Kommentar: Schutzlos ausgeliefert

Kommentar

Jürgen Gottschlich
Drucken
Teilen

Drei Tage nach dem Blutbad im Istanbuler Nachtclub Reina ist der Täter immer noch nicht gefasst. Immer mehr säkulare Türken glauben mittlerweile, dass das kein Zufall ist. Türkische Sicherheitskräfte sind seit langem obsessiv mit der Verfolgung der kurdischen PKK und linksextremistischer Gruppen befasst. Der sogenannte Islamische Staat war für die AKP-Regierung und Präsident Recep Tayyip Erdogan weniger eine Gefahr als vielmehr ein Verbündeter im Kampf gegen die Kurden.

Viele Türken glauben bis heute, dass der Vormarsch türkischer Truppen in Nordsyrien sich nicht wirklich gegen den IS, sondern immer noch gegen die mit der PKK verbündeten syrischen Kurden der YPG richtet und Erdogan insgeheim Absprachen mit dem IS getroffen hat. Das stimmt wahrscheinlich schon länger nicht mehr, die Kämpfe um die vom IS kontrollierte Stadt al Bab sind hart und für die türkische Armee verlustreich.

Dennoch fällt es den durch die Massenentlassungen der letzten Monate geschwächten Sicherheitskräften schwer, den IS tatsächlich als Bedrohung wahrzunehmen. Dazu kommt, dass ein nicht geringer Teil der Bevölkerung immer noch mit dem IS sympathisiert. Der Täter aus der Silvesternacht hat keine Probleme unterzutauchen, weil der IS in den letzten Jahren ein Netz von Kontakten aufgebaut hat, die dem Attentäter nun zur Verfügung stehen. Recep Tayyip Erdogan fällt seine ambivalente Politik gegenüber den islamistischen Extremisten jetzt auf die Füsse.

Er hat geglaubt, den IS benutzen zu können, jetzt ist die Türkei den Extremisten schutzlos ausgeliefert. Für die Zukunft eine erschreckende Perspektive.

Jürgen Gottschlich

 

nachrichten@luzernerzeitung.ch