Syrien
Kaum noch Zweifel an Giftgas-Angriff – aber von wem?

Beim Angriff auf die syrische Hauptstadt sollen diese Woche 1300 Menschen ums Leben gekommen sein. Die Symptome deuten auf Nervenkampfstoff hin. Unklar ist, wer verantwortlich ist.

Michael Wrase, Limassol,und Dagmar Heuberger
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Ein Elternpaar in Irbin weint um seine bei dem Chemie-Angriff ums Leben gekommenen Kinder. keystone

Ein Elternpaar in Irbin weint um seine bei dem Chemie-Angriff ums Leben gekommenen Kinder. keystone

Erwachsene und Kinder, die sich in Krämpfen winden, die Schaum vor dem Mund haben oder einfach apathisch daliegen: Es sind grauenhafte, aufwühlende Bilder aus Irbin, einem Vorort der syrischen Hauptstadt Damaskus. Internationale Chemiewaffen-Experten sind aufgrund der Bilder der Ansicht, dass bei dem Angriff vom Mittwoch chemische Kampfstoffe eingesetzt wurden. Sie schliessen das aus den Symptomen, welche die Opfer aufwiesen.

Vor 25 Jahren: Das Massaker von Halbdscha

Die Chemiewaffen-Angriffe auf die Vororte von Damaskus erinnern an das Massaker von Halabdschah. Während des ersten Golfkriegs (zwischen Iran und Irak) griff der irakische Diktator Saddam Hussein im März 1988 die kurdische Kleinstadt mit chemischen Kampfstoffen an. Mehr als 8000 Zivilisten erstickten damals innerhalb weniger Minuten qualvoll. Ähnlich wie jetzt in Syrien, machten sich damals die Kriegsparteien gegenseitig für den Angriff verantwortlich. Für das entsetzliche Kriegsverbrechen wurde der irakische Diktator erst 17 Jahre später zur Rechenschaft gezogen. (M.W)

Offen ist, um welche Art von Giftgas es sich handelte. Die hohe Zahl der Opfer – rund 1300 – spricht laut dem amerikanischen Experten Gwyn Winfield für einen Nervenkampfstoff, womöglich Sarin. «Oder es wurde in einem Labor Assads etwas Selbstgemachtes zusammengemixt», sagte er dem Fernsehsender CNN. Es gibt somit kaum noch Zweifel, dass im Osten von Damaskus der schlimmste Giftgasangriff seit dem Massaker von Halabschah (vgl. Kasten) stattgefunden hat.

Gegenseitige Beschuldigungen

Unklar ist hingegen, wer für den Angriff verantwortlich ist. Die syrische Opposition ist felsenfest überzeugt, dass Präsident Baschar al-Assad die Einsätze angeordnet hat und dass er nun vom Westen mit militärischen Mitteln zur Rechenschaft gezogen werden muss. Das Regime in Damaskus bestreitet die Anschuldigungen energisch. Der Einsatz chemischer Kampfstoffe zum gegenwärtigen Zeitpunkt, also zwei Tage nach dem Eintreffen der UNO-Waffeninspektoren in Damaskus, wäre «politischer Selbstmord», hiess es aus Sicherheitskreisen.

Kommentar: Vorsicht ist angebracht

n Man sieht sie nicht, man riecht sie fast nicht und man fühlt sie erst, wenn es längst zu spät ist: Chemische Kampfstoffe gehören zu den perfidesten Waffen, die der Mensch erfunden hat. Auch, weil sie ohne zu unterscheiden Kämpfende und unbeteiligte Zivilisten töten. Doch abgesehen vom Ersten Weltkrieg (deutscher Chlorgasangriff 1915 bei Ypern) wurden Chemiewaffen zum Glück stets zurückhaltend eingesetzt. So wurde im Zweiten Weltkrieg auf den Schlachtfeldern nicht mit chemischen Waffen gekämpft. Am verheerendsten war der Einsatz von Agent Orange durch die Amerikaner im Vietnamkrieg. Sollte das Assad-Regime nun tatsächlich Giftgas gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt haben, dann käme das einer Zäsur im syrischen Bürgerkrieg gleich. Die «rote Linie», von der US-Präsident Barack Obama vor genau einem Jahr gesprochen hatte, wäre überschritten: Die internationale Gemeinschaft müsste militärisch intervenieren - mit unabsehbaren politischen und strategischen Folgen. Es hat daher nichts mit Feigheit zu tun, wenn vor allem die USA und die UNO trotz der verstörenden Bilder zurückhaltend reagieren. Vorsicht ist tatsächlich angebracht. Denn noch sind zu viele Fragen offen. Zwar sprechen Experten davon, dass die Symptome bei den Opfern von Irbin auf einen Nervenkampfstoff hinweisen. Eine definitive Diagnose ist jedoch aufgrund der Videoaufnahmen schlicht nicht möglich. Ebenso wenig steht fest, welche der Bürgerkriegsparteien das Giftgas eingesetzt hat. So schwer es angesichts der grausamen Bilder aus Irbin fallen mag: Zu überstürzten Schlüssen und Handlungen dürfen sie nicht führen. (Dagmar Heuberger)

Vorerst keine Untersuchung

Bei der Bekämpfung der Terroristen brauche man nicht auf chemische Kampfstoffe zurückzugreifen, sagte ein syrischer Regierungssprecher. Für den Giftgas-Angriff könnten radikale Islamisten-Brigaden verantwortlich sein, sagte Informationsminister Omran al-Zoabi. Eine «spontane Untersuchung» des Massakers durch die C-Waffen-Experten der UNO schloss er vorerst aus. Dafür brauche es eine «Vereinbarung mit der Regierung», die – falls überhaupt, – erst nach langen Verhandlungen zustande kommen dürfte.

Russland bezichtigt al-Kaida

Propagandistische Schützenhilfe erhielt das Assad-Regime aus Moskau. Es sei auffällig, dass westliche Medien wie auf Kommando begonnen hätten, eine Kampagne zu starten, die die ganze Verantwortung für das Massaker auf die Assad-Regierung schiebe, sagte der Sprecher des russischen Aussenministeriums, Alexsandr Lukasevic. Nach russischen Quellen sei eine «hausgemachte Rakete mit unbekannten chemischen Substanzen aus einem Gebiet abgefeuert worden, das von Al-Kaida-nahen Kräften der Opposition kontrolliert werde. Das Terrornetzwerk hatte in den letzten Monaten mit chemischen Kampfstoffen experimentiert und damit auch im Internet geprahlt.

Dass das Assad-Regime über Chemiewaffen und die technischen Möglichkeiten zu deren Einsatz verfügt, steht ausser Zweifel. Hingegen wirft der Zeitpunkt der Angriffe Fragen auf. «Es wäre seltsam, wenn die syrische Regierung ausgerechnet in dem Moment zu solchen Mitteln greifen würde, wenn die UNO-Beobachter im Land sind», sagte der ehemalige schwedische Diplomat Rolf Ekeus, der in den 1990er-Jahren ein Team von UNO-Waffeninspektoren im Irak geleitet hatte.

«Verhöhnung der UNO»

Auch der libanesische Politologe Sohail Natour sieht «keine zwingende Notwendigkeit» für den Einsatz von chemischen Kampfstoffen. Die Armee habe die untereinander zerstrittenen Rebellen in den letzten Monaten mit konventionellen Mitteln in die Defensive gedrängt. Nur im umgekehrten Fall, so Natour, könnte sich Assad dazu entschliessen, C-Kampfstoffe als «allerletztes Mittel der Verteidigung» einzusetzen.

Riad Kahwaji vom oppositionsnahen Beiruter Institute for Near East & Gulf Military Analyses lässt diese Argumente nicht gelten. Assad wisse, dass er von Russland geschützt werde. Mit dem Gebrauch chemischer Waffen habe er den Aufständischen klar signalisiert: «Ihr seid allein, und wir können mit euch machen, was wir wollen.» Der Einsatz chemischer Kampfstoffe im Beisein von UNO-Inspektoren sei zudem eine «Verhöhnung der internationalen Staatengemeinschaft».

Die Opposition berichtete unterdessen von neuen Luftangriffen auf Dörfer im Umland von Damaskus. Es handelte sich um jene Gebiete, in denen in der Nacht zum Mittwoch die Giftgasangriffe stattgefunden hatten.