«Klappe halten», «Clown», «Rassist»: So verlief die erste TV-Debatte zwischen US-Präsident Donald Trump und Herausforderer Joe Biden

Ein Fernsehduell war angekündigt, aber was sich in der Nacht auf Mittwoch zwischen Donald Trump und Joe Biden abspielte, glich eher einem Kampf zwischen zwei Gladiatoren. Der republikanische Präsident unterbrach den demokratischen Herausforderer ständig; Biden allerdings beschimpfte seinen Kontrahenten als Clown und Rassisten.

Renzo Ruf aus Washington
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Es gab Momente, da schaute Joe Biden während der ersten Fernsehdebatte direkt in die Kamera und setzte einen Gesichtsausdruck auf, der an Jim Halpert in der Fernsehserie «Das Büro» erinnerte. Biden liess seinen Kontrahenten Donald Trump ausreden, aber man sah ihm an, was er dachte: Liebes Fernsehpublikum, können Sie glauben, was der amerikanische Präsident da gerade sagt?

Dies waren mit die stärksten Momente Bidens im mit Spannung erwarteten TV-Duell. Da wirkte der 77-Jährige wie das pure Gegenteil des Präsidenten. Trump gelang es aber immer wieder, Biden aus der Ruhe zu bringen – in dem er ihn aggressiv unterbrach und seine Aussagen ständig kommentierte. Dies ging zwar auch dem Moderator Chris Wallace zu weit, der Trump immer wieder daran erinnerte, dass auch ein TV-Duell gewissen Spielregeln folgt. Trump brachte Biden damit aber aus der Ruhe. So sagte der Demokrat zum Präsidenten: «Könntest Du nun endlich die Klappe halten?»

Auch beschimpfte Biden den Präsidenten als Rassisten und nannte ihn in einem unbedachten Moment einen Clown, was einem gesitteten Meinungsaustausch nicht gerade förderlich war.

Zu diesem Zeitpunkt war es aber bereits zu spät. Moderator Wallace hatte schon lange die Kontrolle verloren und die beiden alten Männer auf der Bühne in Cleveland (Ohio) fielen sich gegenseitig ständig ins Wort.

Und weil es sich dabei, in den Augen fast sämtlicher Kommentatoren, nicht um eine traditionelle Debatte handelte, ist es auch nicht sinnvoll, darüber traditionell zu berichten: Das politische Programm der beiden Kandidaten kam nur am Rande zu Wort. Wortgefechte über die angeblichen dreckigen Geschäfte von Bidens Sohn Hunter, der in der Ukraine-Affäre eine Nebenrolle gespielt hatte, spielten stattdessen eine Hauptrolle.

Trump spricht zur Basis, Biden zum amerikanischen Volk

Trump wird seine Stammwähler sicherlich begeistert haben, weil er sich energisch gegen sämtliche Anwürfe – sei es die Kritik an seiner Arbeit in der Coronakrise, sei es sein Einstehen für «Recht und Ordnung» in der Debatte um Rassismus und Polizeigewalt – zur Wehr setzte. Es fällt aber schwer, zu glauben, dass er damit Wählerinnen und Wähler zurückgewonnen hat, die seinen konfrontativen Stil nicht schätzen. So unterliess es Trump, sich von extremistischen Unterstützern klar zu distanzieren und er nährte erneut die Zweifel an der Rechtmässigkeit der Stimmenauszählung am 3. November.

Biden wiederum gelang es recht geschickt, Distanz zum linken Flügel seiner Partei zu schaffen und sich von den radikalsten Positionen zu distanzieren. So sagte er beispielsweise, dass er den «Green New Deal», die umweltpolitischen Vorstellungen linker Demokraten, nicht komplett unterstütze. In solchen Momenten wirkte er auch weit kompetenter als Trump, der programmatisch nicht wirklich sattelfest ist.

Wichtiger aber für Biden war, dass er die Erwartungen übertraf. Im Gegensatz zur Karikatur, die Trump und sein Wahlkampfstab von ihm zeichneten, wirkte der Demokrat nicht tatterig oder gar geistig umnachtet. Er war 90 Minuten lang präsent, verhaspelte sich selten und weil er immer wieder direkt in die Kamera schaute und zum Fernsehpublikum sprach, erweckte er immerhin den Eindruck, dass er die Wählerinnen und Wähler nicht ganz vergessen hatte.

In einer Instant-Umfrage des Nachrichtensenders CNN sagten 60 Prozent der Debatten-Zuschauer, Biden habe gewonnen. 28 Prozent erkoren Trump zum Sieger. In einer Erhebung der Denkfabrik Data for Progress sahen 51 Prozent Biden vorne; 39 Prozent der Debatten-Zuschauern hingegen sagten, Trump habe die Debatte gewonnen. Über den Nutzen solcher Umfragen lässt sich streiten. Aber die Erhebung verdeutlicht, dass der Demokrat wohl mehr vom Gladiatoren-Kampf profitierte – auch wenn er die Arena nicht unbeschädigt verliess.