Irland
Kampf um ungeborenes Leben: Streichen die Iren das Abtreibungsverbot aus der Verfassung?

Am Freitag bestimmen die Bewohner der Insel, ob sie das Abtreibungsverbot aus der Verfassung streichen wollen. Bisher lässt die stolze Republik ihre Bürgerinnen in seelischer Not allein und zwingt sie zu unwürdigstem Abtreibungstourismus auf eigene Kosten.

Sebastian Borger, London
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«Mein Herzschlag begann nach 22 Tagen.» Eine Nonne demonstriert mit diesem Slogan in Dublin gegen die Aufhebung des Abtreibungsverbotes.

«Mein Herzschlag begann nach 22 Tagen.» Eine Nonne demonstriert mit diesem Slogan in Dublin gegen die Aufhebung des Abtreibungsverbotes.

REUTERS

So grosse Aufmerksamkeit wie in diesen Tagen hat das irische Städtchen Roscommon seit langem nicht erhalten. In den Strassen drängen sich die internationalen TV-Crews, Spitzenpolitiker aller Parteien kamen in den vergangenen Wochen in die landwirtschaftlich geprägte Gegend in der Mitte der Grünen Insel, um für ihre Seite zu werben.

Roscommons Prominenz hat einen einfachen Grund: Beim Referendum über die Schwulenehe vor drei Jahren stimmten die Region als einzige Grafschaft mit Nein. Doch die Städte setzten sich durch. Am Ende lautete das Ergebnis 62 Prozent dafür.

Kirche mobilisiert

Diesen Freitag stimmen die Iren über ein noch emotionaleres Thema ab: Diesmal geht es um das in der Verfassung festgeschriebene Abtreibungsverbot. Fällt es, wie von der Fine-Gael-Regierung unter Premier Leo Varadkar befürwortet, soll die Insel erstmals eine Fristenregelung erhalten, die mit vielen Ländern Westeuropas vergleichbar ist.

Dagegen machen die sozial Konservativen, angefeuert von der mächtigen katholischen und kleineren protestantischen Kirchen, mobil. Ihr Kampf gilt der Ablösung der irischen Gesellschaft von ihren theokratischen Wurzeln. In der Verfassung von 1937 wurde die Rückständigkeit festgeschrieben. Nach und nach erstritten sich Iren und vor allem Irinnen ihre Rechte: Empfängnisverhütung, Ehescheidung – stets wehrte sich der Klerus gegen alle Reformen. Die jetzt gültige Abtreibungsregelung wurde sogar erst 1983 als achte Ergänzung in die Verfassung aufgenommen.

Seither galt dreissig Jahre lang: Der Schwangerschaftsabbruch ist unter allen Umständen verboten. Inzwischen haben Irinnen unter eng begrenzten Umständen Zugang zu einer Abtreibung in ihrer Heimat. Voraussetzung dafür ist unmittelbare Gefahr für Leib und Leben, wozu auch Suizidgefährdung gehört. In Südirland gilt diese Regel erst seit 2013, als das Parlament ein Gesetz «zum Lebensschutz während der Schwangerschaft» verabschiedete, damals eine kleine Revolution.

Zuvor hatte zwar der Europäische Gerichtshof in Strasburg auf eine Lockerung des Komplettverbots gedrängt. Zustande kam diese aber erst durch den tragischen Tod einer Zahnärztin in Galway. Bei der gebürtigen Inderin Savita Halappanavar diagnostizierten die Ärzte in der westirischen Stadt zwar eine Fehlgeburt; weil das Herz des nicht lebensfähigen Kindes aber weiter schlug, wurde der Patientin im November 2012 der notwendige Schwangerschaftsabbruch verweigert. Begründung: «Dies ist ein katholisches Land.» Kurz darauf starb die Zahnärztin an Blutvergiftung. Das Versagen der Ärzte blieb strafrechtlich ungesühnt, auf eine ungesetzliche Abtreibung stehen bis zu 14 Jahre Zuchthaus.

Abtreibungstourismus

Dabei ist Abtreibung «schon bisher eine Realität für irische Frauen», argumentieren Premier Varadkar, ausgebildeter Allgemeinmediziner, und sein Gesundheitsminister Simon Harris. Bisher lässt die stolze Republik ihre Bürgerinnen in seelischer Not allein und zwingt sie zu unwürdigstem Abtreibungstourismus auf eigene Kosten. Schätzungen gehen von rund 3000 bis 4000 Fällen pro Jahr aus. Hinzu kommen rund 2000 Frauen, die illegal übers Internet eine Abtreibungspille bestellen. Harris spricht von «neun irischen Frauen, die täglich nach Grossbritannien reisen». Das entspräche einer Gesamtzahl von knapp 3300. Genaue Zahlen gibt es nicht, schliesslich sind die Reisen häufig mit Zweifeln, Scham und Schuldgefühlen verbunden.

Und mit Demütigungen, wie sie beispielsweise die 22-jährige Mary erlebt hat. Als die selbstbewusste Frau in der Londoner Klinik auf die Frage nach ihrer Herkunft wahrheitsgemäss Dublin sagte, beobachtete sie, wie sich Ärzte und Schwestern mit einer Mischung aus Mitleid und Herablassung wortlos anschauten. «Ich fühlte mich total beschissen. Und verachtete die Leute, die dafür verantwortlich sind, dass Irland in dieser Beziehung so unendlich rückständig ist.»

Nach dem Willen der Nein-Kampagne, ansässig im Dubliner «Lebenshaus», soll es dabei bleiben. Ihre Plakate zeigen neun Wochen alte Föten mit dem Slogan: «Ich kann gähnen und treten. Schaff’ mich nicht ab.» Hingegen wirbt die von allen grossen Parteien unterstützte Ja-Kampagne mit «Würde, Mitgefühl, Gesundheit» für die Abschaffung des Verfassungsartikels.

In den beiden, später wiederholten Referenden zu neuen EU-Verträgen 2001 und 2008 hat die irische Bevölkerung unter Beweis gestellt, dass sie dem politischen Establishment gern mal ein Bein stellt. Diesmal haben sich viele junge Leute und Auslands-Iren registrieren lassen, um ihre Stimmen abzugeben. Den Umfragen zufolge sollten die Liberalisierer mit 58 Prozent die Nase deutlich vorn haben. Wenn auch wahrscheinlich nicht in Roscommon.