Khashoggis letztes Ausrufezeichen

Die «Washington Post» publiziert die letzte Kolumne von Jamal Khashoggi, dessen Verschwinden Saudi-Arabien in immer grösseren Erklärungsnotstand bringt.

Michael Wrase, Beirut
Drucken
Teilen
Ein Überwachungsvideo zeigt Jamal Khashoggi beim Betreten des saudischen Konsulats in Istanbul. (EPA, 2. Oktober 2018)

Ein Überwachungsvideo zeigt Jamal Khashoggi beim Betreten des saudischen Konsulats in Istanbul. (EPA, 2. Oktober 2018)

Jamal Khashoggi wusste, dass ihm der saudische Kronprinz nach dem Leben trachtete. «Raus hier, solange es noch geht, bevor es zu spät ist», schrieb der saudische Journalist und Regimekritiker, nachdem er im September letzten Jahres überstürzt sein Heimatland verlassen musste. Khashoggi, der dieser Tage 60 geworden wäre, sprach seither mit seinen Freunden immer wieder über die Möglichkeit, von den Gefolgsleuten von Mohammed bin Salman alias MBS entführt oder ermordet zu werden. «Zuletzt eine Woche vor seinem Verschwinden», seiner mutmasslichen Ermordung im saudischen Generalkonsulat von Istanbul am Dienstag vorletzter Woche, verriet er seinem in Doha lebenden Berufskollegen David Hearst.

«Die arabischen Regierungen haben freie Hand, die Medien zum Schweigen zu bringen.»

«Angst hatte Jamal nicht», betont der britische Journalist. Vielleicht hatte er eine Vorahnung. Khashoggi hielt es jedenfalls für dringlich, einen Grundsatzbeitrag über die Bedeutung der freien Presse für die arabische Welt zu schreiben. «Was die arabische Welt am meisten braucht, ist Meinungsfreiheit», lautet der Titel seiner Kolumne, die die zuständige Redakteurin der «Washington Post», Karen Attiah, zwei Tage vor dem Verschwinden Khashoggis erhielt.

Druck auf Riad wird immer grösser

Sie habe mit der Veröffentlichung bis zur Rückkehr des prominenten Saudis warten wollen. Jetzt müsse sie akzeptieren, «dass es seine letzte Kolumne war». «Diese zeigt perfekt seinen Einsatz und seine Leidenschaft für die Freiheit in der arabischen Welt, für die er anscheinend sein Leben gegeben hat», bringt die Redakteurin ihre Wut und Trauer über das Verschwinden, den Tod Khashoggis, der für die «Washington Post» nun feststeht, zum Ausdruck.

In seinem wohl letzten Beitrag kritisierte der Journalist die Inhaftierung des bekannten ägyptischen Publizisten Saleh al-Shehi «wegen angeblicher Kommentare gegen das saudische Establishment», welche von der internationalen Staatengemeinschaft ohne eine Gegenreaktion hingenommen worden sei. «Die arabischen Regierungen», empört sich Khashoggi, «haben freie Hand, die Medien unter wachsendem Druck weiter zum Schweigen zu bringen». Dass der saudische Journalist nach seinem mysteriösen Verschwinden einen präzedenzlosen Sturm der Entrüstung der gesamten internationalen Staatengemeinschaft ausgelöst hat, ist eine traurige Ironie dieser Geschichte.

Bericht über Verdächtigen

Die türkische Regierungszeitung «Sabah» veröffentlichte gestern einen Beitrag über den angeblichen «Kopf des Vollstreckungsteams» im Fall Khashoggi. Dabei handelt es sich um einen Saudi-Araber, der auch namentlich genannt wird. Die Zeitung zeigte überdies Fotos, die offenbar aus Sicherheitskameras stammen und die den Mann in Istanbul zeigen sollen – unter anderem beim Betreten des Konsulats sowie vor der Residenz des Konsuls. (sda)

Der Druck auf die in Riad vermuteten Drahtzieher dieses politischen Auftragsmordes wird indes immer gewaltiger. Kein Tag, keine Stunde vergehen, in denen nicht neue Einzelheiten über die grauenvollen Ereignisse im saudischen Generalkonsulat von Istanbul ans Licht kommen. Ob Khashoggi während des Verhörs tatsächlich die Finger abgeschnitten, er anschliessend enthauptet und seine Leiche zerteilt wurde, wie dies die regierungstreue türkische Tageszeitung «Yeni Safak» berichtet, ist noch nicht abschliessend geklärt.

Als Beweisstück gilt eine Audiodatei, deren Übermittlung auch US-Präsident Donald Trump fordert. «Bis zum Wochenende», hofft der Chef des Weissen Hauses, «soll Klarheit herrschen». Tatsächlich rechnet kaum jemand damit, dass die Saudis bis dahin ihre angeblich vorbereitete Erklärung für das Verschwinden Khashoggis liefern werden. Die Liste derjenigen, die ihre Teilnahme an der nächsten Woche in Riad beginnenden Investitionskonferenz, dem «Davos in der Wüste», absagen, wird daher immer länger. Nach IWF-Chefin Christine Lagarde liessen gestern – als bislang ranghöchste Politiker – auch der US-amerikanische Finanzminister Steven Mnuchin sowie sein französischer Amtskollege Bruno le Maire den Saudis ausrichten, dass die Voraussetzungen für eine Reise nach Riad derzeit nicht gut seien. Dort soll man entsprechend über eine Verschiebung der Veranstaltung nachdenken.

Den illustren Gästen des Königshauses bliebe dann zumindest ein sicherlich unangenehmer Fototermin oder Handschlag mit dem des Auftragsmordes verdächtigten saudischen Kronprinzen erspart. Sogar die US-Geheimdienste, meldete gestern die «New York Times», seien «zunehmend von der Schuld von MBS überzeugt». Die Indizienbeweise seien erdrückend.