Nur knapp 10'000 Zuschauer: Trump verpatzt den Start in die nächste Wahlkampf-Phase

Versprochen war ein wilder Abend. Doch der erste Wahlkampfauftritt von Präsident Donald Trump nach der langen Zwangspause zog am Samstag in Tulsa (Oklahoma) weniger Menschen an als erwartet. Trump zeigte sich unbeeindruckt und gab seinen Anhängern die grössten Hits.

Renzo Ruf aus Washington
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US-Präsident Donald Trump spricht vor seinen Anhängern in Tulsa, Oklahoma.

US-Präsident Donald Trump spricht vor seinen Anhängern in Tulsa, Oklahoma.

Bild: Keystone

Falls es wirklich stimmt, dass der amerikanische Präsident seine Batterien auflädt, in der sich von Zehntausenden von Anhängern bejubeln lässt, dann wird Donald Trump am Samstag die Heimreise nach Washington im Energiesparmodus angetreten haben. Denn in Tulsa (Oklahoma) waren vielleicht 10'000 Menschen anwesend, um ihm während des ersten Wahlkampfauftrittes seit Beginn der Corona-Krise zuzujubeln – oder viel, viel weniger, als sein Wahlkampfmanager Brad Parscale versprochen hatte. Noch am Montag hatte Parscale behauptet, mehr als eine Million Menschen hätten sich ein Ticket für die Veranstaltung besorgt, obwohl die Sportarena BOK Center, die er für Trumps Comeback als Wahlkämpfer ausgesucht hatte, höchstens 20'000 Menschen fasst.

Der Wahlkampfstab des Präsidenten machte für das überraschend geringe Interesse am Auftritt des Präsidenten «radikale Demonstranten» verantwortlich, die Trump-Fans angeblich den Zutritt in die Sportarena versperrt hätten. Trump sprach später von «wirklich schlechten» Menschen, die sich ausserhalb des BOK Center mitten im strukturkonservativen Oklahoma aufgehalten hätten.

Mag sein, dass es rund um den weiträumig abgesperrten BOK Center zu einzelnen Scharmützeln kam. Am Samstag hatten auch in der Provinzstadt Oklahomas Tausende von Menschen gegen Polizeigewalt demonstriert. Die Stadtpolizei von Tulsa sprach in einer ersten Reaktion aber davon, dass die Mehrzahl der Demonstranten «friedlich» auf ihre Anliegen aufmerksam gemacht habe.

Trump wiederum, der letztmals am 2. März in Charlotte (North Carolina) vor Tausenden von Menschen um Stimmen geworben hatte, wirkte zu Beginn seiner mehr als eineinhalb Stunden langen Rede ein wenig eingerostet. Nach einigen Minuten löste er sich aber von seinem Text und begann zu improvisieren. So behauptete er im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie, dass die Massentests, die Amerika in der Zwischenzeit durchführt, ein «zweischneidiges Schwert» seien. Wenn man Millionen von Menschen teste, sagte Trump, dann stosse man auf mehr Fälle. «Also sagte ich meinen Beratern: Bitte, reduziert die Zahl der Tests!» (Das Weisse Haus behauptete später, dass es sich dabei um einen Witz gehandelt habe.)

Der amerikanische Präsident bezeichnete die Pandemie zudem mit dem fremdenfeindlichen Schimpfwort «Kung Flu», ein Wortspiel, das die fernöstliche Kampfsportart «Kung Fu» und die englische Bezeichnung für Grippe («Flu») enthält.

Auch sprach der Präsident lange über die Demonstranten, die seit fast vier Wochen das Land in Atem halten und gegen Polizeigewalt, Rassismus und die Regierung Trump demonstrieren. Er warf den «radikal-linken» Aktivisten vor, die übrigens seiner Meinung nach bezahlt werden, die Geschichte Amerikas umschreiben zu wollen; «sie wollen unser Erbe zerstören» und «unsere wunderbaren» Statuen «entweihen», sagte der gebürtige New Yorker.

Dabei handelt es sich bei den meisten Denkmälern, die bisher von Demonstranten attackiert wurden, um Statuen von abtrünnigen Südstaatlern, die 1861 auf der Seite der Konföderierten Staaten in den Amerikanischen Bürgerkrieg stiegen. Trump verteidigte seine Strategie, nötigenfalls mit militärischen Einheiten gegen Demonstranten vorzugehen. Und er sagte düster, dass seine Anhänger zukünftig Gewalt nicht mehr tolerieren würden. «Unsere Anhänger sind nicht derart gewaltbereit, aber wenn sie es wären, dann wäre das ein furchtbarer Tag für die Gegenseite. Weil ich unsere Leute kenne.»

Manchmal verlor Trump aber schlicht und einfach auch den Faden. Dann etwa, als er eine lange Anekdote über die Beschaffung einer neuen Präsidentenmaschine erzählte. Oder dann, als er versuchte zu erklären, warum er voriges Wochenende nach einer Zeremonie an der Militärakademie West Point (New York) tapsig eine Rampe heruntergegangen sei. «Es war wie ein Eisfeld», behauptete Trump.

Den Anhängern des Präsidenten schien die Show dennoch zu gefallen. Die meisten Anwesenden trugen übrigens keine Gesichtsmaske, obwohl die Gesundheitsbehörden alle Trump-Fans dazu aufgerufen hatten, sich vor dem Corona-Virus zu schützen. Der Staat Oklahoma verzeichnet derzeit eine steigende Zahl von Corona-Infizierten.

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