Syrien

Kampf um die Wasserquellen

Verzweifelte Rebellen wollen nicht an Friedensgesprächen teilnehmen.

Michael Wrase
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Ghouta, Vorort von Damaskus: Die Lage der gegen das Assad-Regime kämpfenden Rebellen ist kritisch.Bassam Khabieh/Reuters

Ghouta, Vorort von Damaskus: Die Lage der gegen das Assad-Regime kämpfenden Rebellen ist kritisch.Bassam Khabieh/Reuters

REUTERS

Syrische Rebellengruppen haben gestern die Vorbereitungen für die Ende des Monats in Kasachstan geplanten Friedensgespräche ausgesetzt. «Nach anhaltenden Verstössen» der Waffenruhe durch Regierungstruppen und schiitische Milizen habe man sich zu diesem Schritt entschlossen, hiess es in einer Erklärung von 12 Gruppen der sogenannten «Freien Syrischen Armee» (FSA). Sollte das Regime so weitermachen wie bisher, könne man sich mit der Frage einer politischen Lösung nicht befassen, betonte FSA-Sprecher Osama Abu Zeid.

Wer die von der Türkei und Russland vor Weihnachten vermittelte und seit dem letzten Freitag geltende Feuerpause zuerst verletzt hat, ist – wie immer in Syrien – hoch umstritten.

Es fehlen unparteiische Beobachter. Die Vereinten Nationen hatten allerdings schon am ersten Weihnachtsfeiertag darauf hingewiesen, dass die fast fünf Millionen Einwohner von Damaskus seit drei Tagen ohne Trinkwasser sind.

Verursacht hatte die Unterbrechung der Wasserversorgung ein Angriff der dschihadistischen Fatah al-Scham-Front (Ex-Nusra) auf die 18 Kilometer westlich der syrischen Hauptstadt liegenden Ain-al-Fidscha-Quellen, die Damaskus seit römischen Zeiten mit Wasser versorgen. Nach dem Überfall wurden die Quellen mit Diesel verunreinigt, darauf musste das Wasser in der Hauptstadt abgestellt werden.

Wenige Tage nach dem Angriff auf die für Damaskus überlebenswichtigen Quellen, welcher in den sozialen Medien als «Bestrafung von Ungläubigen» gepriesen wurde, versuchte die syrische Armee, die offenbar beschädigten Pumpstationen zurückzuerobern. 100 000 Einwohner seien von den Bombardements betroffen, klagen die Rebellen. Sie boten gestern dem Regime in Damaskus die Reparatur der Quellen durch Ingenieure an, wenn im Gegenzug die Belagerung ihrer verbliebenen Hochburgen im Umland von Damaskus aufgehoben und westliche Beobachter entsandt würden.

Eine Verzweiflungstat

Bereits in Aleppo hatten dschihadistische Rebellengruppen versucht, mit anhaltenden Wassersperren das Regime unter Druck zu setzen. Damaskus reagierte daraufhin mit anderen niederträchtigen Erpressungs– und Einschüchterungsmanövern. Diese gehören zum Repertoire aller Kriegsparteien. Die Besetzung und Verunreinigung der Damaszener Wasserquellen werten Beobachter im Nahen Libanon als einen letzten Versuch der Rebellen, «ihre nach dem Verlust von Aleppo katastrophale Verhandlungsposition ein wenig zu verbessern».

Dass sich das Assad-Regime auf den «Deal» mit den Rebellen einlässt, gilt als eher unwahrscheinlich. Wie in Aleppo dürfte es auch im Umland von Damaskus eine militärische Lösung anstreben. Angriffe auf das Tal des Wadi Barada, in dem sich die Fidscha-Quellen befinden, wurden in den letzten Tagen verstärkt. Sollte die Offensive nicht umgehend gestoppt werden, würde man die Waffenruhe für das gesamte Land aufkündigen, hiess es in einer an Russland und die Türkei gerichteten Erklärung der Rebellen.

Das Internationale Rote Kreuz versucht unterdessen, mit der Installierung zusätzlicher Pumpen die wenigen noch vorhandenen Wasservorräte in Damaskus in «trockene» Stadtviertel zu leiten. Zudem wurde mit dem Abpumpen von Grundwasser begonnen. Die akute Wasserkrise in der syrischen Hauptstadt konnte dadurch nur unwesentlich entschärft werden. Bewohner der Millionenstadt erklärten, sie könnten zwar ohne Strom, aber nicht ohne Wasser leben. Kommentar rechts