohnstrasse dröhnt. Selbst die altehrwürdige Lehranstalt Al Azhar wertete die Kairoer Praxis inzwischen als «Lärmbelästigung».

Tägliche Gebetsrufe als «heilige Pflicht»

Trotzdem will es nicht gelingen, dem penetranten Sendungsbewusstsein per Lautsprecher einen Riegel vorzuschieben. Für Scheich Ismail Nourmani, der der «Moschee des Lichtes» an der Nil-Corniche vorsteht, sind seine täglichen Gebetsrufe «heilige Pflicht». Auch der Nebenerwerbs-Imam Khaled von der Zawaya nahe dem Fini-Platz im Stadtteil Dokki kann die Aufregung nicht verstehen. Kritik daran, dass er morgens die gesamte Nachbarschaft für ein halbes Dutzend Frühbeter aus dem Schlaf reisst, quittiert er mit gottgewissem Achselzucken. Er rufe seit 25 Jahren und würde das gerne noch weitere 25 Jahre tun, wenn Allah ihm das vergönne. Wem das nicht passe, findet er, der könne ja wegziehen.

Neun Jahre lang haben wir Khaleds blechernes Gotteslob ertragen, jetzt ziehen wir weg – nach Tunis. Wir verlassen Kairo, die Stadt, die schon beim Anflug wirkt wie eine endloser Teppich aus staubigen Häuserklötzchen, durch dessen Mitte sich schwarz und träge der Nil schlängelt. An Tagen, an denen die diesige Abgasglocke nicht allzu tief hängt, kann man aus der Luft sogar die Pyramiden ausmachen, das einzige noch existierende Weltwunder der Antike. Kairo, die Stadt des Gebets und des Lasters, die Stadt der tausend Minarette und tausend Nachtklubs, die Stadt der guten Laune, der schlechten Luft und des heillosen Verkehrschaos. Qualmende Minibusse überholen hier ratternde Tuk-Tuks, Eselskarren fahren Seite an Seite mit Pferdekutschen, funkelnde deutsche Edelschlitten kreuzen zwischen Rostlauben aus den Fünfzigerjahren. Fast jeder ist auf ein eigenes Fahrzeug angewiesen, öffentliche Busse sind eine Seltenheit.

«Fahr auf die Seite, du Eselskutscher», ist der Standardfluch hinterm Steuer. Kein Wunder, dass Kairos Bürgermeister seit einem halben Jahrhundert versuchen, die Eselskarren von den Strassen zu verbannen. Diese Gefährte seien eine Gefahr für den Verkehr und verbreiteten ein schlechtes Image von Ägypten, argumentierten sie. Sechs Mal nahmen die Stadtväter seit 1973 Anlauf, zuletzt 2016 – ohne jeden Erfolg.

«Es stimmt, dass unsere Karren bisweilen den Verkehr behindern», räumt einer ein, der mit seinem Vehikel in unserer Strasse in Dokki Alteisen und Papier sammelt und dessen Esel nachts mit im Haus schläft. «Doch bei den ständig verstopften Strassen», scherzt er, «kommen auch die Autos kaum schneller voran.» Sich unter solchen Bedingungen Tag für Tag durchzuschlagen, erfordert ein breites Spektrum an Charaktereigenschaften. Und so sind Ägypter meist beides: liebenswürdig und verbohrt, humorvoll und aufbrausend, hilfsbereit und rücksichtslos. Ihre Hauptstadt ist das Herz der arabischen Welt. 2011 feierten die Kairoer auf dem Tahrir-Platz die erste Revolution seit den Pharaonen. Damals zogen die Bilder des Arabischen Frühlings den gesamten Globus in ihren Bann. Kairo wurde im Nahen Osten zur Drehscheibe der Hoffnung. Heute, gut sechs Jahre später, ist davon nichts geblieben. Alle Blütenträume sind verwelkt, die altbekannte, erstickende Ohnmacht ist zurückgekehrt. Die Menschen auf den Strassen sind stumm und verängstigt. Mit ihren politischen Sehnsüchten haben sie sich wieder verkrochen in die virtuelle Welt von Twitter und Facebook.

Die Zivilgesellschaft wird erstickt

Politisch herrscht Friedhofsruhe. Mehr als 60 000 Menschen sind hinter Gittern, Hunderte Aktivisten spurlos verschwunden. Das kürzlich in Kraft gesetzte NGO-Gesetz wird auch noch die Reste der ­Zivilgesellschaft ersticken. Selbst das ­renommierte Nadeem-Zentrum zur Behandlung von Opfern von Gewalt und Folter, die einzige Hilfsorganisation für Misshandelte im ganzen Land, wurde gezwungen zu schliessen. Seit dem Beginn ihrer Einrichtung 1993 habe es in Ägypten noch nie solche Zustände gegeben, beklagt Nadeem-Mitbegründerin Aida Seif al-Dawla beim Gespräch in ihrer Wohnung. Die Brutalität der Folter habe extrem zugenommen. In den Gefängnissen gebe es «exzessive sexuelle Gewalt» – gegen Frauen und Männer gleichermassen. Die heutige Regierung agiere ohne jeden Skrupel. Ihre Mitglieder würden sich ganz offen ihrer Untaten brüsten – getragen von einem auch von den Medien aufgeheizten öffentlichen Klima, sagt die Medizinprofessorin, die Psychiatrie an der Ain-Shams-Universität lehrt. «Wir werden euch die Luft zum Atmen nehmen», habe ein Regimemitglied kürzlich zu ihr gesagt. «Und das ist das, was sie tun». sagt al-Dawla.

Im Kairoer Alltag ist von diesem politischen Brodeln noch wenig spürbar. Attentate richten sich vor allem auf Polizeiposten an den Rändern der Stadt. Wie eh und je herrscht in den warmen Nächten unbeschwerter Vollbetrieb auf den Nilbrücken. Die weissen, roten und gelben Plastikstühle entlang der staubigen Geländer sind dann voll besetzt, fliegende Teekocher und Cola-Verkäufer bedienen die Kundschaft. Auf der berühmten Qasr- el-Nil-Brücke mit ihren vier Bronzelöwen stehen junge Paare Hand in Hand am Geländer. Musiker trotzen dem allgegenwärtigen Verkehrsgetöse mit ihrer Gitarre. Dazwischen dösen Angler, die den ganzen Abend zwei, drei kleine Fischlein, oft auch nur dornige Zweige, aus dem trüben Wasser ziehen.

«Ägypter sind Überlebenskünstler», sagt Abdel-Halim Ibrahim, Architekt an der Kairo-Universität. Ihn wundere es immer, wie Menschen unter solchen Umständen nicht nur durchhalten, sondern auch noch Glück empfinden können. «Für mich ist das der Kern der ägyptischen Kultur: Sie hat viele tausend Jahre erlebt, und sie wird weiter überleben.» So wie in Sichtweite der Brückenlöwen in dem hellerleuchteten Musiktempel auf der Nilinsel Zamalek, in dem sich die Kulturbewussten zu Opern und Symphonien treffen. Wer hier als Dirigent oder erster Geiger arbeitet, braucht eiserne Nerven. In jeder Vorstellung schellen Handys, Touchscreens leuchten, Zuschauer twittern oder filmen ungeniert das Konzert. Zwischendurch knallen die Saaltüren, weil jemand auf die Toilette muss oder ein ganzer Klan zu spät kommt und mit zittrigen Smartphone-Leuchten seine Plätze sucht. Richtig still wird es nie im halbrunden Auditorium, es sei denn, das Orchester prügelt die Unruhe einmal entschieden nieder – mit Beethovens Fünfter oder dem Radetzky-Marsch.

Von solchen Kulturkämpfen im Opernhaus weiss Rida al-Baguri nichts, auch wenn er mit einem speziellen Kulturgut handelt. Früher war der 63-Jährige mit den weissen Haaren Offizier in der ägyptischen Armee, jetzt nennt er sich «King Soliman». Täglich um 17 Uhr öffnet er seinen Laden, der vollgestopft ist mit alten Radios und Grammofonen. Bald treffen die ersten Kunden ein, um das Geschäft wenig später meist schwerbepackt wieder zu verlassen – in jeder Hand eine dicke schwarze Plastiktüte.

Verbotenes zwischen verstaubten Sammlerstücken

Denn «King Solimans» verstaubte Sammlung dient nur als Fassade. In Wahrheit ist er einer von mehreren hundert nichtlizenzierten Alkoholhändlern, die das spärliche Angebot der 19 offiziellen Läden ergänzen. Verborgen in seiner Schatzkammer hinter der braunen Schiebetür lagert Rida al-Baguri wandhoch die einheimischen Weine. In den beiden Kühlschränken stapelt sich das ägyptische Bier der Marken Sakkara und Stella. Lediglich von dem gefälschten schottischen Whiskey in seinem Sortiment rät er seinen ausländischen Kunden mit besorgter Miene ab. Dabei schwört er, noch nie auch nur einen Tropfen von der eigene Ware gekostet zu haben. Schliesslich sei er ein guter Muslim, und Alkohol ist im Islam verpönt.

Was er über seine Kunden denke? «Ich bin nur ein einfacher Händler», wehrt Rida al-Baguri ab. «Möge Allah über meine Kunden richten», lacht er, während eine Strasse weiter, hoch über den Dächern von Dokki, der Nebenerwerbs-Imam Khaled wieder gewohnt laut zum Abendgebet ruft.

Martin Gehlen und seine Ehefrau, die Fotografin Katharina Eglau, verlassen nach neun Jahren Kairo. (Bild: PD)

Martin Gehlen und seine Ehefrau, die Fotografin Katharina Eglau, verlassen nach neun Jahren Kairo. (Bild: PD)