Klarer Sieg, schwache Position für Macron

Die Einschätzung unseres Frankreich-Korrespondenten Stefan Brändle zum neuen Präsidenten Frankreichs.

Stefan Brändle, Paris
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Emmanuel Macron tritt im Innenhof des Louvre vor seine jubelnden Anhänger. (Bild: David Ramos/Getty (Paris, 7. Mai 2017))

Emmanuel Macron tritt im Innenhof des Louvre vor seine jubelnden Anhänger. (Bild: David Ramos/Getty (Paris, 7. Mai 2017))

Aufatmen weit über Frankreich hinaus: Nach dem Brexit und der Trump-Wahl bleibt der dritte populistische Schock aus. Nicht aus­zudenken, was passiert wäre, wenn Marine Le Pen den Einzug ins Elysée geschafft hätte: In Paris, aber auch in Brüssel wäre kein Stein auf dem anderen geblieben.

Um Le Pen zu verhindern, schenkten die Franzosen ihre Gunst einem noch nicht 40-Jährigen. Das ist unerhört in einem Land, das von Königen und Kaisern, Generälen und gestandenen Staatspräsidenten wie de Gaulle und Mitterrand regiert wurde. Ebenso neu für die Fünfte Republik ist, dass der Gewählte nicht dem Rechts- oder dem Linkslager entstammt, sondern dem politischen Zentrum: Emmanuel Macron, der Revolutionär der gemässigten Mitte.

Der junge Strahlemann ist allerdings kein strahlender Wahlsieger. Rund 65 Prozent der Stimmen sind entgegen dem Anschein kein überragendes Resultat gegen eine Extremistin. Auch wenn sich die Dinge seit 2002 geändert haben: Damals hatte Jacques Chirac gegen Jean-Marie Le Pen mit über 82 Prozent triumphiert.

Macron hat nicht nur ein vages Programm, sondern auch eine schmale politische Unterstützung. Alle Präsidenten der Fünften Republik hatten ein starkes Links- oder Rechtslager hinter sich und stemmten ihre ersten Entscheide im Elysée mit einem eigentlichen Plebiszit im Rücken. Macron wurde von seinen eigenen Wählern nur zu 40 Prozent aus Überzeugung gewählt, wie erste Wähleranalysten aufzeigen; 60 Prozent legten «par défaut» für ihn ein, das heisst, um Le Pen zu verhindern. Während des Wahlkampfes hatte sogar die ihm sehr gewogene Zeitung «Le Monde» eingeräumt, für den aus dem Nichts gekommenen Ex-Banker herrsche im breiten Volk «keine richtige Begeisterung». Das zeigen die hohe Stimmenthaltung und die ausserordentlich hohe Zahl der Leerstimmen – für viele Franzosen schon fast ein Misstrauensvotum gegen Macron.

Macron hat nicht nur keine Volksmehrheit, sondern auch keine eigentliche Partei hinter sich. Die Kandidaten seiner Bewegung «En Marche!» für die Parlamentswahlen im Juni sind noch nicht einmal bestimmt. Werden sie in der National­versammlung eine Mehrheit erhalten? Wenn nicht, müsste Macron von Beginn an mit einer Minderheit oder einer «cohabitation» regieren. Die Konser­vativen wie auch die Sozialisten sinnen nach ihrem Präsidentschaftsfiasko auf Rache; und weiter aussen drohen Volkstribunen wie Le Pen und Jean-Luc Mélenchon.

Macron, der Mann mit dem starken Selbstwertgefühl, startet damit aus einer eher schwachen Position. Dabei müsste gerade der Jungpräsident beherzt zupacken können, um alte Widerstände zu überwinden und das Land wirklich zu reformieren, statt wie sein Vorgänger François Hollande zu lavieren. Davon hängt die Zukunft Europas ab. Ein Drittel Wählerstimmen für Le Pen, das offenbart die Misere breiter Wählerschichten und Landstriche. Diese einfacheren, ärmeren Wähler wieder in die Gesellschaft zurückzuholen, muss die erste Aufgabe des neuen Präsidenten sein. Ist der technokratische Eliteschulabgänger Macron die ideale Person dafür? Die Franzosen sind noch so bereit, sich positiv überraschen zu lassen.

Scheitert er hingegen, wird Le Pen weiter punkten. Die Kandidatin des Front National wurde etwas deutlicher als erwartet in die Ränge verwiesen. Mit ihrem aggressiven Auftritt im TV-Duell und einem vermutlich russischen Hackerangriff in letzter Minute vermasselte sie ihre Chancen, als hätte sie gemerkt, dass sie nicht reif ist. Bei der nächsten Wahl 2022 wäre sie aber wirklich bereit.

Stefan Brändle, Paris

nachrichten@luzernerzeitung.ch

Stefan Brändle

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