Katholiken in China fühlen sich vom Papst verraten

Lange waren die Katholiken in China gespalten zwischen Treue zum Vatikan und zur kommunistischen Führung. Nun hat sich der Papst der kommunistischen Partei angenähert – zum Unmut seiner Anhänger.

Felix Lee, Peking
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Ein Plakat vor einer Kirche in Pingdingshan ruft dazu auf, «Gläubige durch chinesische Kultur zu bilden». Bild: Ng Han Guan/AP Photo (2. Juni 2018)

Ein Plakat vor einer Kirche in Pingdingshan ruft dazu auf, «Gläubige durch chinesische Kultur zu bilden». Bild: Ng Han Guan/AP Photo (2. Juni 2018)

Ich glaube an Gott», betet Huang Diaoyu, «den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.» Die 71-jährige Rentnerin hat sich von der Sitzbank vorgebeugt und kniet nieder. Das Rauschen der Autos auf Pekings zweiter Ringstrasse ist im Hintergrund der Südkathedrale zu hören. Wie für einen katholischen Gottesdienst üblich, legt sie gemeinsam mit 50 Anwesenden das Glaubensbekenntnis ab.

Doch als die Betenden an die Stelle kommen, an der sie normalerweise den Glauben «an die heilige katholische Kirche» bekunden, ersetzen sie die Passage mit «Katholische Patriotische Vereinigung», Chinas Staatskirche. Das müssen sie, denn sonst dürften sie den Gottesdienst gar nicht abhalten. Nach den jüngsten Entwicklungen sei Huang jedoch zuversichtlich, sagt sie. Schon bald könne sie sich auch offiziell zum Papst bekennen.

Jesuitische Missionare hatten den katholischen Glauben zwar schon im 16. Jahrhundert nach China gebracht. Doch 1951, zwei Jahre nach der Gründung der Volksrepublik, kam es zum Bruch zwischen der kommunistischen Führung und dem Vatikan. Sechs Jahre später gründete die KP die Katholische Patriotische Vereinigung. Allen Katholiken in China wird seitdem vorgeschrieben, sich bei ihr zu registrieren. Andernfalls übten sie ihren Glauben illegal aus.

Katholiken im Untergrund

Der Vatikan dagegen beharrte all die Jahre darauf, dass Glaubensfragen des Katholizismus unter seiner Hoheit stehen. Von Peking ernannte Bischöfe erkannte der Papst nicht an. Peking wiederum liess alle Priester und Ordensschwestern festnehmen, die allein dem Papst die Treue schworen und nicht der Partei. Zehntausende chinesische Katholiken flüchteten in den Untergrund.

5,3 Millionen Katholiken zählt Chinas Führung heute in der Staatskirche, die 65 Bischöfe und etwa 6000 Kirchengemeinden hat. In den Untergrund­gemeinden, die allein dem Papst treu sind, soll es mehr als doppelt so viele Gläubige geben. Über 30 vom Vatikan ernannte Bischöfe haben keine staatliche Anerkennung, einige von ihnen sitzen in Haft. Umgekehrt hat der Papst sieben Bischöfe nicht anerkannt, die Peking ernannt hat. Drei von ihnen hatte der Papst sogar aus der Kirche ausgeschlossen.

Nun stehen beide Seiten vor einer Einigung. Letzte Woche hat Papst Franziskus zugesagt, alle sieben chinesischen Bischöfe anzuerkennen. Er betonte, bei der Ernennung von Bischöfen habe auch weiterhin er «das letzte Wort». Allerdings werde es künftig einen «Dialog über mögliche Kandidaten» geben. Zugleich räumte der Papst ein, dass einige Katholiken, die unter der KP-Führung gelitten haben, nicht glücklich über das Abkommen sein könnten. Doch bei einem Abkommen gebe es «immer Leiden».

Ausgerechnet in einer Phase verschärfter politischer und religiöser Unterdrückung in China mache der Papst gemeinsame Sache mit der kommunistischen Führung, klagte ein Priester der katholischen Untergrundkirche anonym im Internet. Der Eintrag fiel nach nur wenigen Stunden der Zensur zum Opfer.

100 Kirchen geschlossen

«Nicht glücklich» über das Abkommen sind zahlreiche Gläubige in der Stadt Wenzhou im Südosten Chinas. Wegen des grossen christlichen Bevölkerungsanteils wird die Stadt oft als Chinas Jerusalem bezeichnet. Nahe der Stadt lebt die 68-jährige Chen Xu. Sie erinnert sich, wie vor drei Jahren Hunderte Sicherheitsbeamte plötzlich auftauchten und das Kreuz vom Dach ihrer Kirchengemeinde rissen. «Schämt euch», hatte sie ihnen zugerufen, worauf sie und weitere Gemeindemitglieder festgenommen wurden.

Chen verweist auf die Nachbarprovinz Henan. Der dortige Parteichef hat im Frühjahr angeordnet, dass in jedem Gottesdienst die Nationalhymne zu ­singen und die Flagge zu hissen sei. Allein im März wurden in der Stadt Nanyang rund 100 Kirchen geschlossen, weil diese sich den Anordnungen verweigerten. «Unser Papst», sagt Chen verbittert. «Nun verbündet er sich mit unseren Unterdrückern.»

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