Kommentar
Putin hat längst gewonnen – dank eines alten Tricks aus den sowjetischen Strategiebüchern

Noch ist kein einziger russischer Soldat in der Ukraine eingefallen. Und trotzdem darf sich der Kreml-Chef schon als Sieger feiern.

Samuel Schumacher
Samuel Schumacher
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Der russische Präsident Wladimir Putin ist ein geschickter Stratege.

Der russische Präsident Wladimir Putin ist ein geschickter Stratege.

Keystone

Während Putins Truppen noch immer keinen Schritt über die ukrainischen Staatsgrenzen gemacht haben, hat sich die Angst vor einem Einfall des ganz und gar nicht freundlichen Nachbarn inzwischen in der ganzen Ukraine breit gemacht. Familien haben ihre sieben Sachen gepackt und sich – genau wie das amerikanische Botschaftspersonal – nach Lemberg im äussersten Westen des Landes abgesetzt. Mit stündlichen Stossgebeten versuchen Gläubige, die höheren Mächte auf ihre Seite zu bringen. Eine Bekannte in Kiew fragt mich:

«Weisst du, ob Europa uns aufnimmt, wenn der Krieg kommt?»

Nach Wochen der stoischen Ruhe scheinen die Ukrainer zu realisieren, was sich da hinter ihren Grenzen formiert hat. Dass Russland angeblich einen Teil seiner Truppen wieder abziehen wolle, wie Moskau gestern vermeldet hat, sorgt nicht für Beruhigung. Der ukrainische Aussenminister hat mitgeteilt, man habe gelernt, die Russen nicht an ihren Worten, sondern an ihren Taten zu messen.

Klar ist: Nach Monaten der Verhandlungen ist die Bedrohung für die 44 Millionen Ukrainer nicht kleiner geworden. Die Drohkulisse wirkt. Die Menschen haben Angst. Manche fliehen, nur noch wenige trauen der Ruhe. Die Destabilisierung – einer der Grundpfeiler alter sowjetischer Kriegsführung – ist im vollen Gang. Ein ganzes Land zittert – ohne, dass ein einziger russischer Schuss gefallen wäre. Während die Welt sich fragt, wann und ob dieser Krieg jetzt kommt, hat Putin längst gewonnen.