Kommentar
Solidarität mit den Juden Europas

In Paris beginnt an diesem Dienstag der Prozess gegen den mutmasslichen Mörder von Mireille Knoll. Dass Juden mitten in Europa heute um ihre Sicherheit fürchten müssen, ist ein Weckruf für uns alle.

Stefan Brändle, Paris
Stefan Brändle, Paris
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Das Tragen einer Kippa im öffentlichen Raum ist für erwachsene Juden in den betroffenen Pariser Vororten ein Risiko.

Das Tragen einer Kippa im öffentlichen Raum ist für erwachsene Juden in den betroffenen Pariser Vororten ein Risiko.

dpa

Die französischen Juden schlagen seit langem Alarm. In einzelnen Vororten von Paris können Lehrerinnen und Lehrer nicht mehr über die Shoah sprechen, ohne dass muslimische Schüler einwerfen, das sei «alles übertrieben». Die Kippa tragen auch die Erwachsenen nicht mehr auf der Strasse. Zuhause werden sie überfallen, «weil Juden Geld haben», wie es Mitglieder einer fünfköpfigen Bande nach ihrer Festnahme formulierten. Die 85-jährige Mireille Knoll wurde aus diesem Grund gar ermordet, durch einen Messerstecher, dessen Prozess diesen Dienstag in Paris beginnt. Der Mörder schrie die gleichen Islamisten-Devisen wie jene Jihad-Terroristen, die derzeit in Paris wegen der Massentötung im Konzertlokal Bataclan vor Gericht stehen.

Die Politik beklagt wortreich die antisemitischen Gewaltakte. In Wahrheit wahrt die Linke aber Distanz zu den Juden, weil sie es mit anderen Rand- und Immigrantengruppen nicht verderben will. Und die Rechte hat intern mit alten antijüdischen Reflexen zu kämpfen. Nötig wäre mehr Solidarität mit den Juden Europas. Das erfordert eigentlich nur eine simple Einsicht: Die antijüdischen Attacken können sich bald auf andere Bürger ausdehnen – auf Hausbesitzer etwa, die das Pech haben, nahe an einer «heissen» Wohnsiedlung zu leben, oder auf Frauen, die nichts anderes wollen als geschminkt auf die Strasse zu gehen. Ist das – wie in einigen Pariser Vorstadtquartieren – nicht mehr möglich, wird es bereits zu spät sein, die Alarmrufe zu hören.

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