KONKLAVE: Im Vatikan naht die Stunde der Wahrheit

Ab Dienstag wird der neue Papst gewählt. Die Ausgangslage sei völlig offen, heisst es. Wirklich? Zumindest befinden sich einige Kardinäle in äusserst aussichtsreichen Positionen.

Dominik Buholzer
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Der Petersplatz in Rom: Ab morgen werden wieder Unzählige hierher blicken. Dann beginnt die Wahl des neuen Papstes. (Bild: AFP/Johannes Eisele)

Der Petersplatz in Rom: Ab morgen werden wieder Unzählige hierher blicken. Dann beginnt die Wahl des neuen Papstes. (Bild: AFP/Johannes Eisele)

Die Kardinäle liessen sich überraschend viel Zeit. Erst am vergangenen Freitag, dem fünften Tag der Generalkongregation, gaben die Purpurträger bekannt, wann die Papstwahl beginnt. Morgen Dienstag werden sie sich zum sogenannten Konklave zurückziehen, um abgeschottet von der Öffentlichkeit, den Nachfolger von Benedikt XVI. zu bestimmen, der am 28. Februar aufgrund nachlassender Kräfte von seinem Amt zurücktrat. Damit ist das Rätselraten endgültig lanciert.

Kurt Koch schweigt

Grundsätzlich ist jeder der 115 stimmberechtigten Kardinäle ein Papabile, ein potenzieller Nachfolger Ratzingers. Also auch der Luzerner Kurt Koch (62), der in den vergangenen Tagen verschiedentlich von Schweizer Medien genannt wurde. Der ehemalige Bischof des Bistums Basel und heutige Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen zieht es jedoch vor, zu schweigen. «Angesichts so vieler Medienanfragen musste ich die grundsätzliche Entscheidung fällen, dass ich vor der Wahl des neuen Papstes keine Interviews mehr geben kann», schreibt er. Ob und wie gross Kochs Chancen sind, lässt sich derzeit kaum beurteilen. Fest steht: Als Kronfavorit unter den Europäern gilt der 72-jährige Angelo Kardinal Scola, Erzbischof von Mailand. Gut möglich aber, dass erstmals überhaupt kein Europäer das Rennen machen wird.

Die Chance Lateinamerikas

«Der Drang verschiedenster Kardinäle, bei der Wahl über Europa hinauszugehen, ist sehr gross. Es gibt bei diesem Konklave erstmals eine reelle Möglichkeit, dass der künftige Papst aus Nord- oder Lateinamerika kommt», sagt Vatikan-Insider Marco Politi. Am meisten Chancen räumt er dabei dem Brasilianer Odilo Scherer ein. Der 63-jährige Sohn deutscher Einwanderer ist Erzbischof der Metropole São Paulo. Ebenfalls in aussichtsreicher Position befindet sich laut Politi der ehemalige Erzbischof von Quebec, Marc Ouellet (68). Sehr viel Kredit bei den Kardinälen geniesst zudem Kardinal Sean Patrick O’Malley (68), Erzbischof von Boston. Er hat sich vor allem mit der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche einen Namen gemacht. Mit O’Malley würde erstmals ein Franziskaner Papst.

Marco Politis Einschätzung hat Gewicht. Der 66-jährige gebürtige Römer hat 20 Jahre lang für die italienische Tageszeitung «La Repubblica» über die Vorgänge im Vatikan berichtet und mehrere Bücher geschrieben. In seinem jüngsten Buch «Benedikt – Krise eines Pontifikats» bilanziert er die Amtszeit des deutschen Theologen Joseph Ratzinger. Sein Urteil: Ratzinger kann vieles – als Papst war er aber überfordert.

Ratzingers Führungsschwäche habe dazu geführt, dass unter den Kardinälen der Wunsch nach einem Papst, der zupackt, sehr gross ist. «Der neue Papst muss die Kurie regieren können und die Bischöfe mehr konsultieren», so Politi. Zudem soll der künftige Oberhirte der katholischen Kirche weltoffen und menschlich sein. All dies spricht nicht grundsätzlich gegen einen schwarzen Papst. Marco Politi gibt einer afrikanischen Kandidatur jedoch keine Chance. «Es gibt zwar ein paar hochkarätige Kardinäle. Aber im Grossen und Ganzen ist die katholische Kirche für einen schwarzen Papst noch nicht so weit», kommt er zum Schluss.

Wohl mindestens acht Wahlgänge

Wer auch immer aus dem Konklave als Papst hervorgehen wird, er muss zuerst zwei Drittel der 115 Kardinäle hinter sich scharen können (77 Stimmen). Laut Marco Politi deutet vieles nicht auf eine Blitzwahl hin. «Mindestens acht Wahlgänge, so viele wie bei Karol Wojtyla, sind sicher nötig», prognostiziert er. Dies bedeutet, dass spätestens Ende Woche der neue Papst feststehen wird. Aber sagt Marco Politi auch: «Es wird auf jeden Fall eine spannende Wahl, bei der man mit Überraschungen rechnen muss.»

Dies hängt mitunter damit zusammen, dass viele der zum Konklave zugelassenen Kardinäle neu und weit gehend unbeschriebene Blätter sind, es bislang vorgezogen haben, nicht zu heissen Themen Stellung zu beziehen. Niemand habe Joseph Ratzinger widersprechen wollen, sagt Marco Politi. «Früher hatte es in Trams oft Schilder, auf denen stand: ‹Bitte stören Sie den Fahrer nicht›. Genau gleich kam mir die Situation unter dem Pontifikat von Ratzinger vor.»

Hinweis

Marco Politi: «Benedikt – Krise eines Pontifikats», Rotbuch.