Reportage
«Keine Touristen, alles zu, ein Desaster»: Venedig steht vor der «Mission Impossible»

Venedig stand kurz vor dem Kollaps: 30 Millionen Touristen kamen 2019 noch in die 50'000-Einwohner-Stadt. Doch seit dem verheerenden Hochwasser und dem Beginn der Coronapandemie bleiben die Touristen fern. Eine Reise in die leere Lagunenstadt, wo Tom Cruise beim Dreh von «Mission Impossible» fast ungestört bleibt. Doch der US-Schauspieler hat ganz andere Sorgen.

Sandro Büchler
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Venedig um 18 Uhr: Ein Wirt schliesst sein Restaurant.

Venedig um 18 Uhr: Ein Wirt schliesst sein Restaurant.

Sandro Büchler

Tom Cruise ist ausser sich. «Wenn ich das noch einmal sehe, seid ihr verdammt noch mal alle gefeuert», schnauzt der Schauspieler und Produzent Cruise seine Filmcrew an. Obwohl in zahlreichen europäischen Ländern die Wirtschaft und das Sozialleben heruntergefahren werden, dreht Tom Cruise und eine rund 200-köpfige Entourage zurzeit in halb Europa den siebten Teil der Actionfilmreihe «Mission: Impossible».

Am Set von «Mission: Impossible 7» in Venedig.

Am Set von «Mission: Impossible 7» in Venedig.

Sandro Büchler

Die Dreharbeiten finden unter grössten Vorsichtsmassnahmen statt. Die Mitglieder der Filmcrew werden regelmässig auf Corona getestet, bevor Kameraleute, Statisten und Techniker ans Set gelangen können, wird deren Temperatur an der Stirn gemessen. Wer Fieber hat, wird umgehend isoliert. Masken sind sowieso Pflicht. Tom Cruise selbst ist nur noch mit einer Hightechmaske zu sehen.

Tom Cruise will nichts weniger als die Filmindustrie retten

Als er jedoch zwei Crewmitglieder sieht, die um einen Monitor stehen und den Mindestabstand nicht einhalten, platzt Cruise der Kragen. «Ich hänge jede Nacht mit dem verdammten Studio am Telefon, mit Versicherungsfirmen, Produzenten. Wir schaffen hier Tausende von Jobs – und ihr Arschlöcher? So was will ich nie wiedersehen», hört man Cruise in der rund dreiminütigen Tirade, die die britische Boulevardzeitung «The Sun» vergangene Woche veröffentlicht hat.

Leute haben ihr Zuhause verloren, weil unsere Industrie dichtmachen musste.

Noch einmal breche man die Filmarbeiten nicht ab.

Der 58-jährige Schauspieler aus New York will nichts weniger als die Filmindustrie retten. Als das Coronavirus im Februar und März in Italien zu wüten begann, brachen Cruise und sein Team die Dreharbeiten in Venedig ab. Hals über Kopf flüchteten sie. In den Sommermonaten wurde stattdessen in Norwegen gedreht. Im Oktober ist die «Mission Impossible»-Crew zurück in Venedig.

Cruise dreht im Akkord, hechtet in der einen Szene auf ein Boot oder sprintet durch ein Meer von Kerzen vor dem bekannten Dogenpalast. Doch Ende Oktober infizieren sich trotz der strengen Auflagen zwölf Mitarbeiter mit dem Virus. Erneut müssen die Filmarbeiten unterbrochen werden.

Die Sehenswürdigkeiten sind geschlossen

Zugute kommt den Dreharbeiten: Wegen der Pandemie stören fast keine Schaulustigen und Paparazzi bei der Fertigstellung von «Mission: Impossible 7». Die Lagunenstadt Venedig ist leer. Keine Touristen sind da. Dafür spricht Cruise in einer Drehpause mit den Einheimischen, posiert kurz für Erinnerungsfotos seiner Fans.

Selten kann man mit einem Filmstar derart auf Tuchfühlung gehen. Gedreht wird meist in der Nacht. Die Produzenten fahren dafür grosses Geschütz auf: Riesige Scheinwerferpanels erhellen das Filmset taghell, meterlange Kamerakräne kommen zum Einsatz und Hochleistungsdrohnen surren über das Wasser in den Kanälen.

Tom Cruise will Hollywood im Alleingang retten. Und Venedig versucht, die Tourismusbranche zu retten. Die Stadt steht ebenfalls vor einer «Mission Impossible». Über die Festtage galt in ganz Italien ein harter Lockdown. Aber während andere Regionen Italiens bereits Anfang November aufgrund der Infektionszahlen zur roten Zone erklärt wurden und erneut ein Lockdown ausgerufen wurde, ist in der Region Venetien die Lage weniger dramatisch.

Die mit 4,9 Millionen Einwohnern fünftgrösste Region Italiens wurde im November und Dezember noch als gelbe Zone deklariert: Zwar sind Sehenswürdigkeiten, die Museen und Paläste, auch die meisten Kirchen vorerst geschlossen. Draussen gilt wie in ganz Italien eine Maskenpflicht. Aber immerhin sind in Venetien und in der Regionalhauptstadt Venedig Restaurants, Cafés und Geschäfte bis 18 Uhr offen. Danach ist nur noch Take-away möglich.

Doch die Touristen bringt das nicht zurück. 30 Millionen Touristen zählte Venedig im vergangenen Jahr, das sind rund 80'000 pro Tag – in einer Stadt mit 50'000 Einwohnern. Jetzt sind es noch eine gefühlte Handvoll. Ein paar Deutsche und Schweizer, nur ganz wenige Englischsprachige. Ansonsten überwiegt Italienisch.

Nach dem Hochwasser kam die Pandemie

Ein Brautpaar schreitet unter dem bereits dunklen Abendhimmel über den Markusplatz. Vor der Basilika, dem Wahrzeichen von Venedig, wollen sie Fotos machen. Er raucht eine Zigarette, ein grosser Schwall Rauch zieht hinter ihm her. In der Mitte des beinahe menschenleeren Platzes bleibt das Paar stehen. Während der Bräutigam keine Mine verzieht, die Hände in den Anzugshosen, lächelt die Braut natürlich in die Kamera.

Ein einsames Brautpaar auf dem Markusplatz.

Ein einsames Brautpaar auf dem Markusplatz.

Sandro Büchler

Der scheinbar letzte Rosenverkäufer der Stadt versucht sein Glück, wird aber vom Mann barsch abgewiesen. «Wir haben schon einen Blumenstrauss», entfährt es dem Bräutigam.

Dort, wo das Brautpaar posiert, stand vor einem Jahr das Wasser einen Meter hoch. Eine Springflut hatte die italienische Lagunenstadt überflutet – wie so oft. Nur einmal, 1966, stieg der Pegel noch höher als im November 2019. Nach dem verheerenden Hochwasser machte sich Venedig schleunigst daran, aufzuräumen und die Schäden zu reparieren.

Land unter: der Markusplatz am 12. November 2019.

Land unter: der Markusplatz am 12. November 2019.

ap Photo/Luca Bruno

Doch just zur Karnevalszeit, als die Touristen die Stadt wieder in Beschlag nehmen sollten, begann die Coronapandemie. Geschäfte, Restaurants und Hotels mussten schliessen. Nach dem Lockdown im Frühling kamen zwar in den Sommermonaten wieder einige Touristen. Doch nun im Winter ist die Stadt ruhig und leer. Statt drängelnde Menschenmassen ist viel Platz da.

Gondoliere Andrea steht auf verlorenem Posten

Einige Gastronomen und Geschäftsleute haben bei den eingeschränkten Öffnungszeiten ohnehin schon aufgegeben und machen tagsüber gar nicht erst auf. Oder vielleicht auch nie mehr. In einem Laden, wo die weltbekannten, reich verzierten Karnevalsmasken angeboten werden, ist noch Licht. Aber das Gitter vor dem Schaufenster ist bereits heruntergelassen. Der Verkäufer fasst sich an den Kopf, hat Sorgenfalten auf der Stirn. Wann geht es wieder aufwärts?

Für die kunstvollen Masken finden sich zurzeit keine Abnehmer.

Für die kunstvollen Masken finden sich zurzeit keine Abnehmer.

Sandro Büchler

Das fragt sich auch Gondoliere Andrea, der sich die Beine vor dem Dogenpalast in den Bauch steht. Er sagt:

Wir haben nichts zu tun, es ist ein Desaster.

Keine Touristen weit und breit. «Die ganze Woche hatte ich bisher keine Kunden. Sie sind der erste und einzige Gast heute.» Wenigstens ein paar Euro. Damit könne er heute immerhin in den Supermarkt und etwas für seine Familie kaufen.

Gondoliere Andrea sorgt sich um die Zukunft Venedigs.

Gondoliere Andrea sorgt sich um die Zukunft Venedigs.

Sandro Büchler

Der kräftig gebaute Gondoliere sagt, dass er von der Stadt keine finanzielle Unterstützung erhalte. «Obwohl wir doch massgeblich zum Bild von Venedig beitragen.»

Nachts wird es gespenstisch still in den Gassen

«Für uns ist es wunderschön, fast wie ein Traum», sagt hingegen Caterina. Die 42-Jährige lebt seit ihrer Geburt in Venedig. «Aber so habe ich meine Stadt noch nie gesehen.» Sie könne jetzt abends wieder mit ihrer Labradorhündin entlang der Riva degli Schiavoni spazieren gehen. Früher sei das Quai tagein, tagaus mit Tausenden von Leuten gesäumt gewesen. «Dort, vor dem Ponte della Paglia, musste man teils zehn Minuten warten, bis man über die Brücke gehen konnte.»

So viele Menschen drängten sich darauf, um ein Foto der bekannten Seufzerbrücke zu machen.

Die 50'000 Venezianer erobern ihre Stadt zurück. Auf dem Platz rund um die Kirche San Giacomo, wo in der Nacht zuvor noch die «Mission: Impossible»-Crew ihre Zelte aufgeschlagen hatte, ist wieder Ruhe eingekehrt. Rentner sitzen auf der Bank und lesen Zeitung. Kinder rennen einem Fussball hinterher und kicken ihn an die Wand der Kirche. Dass die Mauer des Gotteshauses nicht zum ersten Mal als Goal dient, zeigt der bröckelnde Verputz.

Nachts sei es aber seltsam still in den engen Gassen, sagt Caterina, die Spaziergängerin. «Beängstigend, richtiggehend unheimlich.» Trotzdem geniesse sie die Stadt ohne Touristen.

Aber für die lokale Wirtschaft ist es fatal.

Das Ding der Unmöglichkeit erledigt Corona

Eigentlich hätte Venedig Grund zum Feiern: Denn die Unesco-Stadt ist nun besser vor Hochwassern geschützt. Im Herbst wurde erstmals der schwimmende Schutzwall aus Stahl getestet – und bestand die Feuerprobe. Die mobilen Dammelemente richteten sich wie geplant auf und schlossen die Zufahrt zur Lagune gegen das Meer ab. Das Wasser blieb dieses Jahr aus, der Markusplatz blieb trocken. Doch so recht freuen mag sich niemand über die Fertigstellung des milliardenteuren Infrastrukturprojekts. Viel zu sehr machen die ausbleibenden Touristen der lokalen Wirtschaft zu schaffen.

Es ist die Ironie der Geschichte: Jahrelang kämpfte Venedig scheinbar vergeblich gegen die Touristenmassen. Dies schafft erst ein Virus. Eine Abgabe für Tagestouristen wurde zuvor schon beschlossen, die wegen Corona aber aufgeschoben werden musste. Auch die Kreuzfahrtschiffe, die auf einen Schlag zusätzliche Hundertschaften an Touristen in die Stadt spülten, sollten verbannt werden.

Nein zu Kreuzfahrtschiffen.

Nein zu Kreuzfahrtschiffen.

Sandro Büchler

Den Touristenströmen Einhalt zu gebieten schien ein Ding der Unmöglichkeit. Nun hat Corona alles für Venedig erledigt. Seit März hat kein einziges Kreuzfahrtschiff mehr in Venedig angelegt. Die Dieselrauchschwaden sind weg, das Wasser in den Kanälen plötzlich wieder klar, sogar Fische sind wieder zu beobachten.

In der Atempause mehren sich jetzt die Stimmen, die eine Rückkehr zum überbordenden Massentourismus ablehnen. Venedig müsse wieder lebenswert für die Bewohner werden, sagte etwa Sergio Pascolo, Städteplaner und Architekturprofessor an der Universität Iuav in Venedig, im September in der NZZ.

Denn viele Venezianer kehren der Stadt den Rücken. Vor allem Junge wandern ab. 1000 gingen jedes Jahr. Dafür steigt die Zahl derer, die für einen nachhaltigen Tourismus plädieren. Der knappe Wohnraum solle nicht für Airbnb-Apartments und immer mehr Restaurants genutzt werden, sondern der Bevölkerung zustehen. «Senza case per tutti Venezia muore» hat jemand an eine Hausmauer gesprayt.

«Ohne Häuser für alle stirbt Venedig.»

«Ohne Häuser für alle stirbt Venedig.»

Sandro Büchler

«Ohne Häuser für alle stirbt Venedig.» Die Stadt steht vor einer wegweisenden Wahl: Will sie beim Tourismus Masse oder Klasse? Venedig muss sich für ein Drehbuch entscheiden.