Südafrika
Kapstadt wird zum Coronazentrum Afrikas: Warum ist das so?

Während das Virus am Kap immer stärker tobt, erschweren politische Scharmützel den Kampf gegen die Pandemie.

Markus Schönherr aus Kapstadt
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Ein Armenviertel in Kapstadt: Hier breitet sich das Virus ungehindert aus.

Ein Armenviertel in Kapstadt: Hier breitet sich das Virus ungehindert aus.

Nic Bothma / EPA

Mit Anzug, Krawatte und Schutzmaske läuft er über den Teppichboden des internationalen Kongresszentrums. Doch Präsident Cyril Ramaphosa ist nicht für eine Veranstaltung nach Kapstadt gereist; solche finden am Kap schon seit Monaten nicht mehr statt. Stattdessen eröffnet er das «Hospital of Hope» – ein Feldlazarett für 850 Corona-Patienten, zu dem das Tagungszentrum umgebaut wurde. Diese Woche trafen die ersten Patienten ein.

Wie ein Feuer

«Das Virus verbreitet sich wie ein Feuer am Kap», schreibt eine südafrikanische Wochenzeitung. Das Land verzeichnet knapp 60000 Infizierte. Von ihnen leben zwei Drittel in der Region um Kapstadt. Damit ist Südafrikas älteste Stadt gleichzeitig das Coronazentrum des Kontinents, etwa jeder sechste Fall in Afrika entfällt auf die Provinz Westkap. Die Aussichten? «Noch mehr Menschen werden in den kommenden Monaten krank, noch mehr Intensivpflege benötigen, noch mehr sterben», so der südafrikanische Journalist Marcus Low vom Gesundheitsmagazin «Spotlight».

Warum ausgerechnet Kapstadt zum Coronahotspot wurde, darüber diskutieren Ärzte und Politiker. Einige sehen den relativen Wohlstand der Region als Grund: Touristen und reisende Südafrikaner hätten das Virus aus Europa importiert. Andere vermuten, dass Gesundheitsbehörden hier einfach mehr Tests durchführen als im Rest des Schwellenstaats. Dass das Westkap von knapp 1300 Toten für mehr als 1000 verantwortlich ist, liege an Vorerkrankungen wie Diabetes oder HIV.

Dem Kontinent steht der Höhepunkt erst noch bevor

Der Höhepunkt der Coronawelle wird für Juli erwartet. In Khayelitsha, dem grössten Township der Region, wandelte die Organisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) eine Sporthalle in eine 60-Betten-Klinik um. «Das Bezirkskrankenhaus von Khayelitsha ist bereits voll und schafft es kaum noch», erzählt MSF-Sprecher Sean Christie. 42 Prozent der Bewohner der Armensiedlung haben keinen Job, 60 Prozent keinen sicheren Zugang zu Wasser. «Südafrika leidet unter extremer sozialer Ungleichheit und die Armen trifft Covid-19 am härtesten», so Christie.

Das Tygerberg Hospital im Osten Kapstadts: Für die Metropole ist das Lehrkrankenhaus die wichtigste Waffe im Kampf gegen Corona. Doch bereits jetzt sind Ärzte und Pfleger überlastet. Knapp 300 Mitarbeiter wurden in den vergangenen Wochen positiv auf Covid-19 getestet. Vier starben.

Wir befinden uns im Krieg

«Wir befinden uns im Krieg und müssen die Personal-Herausforderungen in den Griff kriegen», sagte Staatschef Ramaphosa bei seinem Besuch letzte Woche in Kapstadt. 4000 zusätzliche Ärzte und Pfleger sollen im Westkap eingestellt, Hunderte weitere Betten herangeschafft werden. Doch für Gesundheitsjournalist Low steht fest: «Viele, die Intensivbetten benötigen, werden keine bekommen.»

Erschwerend hinzu kommen die politischen Gräben. Das Westkap ist die einzige der neun Provinzen, die von der oppositionellen Democratic Alliance (DA) regiert wird. Der African National Congress (ANC) warf Ministerpräsident Alan Winde vor, wirtschaftliche Interessen über Menschenleben zu stellen, als dieser eine Lockerung der Ausgangssperre forderte. Nun will der ANC Berichten zufolge etliche Minister aus der Hauptstadt Pretoria abziehen und zum Krisenmanagement ins Westkap entsenden. DA-Vertreter wittern einen «stillen Coup».