Orthodoxe Kirche

Kampf um «Ost-Rom»: Russen wollen Konstantinopels Vormachtstellung streitig machen

Die Russisch-Orthodoxe Kirche, mit 150 Millionen nominellen Gläubigen die grösste orthodoxe Kirche der Welt, will Istanbul endgültig als das Rom des Ostens ablösen.

Stefan Scholl, Moskau
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Die Russen unter ihrem Moskauer Patriarchen Kiril laufen Sturm gegen die Entscheidung Konstantinopels vom vergangenen Donnerstag, die ukrainischen Orthodoxen des Kiewer Patriarchats als eigenständige Kirche anzuerkennen

Die Russen unter ihrem Moskauer Patriarchen Kiril laufen Sturm gegen die Entscheidung Konstantinopels vom vergangenen Donnerstag, die ukrainischen Orthodoxen des Kiewer Patriarchats als eigenständige Kirche anzuerkennen

Keystone

Liturgisch herrscht jetzt Krieg. Die Russisch-Orthodoxe Kirche (kurz RPZ) hat am Dienstag alle Kontakte zum Ökumenischen Patriarchat in Konstantinopel abgebrochen. Und sie hat ihren Priestern verboten, künftig gemeinsam mit dessen Geistlichen Gottesdienst zu feiern. Auch einfache Gläubige dürfen nicht mehr in den Kirchen der Gegenseite beten.

Nach einer Sitzung in Minsk unterstellte die Heilige Synode der RPZ in einer Erklärung dem Patriarchat in Konstantinopel einen «Übergriff auf das kanonische Gebiet der RPZ». Die Russen unter ihrem Moskauer Patriarchen Kiril laufen Sturm gegen die Entscheidung Konstantinopels vom vergangenen Donnerstag, die ukrainischen Orthodoxen des Kiewer Patriarchats als eigenständige Kirche anzuerkennen. Sie hatten sich schon 1992, nach dem Zerfall der Sowjetunion, von der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats abgespaltet, Moskau betrachtet sie seitdem als Sektierer.

Um Glaubensfragen geht es bei dem Konflikt zwischen Moskau und Istanbul nicht. Die RPZ verweist auf eine Entscheidung des Konstantinopler Patriarchats aus dem Jahr 1686, die den Kiewer Metropoliten unter die kirchliche Hoheit des Moskauer Patriarchen gestellt hatte. Allerdings streiten sich jetzt die Kirchengeschichtler über den Anspruch der RPZ, damit sei die Ukraine territorial und endgültig in ihren kanonischen Besitz übergegangen.

Dahinter tobt purer Machtkampf: Während die anderen orthodoxen Landeskirchen das Patriarchat von Konstantinopel als ihre höchste ökumenische Instanz anerkennen, bestreitet die RPZ diese Vormachtstellung vehement: «Bei seiner Entscheidung, die Führer der Spaltung zu rechtfertigen und ihre Hierarchie zu ‹legalisieren›, beruft sich die Heilige Synode der Kirche von Konstantinopel auf nicht existierende ‹kanonische Privilegien›», heisst es in der Minsker Erklärung. Die RPZ, mit 150 Millionen nominellen Gläubigen die grösste orthodoxe Kirche der Welt, will Istanbul endgültig als das Rom des Ostens ablösen.

Sorgen der einfachen Gläubigen

Die Moskauer Öffentlichkeit diskutiert derweil die praktischen Folgen des Bruchs mit Konstantinopel. Viele Medien vermerkten mit Bedauern, dass auch die Klöster des heiligen Bergs Athos in Griechenland russischen Pilgern künftig verschlossen sein werden. Und die RPZ hat schon eine Liste der türkischen und griechischen Gotteshäuser aufgelistet, in denen Rechtgläubige aus Russland nicht mehr beten dürfen. Aber darunter werden wohl nur vereinzelte Touristen leiden. Laut der Agentur Ria Nowosti bezeichnen sich zwar 80 Prozent der Russen als orthodoxe Gläubige, aber nur 4 Prozent gehen zur Kirche.