Irak
Kalifat in Bedrängnis: IS hält tausende Zivilisten als Schutzschild in Ramadi

Die IS-Terrormilizen verloren 2015 rund 14 Prozent ihres Territoriums. Die nächste Niederlage droht nun im irakischen Ramadi

Michael Wrase, Limassol
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Die irakische Armee rückt in der vom IS gehaltenen Stadt Ramadi ein
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Das Territorium des Islamischen Staates schrumpft
US-Luftschlag auf Ramadi (Archiv)
Konfiszierte IS-Waffen.
Die Kräfte der irakischen Armee sind eine zusammengewürfelte Truppe.
In diesen Ruinen in Ramadi hat die irakische Armee ihr vorübergehendes Hauptquartier aufgeschlagen.

Die irakische Armee rückt in der vom IS gehaltenen Stadt Ramadi ein

Keystone

Nach monatelangen Vorbereitungen hat die irakische Armee am Dienstagt mit der Erstürmung des Zentrums der irakischen Stadt Ramadi begonnen. Die von pro-iranischen Schiitenmilizen sowie lokalen sunnitischen Stämmen unterstützten Streitkräfte sollen „an mehreren Fronten“ vorgerückt sein.

Ein Armeesprecher kündigte die vollständige Befreiung der Stadt „in den kommenden 72 Stunden“ an. Der Widerstand, hiess es, sei „nicht mehr gross“.

Um den Vormarsch der Streitkräfte zu stoppen, sollen die IS-Dschihadisten die noch verbliebenden 10000 Einwohner von Ramadi zu menschlichen Schutzschildern gemacht haben. Diese waren am letzten Wochenende von der Armee aufgefordert worden, die Stadt binnen 72 Stunden zu verlassen.

5600 Euro für Ausreise

Auf Flugblättern wurden sichere Ausreiserouten genannt. Der IS soll daraufhin allen Bürgern, die auf der Flucht erwischt werden, mit der Hinrichtung sowie der Sprengung ihrer Häuser gedroht haben. Nach anderen Berichten verlangen die IS-Terroristen in Ramadi eine „Ausreisesteuer“ in Höhe von 5600 Euro.

Zwischen 600 und 1000 Dschihadisten sollen sich noch in der 90 Kilometer westlich von Bagdad liegenden Grossstadt verschanzen. Ihnen stehen rund 10000 irakische Soldaten und Milizionäre gegenüber. Sie haben Ramadi offenbar vollständig eingekesselt. Die Erfolgsmeldungen der irakischen Streitkräfte sind allerdings mit Vorsicht zu geniessen. Bereits Ende November waren die Einwohner der sunnitischen Grossstadt in Flugblättern aufgefordert worden, innerhalb von drei Tagen Haus und Hof zu verlassen.

Das Territorium des Islamischen Staates schrumpft

Das Territorium des Islamischen Staates schrumpft

NCH/IHS Conflict Monitor

Sollte der irakischen Staatsarmee die Rückeroberung von Ramadi gelingen, dann würde das Territorium des sogenannten „Islamischen Staat“ weiter schrumpfen. Die dschihadistische Terrormiliz verlor nach einer Untersuchung des in den USA ansässigen Institutes „IHS Jane s“ im zurückliegenden Jahr etwa 14 Prozent der von ihr kontrollierten Territorien in Syrien und dem Irak.

Dort musste der IS den Verlust der Städte Tikrit, der Geburtsstadt von Saddam Hussein, sowie der Raffinerie-Stadt Baidschi hinnehmen. Auch die Autobahn zwischen den IS-Hochburgen Rakka und Mossul wird inzwischen von den ärgsten Feinden der Dschihadisten, den irakischen und syrischen Kurden, beherrscht. Letztere konnten im Sommer die strategisch wichtige Stadt Tal Abjad an der syrisch-türkischen Grenze erobern und von dort aus weiter nach Süden und Osten vordringen. Zuvor hatten sich die Kurden in Kobane gegen den IS behauptet.

US-Support

Unterstützt wird die syrisch-kurdische YPG von der amerikanischen Luftwaffe, die östlich der syrischen Kurdenstadt Qamishli einen eigenen Stützpunkt aufbaut. Von der Basis aus sollen die im Herbst gegründeten „Demokratischen Streitkräfte Syriens“ (SDF) mit Militärgerät beliefert werden. Erklärtes Ziel der kurdisch-arabischen Allianz ist Rückeroberung von Rakka bis zum Sommer 2016. Am Kampf gegen den IS will sich dann auch die reguläre syrische Armee beteiligen, die mit russischer Luftunterstützung vor allem im Grossraum Aleppo in den letzten Wochen grössere Erfolge gegen Dschihadistenmilizen vermeldete.

Die Verluste des IS in Syrien und dem Irak sind sicherlich einer der Gründe für die Verlagerung der Terroraktivitäten ins arabische und westliche Ausland. Mit den entsetzlichen Anschlägen in Paris und Scharm al Scheich wollte die Dschihadistenmiliz die erheblichen Gebietsverluste in ihrem „Kalifat“ kompensieren und gleichzeitig sogenannte „Handlungsfähigkeit“ demonstrieren.

Aus der Sicht ihrer Anhänger scheint dies fürs erste gelungen zu sein. Ohne „Erfolge“ kann der IS auf Dauer nicht existieren. Sollte sich die Niederlagenserie an der „Heimatfront“ im kommenden Jahr fortsetzen, dann dürfte der IS erneut nach Europa oder in andere Weltgegenden ausweichen. Die gesuchte mediale Aufmerksamkeit ist dort garantiert.