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Kolumne

Kirche und Politik: Wer hat Angst vor der Debatte?

In der Schweiz herrscht massiver Gesprächsbedarf zum Thema Kirche und Politik, Staat und Kirche - und zwar über den Kreis der Kirchgänger hinaus, schreibt unser Kolumnist Gottlieb F. Höpli.
Gottlieb F. Höpli
Gottlieb F. Höpli, Publizist

Gottlieb F. Höpli, Publizist

Das Thema war ja eigentlich immer da. Irgendwo. Nur dass ihm die Schleusenwärter der öffentlichen Meinung oft ausweichen. Vielleicht weil ihnen das nötige Wissen fehlt, um sich eine Meinung zu bilden (die ist bei anderen Themen billiger zu haben), und ziemlich sicher, weil sie befürchten, ein persönliches Bekenntnis ablegen zu müssen. Denn das Verhältnis von Politik und Religion, von Staat und Kirche – und davon ist hier die Rede – ist heikel. Von Fettnäpfchen umstellt. Und trotzdem rückt es uns zurzeit immer näher, ob es uns passt oder nicht: In Genf hat eine Volksabstimmung soeben die seit langem bestehende Trennung von Staat und Kirche konkretisiert. Ein Laizitätsgesetz verbietet Staatsangestellten in Ausübung ihres Berufs das Tragen religiöser Symbole: kein Kopftuch, keine Kippa, kein Kreuz.

Und siehe da: Ausgerechnet aus dem Lager der Laizisten (Linke, Feministinnen, Gewerkschaften) erschallt nun plötzlich die Kritik, mit dem Gesetz würden Muslime ausgegrenzt, und das gehe natürlich gar nicht. Damit sind wir schon nahe an des Pudels peinlichem Kern: Wie verhalten wir uns heute beispielsweise gegenüber militanten Muslimen, die im Zweifelsfall die Regeln ihrer Religion über die Vorschriften von Gesetz und Verfassung ihrer Aufenthaltsländer stellen? Schliesslich steht am Anfang unserer Bundesverfassung nach wie vor: «Im Namen Gottes des Allmächtigen!» Aber immer grössere Gruppen unserer Gesellschaft fühlen sich davon nicht angesprochen und tun kund, dass dieser Satz für sie nicht gilt.

Das ruft nach einer Gegenbewegung. Weil wir uns in einem Wahljahr befinden, haben Politiker wie der CVP-Präsident Gerhard Pfister, aber auch kirchlich engagierte Leute beider Konfessionen ausserhalb der C-Partei begonnen, das Thema Kirche und Politik auf die eidgenössische Traktandenliste zu setzen. Viele Kirchenleute verhielten sich heute eher wie Sozialarbeiter, verbreiteten aber umso eifriger politische Botschaften und Parolen, kritisierte der CVP-Präsident und ermahnte die Kirche zu alltagspolitischer Zurückhaltung – ein Ball, der auch im reformierten Lager aufgenommen wurde, wo schon Pfarrer im Talar Abstimmungsflyer gegen SVP-Vorlagen verteilten. Und sich dabei ebenso auf die Bibel beriefen wie die Zürcher Synodalratspräsidentin, die erklärte, die SVP sei für Christen nicht wählbar.

Dagegen erhob sich ein Chor des Protests. Der reichte von der simplen Behauptung, man wolle engagierten Kirchenleuten das Maul verbieten, bis hin zur NZZ-Schlagzeile: «Die Kirche muss politisch sein.» Wie wenn die Gründung einer Gruppe, die sich zu Kirche und Politik Gedanken macht, bereits eine Gefahr für jegliches Engagement der Kirche darstelle. Seltsam. Da müsste man doch erst einmal fragen: Wer oder was ist die Kirche? Im reformierten Verständnis, das in der Stadt Zwinglis ja in diesem Jubiläumsjahr besonders wach sein sollte, ist es die Gemeinde, nicht deren Amtsträger. Die sich deshalb mit politischen Parolen mindestens so lange zurückhalten sollten, bis die politischen Positionen in der Gemeinde geklärt sind.

Von Maulkorb kann dabei ja keineswegs die Rede sein: Politisches Engagement von Kirchenleuten ist, wenn es als simple Bürgerpflicht verstanden wird, nicht nur möglich, sondern sogar erwünscht. Autoritäre Berufung auf Amt und Bibelstellen ist dabei aber ebenso problematisch wie ein Engagement, das sich meilenweit vom Geist der eigenen Gemeinde entfernt. Auch in der katholischen Kirche werden politische Stellungnahmen nicht mehr von der Befehlskette der Amtskirche übermittelt. Gut so. Was aber nicht heisst, dass nun jeder Amtsträger den Freipass zu politischer Selbstprofilierung in Anspruch nehmen sollte.

Diese kurzen Streiflichter zeigen bereits: In der Schweiz herrscht massiver Gesprächsbedarf zum Thema Kirche und Politik, Staat und Kirche. Und zwar über den Kreis der Kirchgänger hinaus. Wer hat Angst vor der Debatte? Dann also: los!

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