KANADA: Olympiastadion dient als Lager für haïtianische Flüchtlinge

Haitianer kommen aus den USA nach Kanada, weil ihnen aufgrund der Flüchtlingspolitik die Deportation in ihre Heimat droht. Allein im Monat Juli wagten mehr als 1000 von ihnen den Übertritt.

Gerd Braune, Ottawa
Drucken
Teilen
Asylsuchende aus Haiti und Sicherheitskraft vor dem Olympiastadion in Montreal. (Bild:)

Asylsuchende aus Haiti und Sicherheitskraft vor dem Olympiastadion in Montreal. (Bild:)

Gerd Braune, Ottawa

Eines der markantesten Gebäude der kanadischen Stadt Montreal, das Olympiastadion, wird zweckentfremdet: Das Stadion, im Jahr 1976 Schauplatz der Olympischen Sommerspiele, dient als vorübergehende Unterkunft für Flüchtlinge. Vor allem Haitianer, die aus den USA nach Kanada kommen, finden dort nun eine Bleibe.

Bis zu 450 Betten sind am Rand der Arena in den Gängen mit den Getränke- und Lebensmittelständen aufgestellt worden. Die für Flüchtlinge zu­ständige Hilfsorganisation in Montreal – Programme Régio­nale d’Acceuil et d’Intégration des Demandeurs d’Asile/Praida – hatte sich Ende vergangener Woche an die Verwaltung des Olympiaparks gewandt, als sie keinen Platz mehr in Unterkünften des YMCA in Montreal hatte.

Reaktion auf Äusserungen des US-Präsidenten

«Wir haben sehr schnell gesagt: Okay, wie viel Platz braucht ihr? Innerhalb von 24 Stunden war ­alles bereitgestellt», sagt Cedric Essminimy, Sprecher der Olympiapark-Verwaltung, dem kanadischen Rundfunk CBC. Rund 150 Betten wurden zunächst aufgestellt. Letzte Woche trafen dann die ersten Busse mit Flüchtlingsfamilien am Stadion ein, das nach seiner Form «The Big O» genannt wird. Hilfskräfte können die Lebensmittelstände nutzen, um Essen für die Flüchtlinge zuzubereiten. Zudem stehen ihnen Duschen in den nicht genutzten Umkleidekabinen des Stadions zur Verfügung.

Seit dem Frühjahr stellen die Behörden einen ständig wachsenden Zustrom an haitianischen Flüchtlingen aus den USA fest. So wie in den eisigen Wintermonaten die Zuwanderungen von Flüchtlingen aus muslimischen Ländern, so hat auch jetzt die Flüchtlingsbewegung der Haitianer mit der Flüchtlings- und Immigrationspolitik von US-Präsident Donald Trump zu tun. Er hatte im Mai seine Absicht bekundet, den Schutz für die annähernd 60 000 Haitianer aufzuheben, die seit dem schweren Erdbeben von 2010 in den USA leben. Damit droht ihnen Anfang 2018 die Abschiebung in ihre Heimat. Trump begründete dies damit, dass sich die Lage in Haiti verbessert habe. Dies glauben die Flüchtlinge aber nicht. «Sie sind in Panik», sagt Marjorie Ville­franche, Leiterin des Maison d’Haiti in Montreal. «Dies sind schutzlose Menschen. Sie wollen nicht nach Haiti zurückkehren, weil die Lage für sie dort sehr schwierig wäre.»

Asylantrag nur mit illegalem Übertritt möglich

Nach Angaben der kanadischen Grenzbehörde CBSA kamen in den ersten sechs Monaten 4345 Menschen illegal aus den USA nach Kanada und beantragten Asyl. Davon kamen Medien­berichten zufolge 3350 nach Quebec. Nun schätzt Praida-Sprecherin Francine Dupuis die Zahl der Flüchtlinge, die allein im Juli kamen, auf mehr als 1000. Im Winter war vor allem die Prärieprovinz Manitoba Zufluchtsort für muslimische Flüchtlinge, die unter Lebensgefahr die Flucht über verschneite und vereiste Felder aus dem Mittleren Westen der USA nach Kanada wagten, weil sie sich in den USA angesichts der von Trump geförderten Stimmung gegen Flüchtlinge nicht mehr sicher fühlten. Nun sind es die Haitianer. Quebec mit der Stadt Montreal ist ihr Ziel, weil es dort bereits eine sehr grosse haitianische Gemeinde gibt. Von Plattsburgh im US-Staat New York nehmen sie Taxis oder Busse, um an die Grenze zu Quebec zu kommen. Dann überqueren sie illegal die Grenze. Würden sie an einem offiziellen Grenzübergang ihren Asylantrag stellen, so würde dieser aufgrund der Vereinbarung Kanadas mit den USA als «sicheres Drittland» sofort und auf der Stelle abgelehnt. Stellen sie aber den Antrag, nachdem sie bereits in Kanada sind, so haben sie Recht auf eine Anhörung. Dies zwingt sie zu illegalem Grenzübertritt, und sie zielen darauf ab, auf kanadischer Seite von den meist freundlichen RCMP-Polizisten festgenommen zu werden.

Haiti gilt auch in Kanada offiziell als sicheres Land

Das Maison d’Haiti und andere Institutionen helfen ihnen beim Ausfüllen der Asylanträge. Ob sie damit Erfolg haben, ist allerdings kanadischen Presseberichten zufolge unsicher. Haiti wird von Kanada generell als ausreichend sicheres Land eingestuft. In Montreal können sie zunächst aber auf Hilfe bauen. Montreals Bürgermeister Denis Coderre hatte die Stadt im Februar zum «Zufluchtsort» (sanctuary city) erklärt. Damit haben Asylbewerber Zugang zu Montreals Sozialdiensten und -leistungen.