Deutschland
Kandidatenkarussell für die Nachfolge von Wulff dreht sich bereits

Ein neuer Bundespräsident muss rasch gefunden werden. In der Gunst des Volkes liegt Joachim Gauck vorne. Thomas de Maizière, Nobert Lammert und Woflgang Schäuble könnten für die CDU und Kanzlerin Merkel einspringen.

Birgit Baumann
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Wer wird Nachfolger von Wulff?
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Ursula von der Leyen, Bundesministerin für Arbeit und Soziales Die CDU-Politikerin war 2005 bis 2009 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
Andreas Vosskuhle, Bundesverfassungsrichter Der gegenwärtige Präsident des Bundesverfassungsgerichts war auch Rektor der Universität Freiburg.
Klaus Töpfer, ehemaliger Bundesminister für Umwelt 1998–2006 war der CDU-Politiker Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP).
Henning Scherf, ehemaliger Bürgermeister von Bremen Der SPD-Jurist war von 1995 bis 2005 Bürgermeister und Präsident des Senats der Freien Hansestadt Bremen.
Wolfgang Schäuble, Bundesfinanzminister Der CDU-Politiker war seit 1989 in allen CDU-Bundesregierungen auf verschiedenen Ministerposten.
Norbert Lammert, Präsident des Deutschen Bundestages Der CDU-Sozialwissenschaftler ist seit 1980 Mitglied des Deutschen Bundestags.
Thomas de Maizière, Bundesminister der Verteidigung Der studierte CDU-Jurist war in der sächsischen Regierung auf verschiedenen Posten. Hat aber bereits abgewunken

Wer wird Nachfolger von Wulff?

Keystone

Die Nachricht vom Rücktritt des deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff hatte sich gerade verbreitet, da wurden auf der Internet-Plattform Facebook schon neue Sympathiebekundungen für Joachim Gauck veröffentlicht.

Auch eine von «Spiegel online» durchgeführte Blitzumfrage ergab: Der rot-grüne Präsidentschaftskandidat von 2010, der damals im direkten Duell gegen Wulff antrat, liegt in der Gunst des Volkes weit vorne.

Gauck ist hoch angesehen

Bereits bei Bekanntwerden der Wulffschen Affären im Dezember 2011 fiel der Name Joachim Gauck immer wieder. Der DDR-Bürgerrechtler und Ex-Chef der Stasi-Unterlagenbehörde ist in Deutschland über Parteigrenzen hinweg hoch angesehen und wäre Union, FDP, SPD und Grünen gleichermassen vermittelbar.

Das zeigte sich schon 2010, als Gauck zunächst auch Stimmen aus dem schwarz-gelben Lager bekam und Wulff daher erst beim dritten Wahlgang gewählt wurde. Schon damals hatte SPD-Chef Sigmar Gabriel Bundeskanzlerin Angela Merkel angeboten, Gauck gemeinsam aufzustellen. Merkel aber entschied sich damals für Wulff. Sie wollte nach dem Quereinsteiger Köhler einen Politprofi im Schloss Bellevue haben und gleichzeitig einen parteiinternen Konkurrenten so «entsorgen», dass er ihr die Kanzlerschaft nicht mehr streitig machen konnte.

«Beeindruckende Persönlichkeit»

Nach Wulffs Rücktritt am Freitag machte Wolfgang Kubicki, der wahlkämpfende FDP-Fraktionsvorsitzende im Landtag von Schleswig-Holstein, gleich deutlich, dass er diesmal ganz offiziell für Gauck ist: «Er ist eine beeindruckende Persönlichkeit und könnte rasch Vertrauen zurückgewinnen. Ich hätte kein Problem damit, ihn zu wählen.»

Auch der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Thomas Oppermann, regte eine neuerliche Kandidatur Gaucks an. Gauck selbst hatte sich in den vergangenen Wochen, als ganz Deutschland die Wulff-Affären diskutierte, auffällig zurückgehalten. Am Freitagabend erklärte er im Bayerischen Fernsehen auf die Frage, ob er für eine erneute Kandidatur bereit sei: «Geben Sie mir einfach noch ein wenig Zeit.»

Eigentlich unabkömmlich

Doch es kursieren noch mehr Namen durch Berlin. Der Wunsch, Wulff durch einen besonders seriösen Nachfolger schnell vergessen zu lassen, könnte die Chancen von Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) oder Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) steigen lassen. Beide gelten als äusserst erfahren und korrekt.

Allerdings kommen die Spitzen des brillanten Rhetorikers Lammert nicht bei allen gut an. Er wird zwar als neutraler und fairer Bundestagspräsident geachtet, jedoch persönlich als leicht arrogant und überheblich empfunden.

De Maizière hat schon abgesagt

Merkels Vertrauter de Maizière wiederum könnte bei seinem Wechsel ins Schloss Bellevue eine grosse und schmerzhafte Lücke in Merkels Kabinett hinterlassen. Er war bereits Innenminister und sprang kurzerhand als Verteidigungsminister ein, als Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) wegen seiner Plagiats-affäre hinwarf. Damals brauchte Merkel einen verlässlichen Mitstreiter, der die grosse Bundeswehrreform umsetzt. De Maizère hat aber bereits abgewunken.

Eigentlich im Kabinett unabkömmlich – das gilt auch für Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), einen der am längsten dienenden Politiker in Deutschland. Er ist das einzige Mitglied in Merkels Team, das auch schon vor der deutschen Wiedervereinigung ein Regierungsamt innehatte. Zwar ist Merkel bei der Bewältigung der Euro-Krise nicht immer einer Meinung mit Schäuble, doch sie hat grosses Vertrauen in seine fachliche und politische Kompetenz.

FDP gegen Schäuble

Schäuble ist ausserdem bei der FDP nicht besonders beliebt, weil er sich seit Amtsantritt von Schwarz-Gelb im Herbst 2009 vehement (und erfolgreich) deren Steuersenkungs-Plänen entgegenstellt. Wann auch immer ein führender FDP-Politiker in den vergangenen Monaten erklärte, man müsse die Steuern senken, erwiderte Schäuble: Haushaltkonsolidierung geht vor. Und Schäuble hatte auch einmal «Geldprobleme». Er musste wegen einer nicht korrekt verbuchten Parteispende in Höhe von 100000 D-Mark im Jahr 2000 als CDU-Chef zurücktreten.

Immer wieder wird auch Klaus Töpfer (CDU) genannt. Er war unter Altbundeskanzler Helmut Kohl deutscher Umweltminister und später Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP). Für Merkel leitete er zuletzt die Ethik-Kommission zum Atomausstieg und machte in dieser Funktion deutlich, dass er einen früheren Ausstieg aus der Kernkraft durchaus begrüsst. Mit Töpfer könnte Merkel viele im grünen Lager ansprechen, weshalb in Berlin spekuliert wird, ein Bundespräsident Töpfer wäre Vorbote für Schwarz-Grün auf Bundesebene.

Die Aussenseiter

Auch im Gespräch, aber mit Aussenseiterchancen, sind der beliebte ehemalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf (SPD), der die Hansestadt von 1995 bis 2005 regierte, und Arbeitsministerin Ursula von der Leyen. Die Niedersächsin durfte sich 2010 einen Tag lang als Bundespräsident-Kandidatin fühlen. Kurz hatte es den Anschein, als wolle Merkel der ersten Frau ins höchste Staatsamt verhelfen. Doch dann disponierte Merkel um, weil konservative Kreise signalisierten, dass sie zwei protestantische Frauen aus Norddeutschland an der Spitze Deutschlands nicht akzeptieren würden. Von der Leyen war blamiert, versuchte dies aber tapfer wegzulächeln. Seither, munkelt man, strebt sie Merkels Sessel im Kanzleramt an.