Frankreich
Kampfzone Bahnhof: Der Streik wird zur Bewährungsprobe für Präsident Macron

Eisenbahner, Fluglotsen und Beamte streiken gegen die Reformpolitik von Emmanuel Macron. Und das ist erst der Anfang. Der Staatspräsident steht vor seiner entscheidenden Kraftprobe

Stefan Brändle, Paris
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Mehrere Hunderttausend Menschen haben in Frankreich gegen die Politik von Präsident Macron protestiert.

Mehrere Hunderttausend Menschen haben in Frankreich gegen die Politik von Präsident Macron protestiert.

REUTERS

Noch ist Hoffnung. Jacqueline wartet im Bahnhof Montparnasse geduldig auf den Zug. Mit ihrem Verein «Lourdes-Krebs-Hoffnung» wollte die rüstige Rentnerin einen Ausflug nach Chartres unternehmen, um die weltberühmte Kathedrale zu besichtigen. Alles war seit Monaten geplant – nur der Zug fehlt seit einer Stunde.

In dem Pariser Bahnhof, in dem die TGV-Züge aus der Bretagne und täglich Zehntausende von Vorstadtpendlern ankommen, herrscht für einmal angenehme Ruhe. Die meisten Bahnreisenden sind zu Hause geblieben oder mühen sich mit dem Auto über völlig verstopfte Kreuzungen wie etwa den Platz Alésia unweit von Montparnasse, wo die Fahrzeuge so dicht ineinander verkeilt sind, dass der Reporter selbst mit dem Fahrrad nicht mehr durchkommt.

Zwei Tage Streik, drei Tage Arbeit

Fast ebenso zahlreich in dem riesigen Bahnhofgebäude sind die Rotwesten der Bahnauskunft. «Rot» nicht im politischen Sinn: Dalila beteiligt sich nicht am Streik, obwohl sie auch das viel geschmähte Eisenbahnerstatut (Vorzugsprämien, 50 Urlaubstage, Rente mit 51) geniesst. Dieses Statut will Emmanuel Macron bei Neueinstellungen der Staatsbahn SNCF abschaffen; und es brockt ihm nun den ersten richtigen Härtetest mit den Gewerkschaften ein. Die «cheminots» (Eisenbahner) organisieren bis Ende Juni, wenn die Reform durch das Parlament gehen soll, einen sogenannten «Perlenstreik»: Zweitägige Blockaden werden von jeweils drei Arbeitstagen gefolgt sein. Zermürbungstaktik? Dazu will sich Dalila nicht äussern.

Ein Berufskollege, der irgendwie nicht in seine Rotweste passt, doziert, warum die SNCF eine echte Reform brauche, um für die Marktöffnung auf EU-Ebene 2020 gewappnet zu sein. «Ich komme aus dem Elsass und weiss, dass gerade die deutsche Konkurrenz nur auf diesen Moment wartet», meint der distinguierte Mann, der sich als einer der vielen SNCF-Manager outet, die in den Bahnhöfen die Streikenden zu ersetzen suchen.

Die überlassen die Konfliktzone des Gare Montparnasse derzeit dem Gegner. «Gleis 24, ganz hinten», gibt ein Kioskverkäufer ihren Treffpunkt wie einen Geheimtipp an. In der Tat findet dort, auf dem oberen Deck einer Parkgarage, eine Vollversammlung statt. «Gegen die Privatisierung, gegen den Abbruch der SNCF», steht auf einem Transparent der Gewerkschaft CGT.

«Ich denke, ihr habt verstanden»

Joël rechnet gerade vor, dass die Überführung der SNCF in eine Aktiengesellschaft den Staat sogar zusätzliches Geld kosten würde: «Das Wegfallen der Staatsgarantie für die Firmenschuld (55 Milliarden Euro, Anm. d. Red.) würde die Kreditkosten für die Öffentlichkeit nur noch hochtreiben.»

Für Gesprächsstoff sorgt vor allem ein in den Medien verbreitetes Mail eines unbekannten CGT-Mannes, der die Kumpels zur «Desorganisation» aufruft, gefolgt vom Zusatz: «Ich denke, ihr habt verstanden, was ich meine.» SNCF-Boss Guillaume Pepy verurteilte erbost die verklausulierten «Sabotage-Drohungen», doch Jöel zuckt nur die Schultern: «Wenn die Arbeiter immer schön brav geblieben wären, hätten sie nie die Bastille gestürmt und die Revolution ausgerufen.» Er behauptet, die Direktion habe an diesem Morgen in Limoges selber die Geheimorder herausgegeben, einige viel benütz- te Pendlerzüge zurückzuhalten, um die streikenden Eisenbahner unpopulär zu machen. «Das sind unsaubere Tricks. Wir brauchen keine Sabotage, um die Leute auf unsere Seite zu ziehen.»

Der CGT-Gewerkschafter spielt auf Umfragen an, laut denen 74 Prozent der Befragten Macrons Reformpolitik als «ungerecht» erachten. «Der Präsident kennt nur Worte wie Strukturreform, Verfassungsrevision, kopernikanische Wende oder Big bang – mit denen er den Um- und Abbau des Service public vorantreiben will», sagt Gewerkschafter Jean. «Damit wird Macron noch auf die Nase fallen wie Premier Alain Juppé 1995 mit seiner gescheiterten Renten- und Bahnreform.»

Damals war Frankreich wochenlang gelähmt gewesen. Doch weht heute nicht ein anderer Wind? Haben die Franzosen Macron nicht mit dem klaren Mandat gewählt, ihr Land zu reformieren? «Schon», räumt Jean. «Aber nun greift er frontal die Eisenbahner und ihr Statut an. Da wird er auf Granit beissen.»

Störungen auch im Flugverkehr

Der Streiktag bei der SNCF war an diesem Donnerstag jedenfalls gut befolgt. Die öffentlich Bediensteten, die parallel zu den «cheminots» streikten und 140 Umzüge im ganzen Land organisierten, bewirkten ihrerseits massive Störungen im Flug- und Bahnverkehr, in den Gerichten, Schulen, Altersheimen und Spitälern. Die Beamten fordern Lohnerhöhungen aufgrund der aufhellenden Konjunktur – wie das Personal der Fluggesellschaft Air France, das heute Freitag streiken wird.

Und die Demonstranten wirkten sehr entschlossen – anders als bei der Reform des Arbeitsmarktes im Herbst, die Macron ohne grössere Widerstände über die Bühne brachte. Politisch geschwächt und mitgliederarm, hauen sie umso lauter auf die Pauke. Am Rande der Pariser Umzüge kam es am Donnerstag zu Zusammenstössen mit der Polizei. «Und das war nur eine Warmlaufübung», sagte ein Demonstrationsteilnehmer in die TV-Kameras. Macron weiss: Die nächsten Wochen werden darüber entscheiden, ob sein fünfjähriges Reformmandat zu einem Erfolg wird – oder nicht.