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Griechenland: Katastrophale Zustände auf den Flüchtlingsinseln

In der Ägäis spitzt sich die Situation in den Lagern für Migranten zu. Infrastruktur sowie Geduld vieler Einheimischer stossen an ihre Grenzen. Die Politik bekommt das Problem trotz gegenteiliger Beteuerung nicht in den Griff.
Gerd Höhler, Athen
Das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos ist schon seit geraumer Zeit mehr als doppelt überbesetzt. (Bild: Thanassis Stavrakis/AP; 16. März 2017)

Das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos ist schon seit geraumer Zeit mehr als doppelt überbesetzt. (Bild: Thanassis Stavrakis/AP; 16. März 2017)

Die Situation in den Flüchtlingslagern auf den ostägäischen Inseln entspannt sich nicht, sie wird schwieriger. Die Frustration der Migranten, die teils seit über einem Jahr in den Lagern festgehalten werden, entlädt sich immer häufiger in Gewalt. Die örtliche Bevölkerung klagt über eine Welle der Kriminalität. Der Inselbürgermeister von Lesbos warnt vor einer «sozialen Explosion».

Ab September soll alles besser werden, versprach der griechische Migrationsminister Dimitris Vitsas. Dann werde es in den Hotspots, den Aufnahmezentren in der östlichen Ägäis, nur noch 10 000 Flüchtlinge und Migranten geben, kündigte er Anfang Juli an. Der September ist da, aber sein Versprechen hat der Minister nicht gehalten. Während Anfang Juli 17 771 Menschen in den Insellagern lebten, waren es Mitte dieser Woche 19 237. Besonders krass ist die Situation im Lager Moria auf Lesbos. Dort waren Anfang Juli 7369 Personen untergebracht, jetzt sind es fast 8200. Sie hausen in einem Lager, das für 3000 Menschen ausgelegt ist.

Drohende «soziale Explosion»

«Ist das die Erleichterung, die uns die Regierung versprochen hat?», fragt Christiana Kalogirou, Regionalpräfektin der nördlichen Ägäisinseln. Die seit drei Jahren andauernde Überbelastung werde für die örtliche Wirtschaft und die Gesellschaft zu einem immer grösseren Problem, sagte sie der Zeitung «Kathimerini». Auch Spyros Galinos, Bürgermeister der Inselhauptstadt Mytilini auf Lesbos, schlägt Alarm. Die Insel mit ihren 86000 Einwohnern beherbergt nach offiziellen Angaben zurzeit 10410 Migranten. Galinos warnt vor «tragischen Ereignissen», die drohen könnten: Die Geduld der Bevölkerung habe wegen ständiger Diebstähle und Einbrüche «ihre Grenzen ­erreicht». In einem Brief an Migrationsminister Vitsas warnte ­Galinos jetzt vor einer drohenden «sozialen Explosion».

Aber Vitsas, der am 1. März das Migrationsressort von seinem glücklosen Vorgänger Giannis Mouzalas übernommen hatte, bekommt die Flüchtlings­politik offensichtlich nicht in den Griff. Die Überfüllung der Insellager ist vor allem eine Folge der schleppenden Asylverfahren. Die Migranten und Flüchtlinge, die aus der Türkei zu den Inseln kommen, müssen dort so lange bleiben, bis über ihre Asylanträge entschieden ist. Doch das kann Jahre dauern. Allein zwischen dem 23. Juli und dem 26. August stellten 3651 Neuankömmlinge Asylanträge.

Die Zustände in den Lagern sind katastrophal. Auf der Insel Samos leben 3734 Menschen in einem Lager, das für 648 Personen ausgelegt ist. In Moria auf Lesbos müssen sich 72 Lager­insassen eine Toilette teilen, auf jede Dusche kommen sogar 84 Menschen, berichtet Apostolos Veizis von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF). Immer häufiger entlädt sich die Frustration der Migranten in gewalt­samen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Ethnien, vor allem Syrern und Afghanen. Oder die Menschen demolieren in ihrer Verzweiflung die Wohncontainer. Vor zehn Tagen gab es schwere Unruhen in einem Lager für unbegleitete Minderjährige beim nordgriechischen Thessaloniki. Aus Protest gegen schlechtes Essen und langsame Internetverbindungen steckten minderjährige Migranten ihre Matratzen in Brand und zertrümmerten grosse Teile der Einrichtungen.

Gewalt gegenüber Minderjährigen

Nicht nur in den Insellagern nimmt die Überfüllung zu. Immer mehr Flüchtlinge und Migranten kommen über den Grenzfluss Evros aus der Türkei nach Griechenland. Im ersten Halbjahr 2018 nahmen bereits mehr als 10000 diese Route, gegenüber 7500 im ganzen Vorjahr. Die Folge: Auch die meisten Flüchtlingslager auf dem griechischen Festland sind inzwischen weit über ihre Kapazität hinaus belegt.

Am schlimmsten trifft das Flüchtlingschaos in Griechenland die Kinder. In Moria behandeln die Ärzte von MSF in ihrer Krankenstation, die gegenüber dem Lager liegt, täglich etwa 100 Kinder. Viele werden im ­Lager Opfer von Übergriffen und von sexueller Gewalt, berichten die Helfer. Und immer häufiger sind die Mediziner auch mit Selbstmordversuchen Minderjähriger konfrontiert.

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