KAUKASUS: Folterung und Ehrenmord: Schwulenverfolgung in Tschetschenien

Die aus Tschetschenien geflohenen Schwulen können in Russland kaum auf staatliche Ermittlungen gegen ihre Peiniger hoffen. Aber auch auf Asyl im Westen müssen die meisten warten – aller internationalen Empörung zum Trotz.

Stefan Scholl, Moskau
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Mahnwache in Berlin. (Bild: Paul Zinken/Keystone (30. April 2017))

Mahnwache in Berlin. (Bild: Paul Zinken/Keystone (30. April 2017))

Stefan Scholl, Moskau

Folter per Elektroschock war üblich. «Der Schmerz ist brutal, du schreist, hörst auf zu verstehen, wer du bist, was du bist», sagt eines der Opfer in einem Bericht der Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch (HRW). «Wenn du wieder zu dir kommst, geht es von vorn los. Wenn sie mit dir fertig sind, versuchst du, klare Gedanken zu fassen. Aber du hörst, wie andere schreien, den ganzen Tag, irgendwann drehst du durch.»

Im April erschienen in Moskau die ersten Zeitungsberichte über die Schwulenverfolgung in Tschetschenien. Seitdem erhielt das Sankt Petersburger Aktivistenportal LGBT-Set über 100 Hilferufe von Homosexuellen aus der Kaukasusrepublik; es gelang ihnen, etwa 50 Betroffene in zentralrussische Städte zu bringen. Menschen- und Schwulenrechtler vermuten, ähnlich viele Gefährdete seien auf eigene Faust geflohen. Aber auch in Moskau oder Sankt Petersburg sind sie nicht in Sicherheit. Und die Bemühungen der russischen Staatsmacht, die blutige Affäre aufzuklären, halten sich in Grenzen.

Laut HRW begann die Verfolgung Ende Februar, als Sicherheitsbeamte bei Grosny einen jungen Mann festnahmen, der Euphorietabletten konsumiert hatte. Sie fanden in seinem Smartphone einschlägige Fotos und Links, suchten danach in seinen Internetkontakten weitere sexuelle Abweichler, die sie ebenfalls festnahmen.

Die Opfer landeten zu Dutzenden in illegalen Gefängnissen, sie wurden erniedrigt, verprügelt und mit Elektroschocks gefoltert, um die Namen weiterer Schwulen aus ihnen herauszupressen. «Solche Methoden wurden in Tschetschenien schon früher angewandt», sagt Julia Gorbunowa von HRW gegenüber unserer Zeitung. Igor Kotschetkow, Ratsmitglied von LGBT-Set, hält Tschetschenenchef Ramsan Kadyrow für verantwortlich. «Der Gedanke scheint seinem Hirn entsprungen zu sein. Kadyrow und seine Umgebung haben ja öffentlich verkündet, in Tschet­schenien gäbe es keine Schwulen. Sie halten es offenbar für nötig, Schwule, die doch aufgetaucht sind, zu beseitigen.»

Palamentschef bei Folterungen anwesend

Laut HRW soll Magomed Daudow die Kampagne gegen die Homosexuellen befohlen haben. Daudow ist tschetschenischer Parlamentsvorsitzender und gilt als rechte Hand Kadyrows. Er war nach Aussagen von Opfern auch selbst bei Folterungen mutmasslicher Homosexueller anwesend.

Schon früher herrschte extremer sozialer Druck auf sexuelle Minderheiten in der Kaukasus­republik. Nach dem traditionellen Ehrenkodex gilt Schwulsein dort als Schande, die eine Familie nur reinwaschen kann, indem sie ihren eigenen Sohn tötet. Kotschetkow sagt, es gäbe in Moskau und Sankt Petersburg schon viele Jahre Schwule aus Tschetschenien, die ihre Heimat aus Angst vor «Entlarvung» oder «Bestrafung» durch ihre eigenen Familien verlassen haben. Laut dem HRW-Bericht zwangen die Sicherheitsleute die Opfer nach wochenlangen Folterungen, ihren herbeigerufenen Verwandten ihre Homosexualität zu «gestehen». Dann legten die Sicherheitskräfte den Familien sogenannte Ehrenmorde nah: «Ihr habt einen Perversen aufgezogen, ein gewaltiger Fleck auf eurer Familienehre, den müsst ihr beseitigen.»

Es gäbe Familien, die ihre Söhne trotzdem unterstützten, sagt Gorbunowa, aber meist siegten die Traditionen. HRW sei bereits ein Fall bekannt, in dem ein Schwuler von seinen Verwandten getötet wurde. Andere erhalten auch in Moskau oder Sankt Petersburg Morddrohungen.

Kadyrow leugnet Existenz von Schwulen

Offizielle dagegen leugnen weiter abwechselnd die Existenz von Schwulen oder ihre Verfolgung. Parlamentssekretär Delimchan Dschamaldinow kommentierte den HRW-Bericht mit den Worten: «Da spucken wir drauf.» Die föderalen Behörden haben zwar eine Überprüfung gestartet, aber keine rechtskräftigen Ermittlungen. Dafür bedürfe es Anzeigen konkreter Opfer. Die russische Menschenrechtsbeauftragte Tatjana Moskalkowa fordert, vorher müsse man effektiven staatlichen Schutz für diese Opfer sicherstellen. Allerdings erklärten alle von HRW befragten Schwule, sie wollten aus Angst vor Kadyrows Leuten keinerlei Aussagen machen, solange sie in Russland sind.

LGBT-Set versucht, für die Betroffenen Asyl im Westen zu erwirken. Aber trotz aller internationalen Empörung nehmen die meisten EU-Staaten und die USA die Tschetschenen bisher nicht auf. «Die Botschaften haben klare Anweisungen, niemandem ein Visum auszustellen, der Asyl beantragen möchte», erklärt Kotschetkow. «Für solche Fälle fehlt ihnen jede Prozedur.» Bisher sei es gelungen, lediglich elf Betroffene ins Ausland zu bringen.

Das Land auf einer Landkarte. (Bild: mlu)

Das Land auf einer Landkarte. (Bild: mlu)