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KOLUMBIEN: «Ohne Gewehr fühle ich mich nackt»

Ein Jahr nach der Unterzeichnung des historischen Friedensabkommens proben die Ex-Guerilleros der Farc den Alltag im Frieden – und ihren ersten Wahlkampf als politische Partei. Rechte Politiker beschwören derweil schon wieder Krieg herauf.
Sandra Weiss, Pondores
Szenen aus dem Farc-Lager im kolumbianischen Pondores. (Bild: Sandra Weiss (Pondores, 17. September 2017))

Szenen aus dem Farc-Lager im kolumbianischen Pondores. (Bild: Sandra Weiss (Pondores, 17. September 2017))

Sandra Weiss, Pondores

Die Sonne schüttet ihr goldenes Morgenlicht grosszügig über die Steppe am Fusse der Perija-Berge im Osten Kolumbiens aus. Da tauchen an einer Einfahrt in den Feldweg nach Pondores vier Panzer auf. Sie wirken einschüchternd, genauso wie die schwerbewaffneten Soldaten im Kampfanzug daneben. Doch die jungen Männer winken dem vorbeifahrenden Schulbus ebenso freundlich zu wie dem Auto mit dem grossen Presseschild. Keine Ausweiskontrolle, keine einschüchternden Fragen. Er sei froh, dass er in diesem Krieg nicht mehr den Kopf hinhalten müsse, sagt ein junger Soldat.

Der älteste Bürgerkrieg Lateinamerikas ist zu Ende, seit vor einem Jahr Regierung und Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens (Farc) einen Friedensvertrag unterzeichneten. Aber dessen Umsetzung läuft alles andere als flüssig. Unweit der Soldaten befindet sich ein Camp der Polizei. Dort findet gerade ein Fussballmatch statt. Bei der UNO, die ihr provisorisches Quartier nur ein paar hundert Meter weiter errichtet hat, werden die ersten schwarzen Zelte schon wieder abgebaut. Mit der Übergabe der letzten Waffen der Farc vor einigen Tagen ist ihre Mission offiziell zu Ende.

Suche nach Farc-Waffen: Wie die Jagd nach dem Piratenschatz

Wochenlang war ein UNO-Offizier, der seinen Namen nicht genannt haben will, mit den Ex-Kämpfern unterwegs, um geheime Waffenlager auszuheben. Wie die Jagd auf einen Piratenschatz habe sich das angefühlt. Ganze Arsenale hat er ausgehoben, vergraben fernab der Zivilisation. Die Guerilleros hatten GPS-Koordinaten, aber von da aus ging es noch bis zu zwei Kilometer weiter in die Wildnis, und irgendwo neben einem Felsen oder zwischen einer Baumgruppe trieben sie einen Eisenstab ins Erdreich. «Machte es klack, fanden wir unter einer Metallplatte die Fässer», erzählt er. Nicht immer hatte er Erfolg. Mal waren die Waffenlager schon ausgehoben, mal gab es Schusswechsel mit irgendeiner der kriminellen Banden, die immer noch jene Teile Kolumbiens kontrollieren, in denen illegal nach Gold oder Smaragden geschürft oder Koka angebaut wird.

Zwei Kilometer weiter schliesslich beginnt das Übergangslager der Farc, deren Abkürzung nun für «Alternative Revolutionspartei des Gemeinwohls» steht. In Pondores und 25 weiteren Lagern im ganzen Land gewöhnen sich 7000 Dschungelkämpfer an einen Alltag ohne Waffen und Gefechte. Auch an der Einfahrt nach Pondores winken die ehemaligen Kämpfer – nun in Zivil – den Neuankömmlingen freundlich und neugierig zu. Eigentlich dürfe er ja ohne Autorisierung nichts sagen, erzählt ein gedrungener Kämpfer namens «Rafael» und fährt dann leutselig fort. Aber ganz einfach sei ihm die Umstellung ins zivile Leben nach 20 Jahren nicht gefallen.

«Als ich mein Gewehr abgab, habe ich geweint und mich tagelang nackt und schutzlos gefühlt», sagt der 37-Jährige. Das Gewehr war für einen Revolutionär der grösste Schatz; drastische Strafen drohten dem, der seines verlor. «Deshalb durften wir nicht schwanger werden», fällt die 20-jährige Sandra ein, die im offenen, luftigen Speisesaal eine Hängematte aufgehängt hat und in ihr den vier Monate alten Albert in den Schlaf wiegt. «Denn hätten uns die Soldaten angriffen, wäre man vor der Wahl gestanden, ob man das Baby oder das Gewehr schnappt.» Jetzt geniesst sie ohne weitere Zukunftspläne erst einmal ihre Mutterschaft. Andere planen schon die Zukunft. Im Unterrichtssaal schwitzen zwei Dutzend ehemalige Kämpferinnen und Kämpfer über Bruchrechnen und Grammatik. «Meine Eltern waren arm, ich konnte nicht nur Schule und bin noch als Kind zur Guerilla gegangen», sagt José Duma alias Boris. «Jetzt lerne ich lesen und schreiben, um zusammen mit den Kameraden eine landwirtschaftliche Kooperative aufzubauen und die Papiere zu verstehen», sagt der 43-Jährige. Er ist noch ganz in Olivgrün gekleidet, mit Springerstiefeln, während viele seiner Klassenkameraden angesichts der Hitze bereits auf Shorts und Badeschlappen umgestellt haben.

Die Kurse organisiert eine kolumbianische Universität, der Staat bietet Fortbildungen an, bei denen man von Coiffeur über Schneider bis zur Fischzucht und zum organischen Ackerbau einiges lernen kann. «Ich bin beeindruckt, wie wissbegierig und straff organisiert die Guerilleros sind», sagt Darío Puerta, der für die nationale Reintegrationsagentur das Lager betreut. Noch aber fehlt für die praktische Umsetzung der Pläne Land. Zehn Hektaren hat ein Unternehmer aus Fonseca den Guerilleros zur Verfügung gestellt, damit sie dort Bananen und Maniok anbauen können. Doch für eine Kooperative bräuchten sie deutlich mehr Land und vor allem einen Titel, der ihnen Rechtssicherheit gewährleistet. Die Bildungskurse fingen mit einem halben Jahr Verzögerung an. Die Bauten waren noch nicht früher fertig, und die Guerilleros mussten selbst Hand anlegen. «Als wir aus den Bergen hierherkamen, wurden gerade erst die Fundamente gegossen», sagt Joaquín Gómez, einer der Comandantes aus der Führungsriege der Farc und Chef des Lagers Pondores. Er ist auf dem Sprung in die Stadt, wo er ein Bankkonto eröffnen will. Nur wer ein Konto besitzt, kann die knapp 170 Euro Übergangsgeld, die der Staat ein Jahr lang monatlich zahlt, in Empfang nehmen. Doch viele der 400 in Pondores registrierten Kämpfer haben keine Papiere – dafür zu sorgen, ist zurzeit Puertas Hauptaufgabe. Aber auch das zieht sich im Behördendschungel wie so vieles.

Ungewissheit vor den Wahlen im kommenden Jahr

«Die Fertighäuser sind klein, unter den Wellblechdächern wird es drückend heiss, und man kann nicht einmal die Fenster aufmachen», schimpft der 70-jährige Gómez, der sein Lager im Gebüsch aufgeschlagen hat, auf Holzplanken unter Plastikplanen, wie zu Zeiten des Guerillakampfes. Die Verzögerung bereitet ihm Sorgen. Denn 2018 sind Präsidentschaftswahlen, und rechte Kandidaten machen gegen den Friedensvertrag mobil. Die Farc wollten Kolumbien in eine linke Diktatur nach kubanischem Modell verwandeln, so ihre Kritik. Er werde wesentliche Punkte des Abkommens rückgängig machen und die Guerilleros ins Gefängnis stecken, drohte beispielsweise Rafael Nieto in einem Gespräch mit Korrespondenten. Der smarte Anwalt ist einer der Anwärter auf die Kandidatur des Demokratischen Zentrums, der Partei des ultrarechten, den paramilitärischen Todesschwadronen nahestehenden Ex-Präsidenten Alvaro Uribe. Auch wenn das bedeutete, dass Kolumbien international zur Lachnummer würde und die Farc wieder zu den Waffen griffen.

Die Ungewissheit vor den Wahlen lastet auf dem Lager. «Die Guerilleros misstrauen dem Staat zutiefst, und wenn der seine Versprechen nicht einhält, fürchte ich, dass einige wieder in den Busch gehen und sich bewaffneten Gruppen anschliessen», sagt Puerta. «Wir wissen, dass die Elite uns hasst und vieles nicht einhalten wird», sagt Gómez. «Wir bereiten uns darauf vor.» Wie, das kann man in dem Veranstaltungssaal sehen. Unter einem Blechdach lauschen drei Dutzend Bauern aus dem nahe ge­legenen Fonseca dem Vortrag eines Ex-Kämpfers über Landbesitz und Agrarreform. 0,4 Prozent der Bevölkerung in Kolumbien besässen 46 Prozent des landwirtschaftlich nutzbaren Landes, schildert der hagere Mann. Die Landbevölkerung verdiene weniger als den Mindestlohn, die Analphabetenrate liege bei 15 Prozent, 80 Prozent der Bauernkinder schlössen die Schule nicht ab, 60 Prozent hätten kein sauberes Trinkwasser. Die Zuschauer pflichten nickend bei.

An der Landfrage und der brutalen Niederschlagung liberaler Bauern- und Arbeiterbewegungen hatte sich der Bürgerkrieg vor über 50 Jahren entzündet. Die Probleme sind noch immer nicht gelöst. Kolumbien wird von wenigen Clans und Regionalfürsten beherrscht. Korruption und Vetternwirtschaft sind gang und gäbe, die Institutionen schwach, Infrastruktur, Bildungs- und Gesundheitssystem miserabel. Statt mit den Waffen wollen die Farc nun aber über die Urnen an die Macht kommen. Fünf Sitze im Senat und fünf im Abgeordnetenhaus sind für sie laut Abkommen die nächsten beiden Amtsperioden reserviert – auch ohne die dafür nötigen Stimmen. Bis zur Revolution durch die Urnen ist es aber noch ein weiter Weg. Umfragen zufolge liegt die Farc derzeit bei bestenfalls 5 Prozent.

Ehemalige Kämpfer der Ex-Guerilla bereiten sich hier auf ein ziviles Leben vor. (Bild: Sandra Weiss (Pondores, 17. September 2017))

Ehemalige Kämpfer der Ex-Guerilla bereiten sich hier auf ein ziviles Leben vor. (Bild: Sandra Weiss (Pondores, 17. September 2017))

Szenen aus dem Farc-Lager im kolumbianischen Pondores: Ehemalige Kämpfer der Ex-Guerilla bereiten sich hier auf ein ziviles Leben vor. (Bilder: Sandra Weiss (Pondores, 17. September 2017))

Szenen aus dem Farc-Lager im kolumbianischen Pondores: Ehemalige Kämpfer der Ex-Guerilla bereiten sich hier auf ein ziviles Leben vor. (Bilder: Sandra Weiss (Pondores, 17. September 2017))

Karte von Kolumbien. (Bild: LZ)

Karte von Kolumbien. (Bild: LZ)

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