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Von Corona liessen sich die Wähler nicht abhalten: Kopf-an-Kopf-Rennen bei Polens Richtungswahl

Trotz Coronapandemie stimmten bei der Stichwahl ums Präsidentenamt mehr Menschen ab als vor fünf Jahren.

Paul Flückiger aus Warschau
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Amtsinhaber Andrzej Duda.

Amtsinhaber Andrzej Duda.

Bild: Keystone
Herausforderer Rafal Trzaskowski.

Herausforderer Rafal Trzaskowski.

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Bei der Stichwahl um das Amt des polnischen Präsidenten haben am Sonntag mehr Menschen abgestimmt als noch vor fünf Jahren. Am Sonntag zeichnete sich ein enges Rennen ab: Auf den nationalkonservativen Amtsinhaber Andrzej Duda entfiel laut ersten Prognosen eine hauchdünne Mehrheit der Stimmen. Hochrechnungen gibt es in Polen nicht. Das offizielle Endergebnis wird nach Angaben der Wahlkommission frühestens am Montagabend vorliegen.

Für die Polen stand bei der Wahl viel auf dem Spiel. Entsprechend gross war der Andrang, wie sich bereits gegen Mittag abzeichnete. So auch im Warschauer Wahllokal Nummer 402. In den gewundenen Gängen der Psychologischen Schulberatung stauten sich die Wahlberechtigten. Alle trugen Gesichtsmasken und warteten geduldig, denn in den Räumen durften sich coronabedingt maximal acht Personen aufhalten. «Man könnte wohl von einem Bürgererwachen sprechen», sagte der junge Wahlkommissionsleiter Artur Nowakowski mit Blick auf das grosse Wählerinteresse, aber auch die Wahlkommission selbst. Dort waren die meisten zum ersten Mal Mitglieder, viele jung und noch wenig erfahren. Umso genauer hielten sie die Regeln ein.

Trotz Corona: Hohe Wahlbeteiligung

Der auf Regierungsseite sehr polarisierend geführte Wahlkampf hat in Polen eine grosse Mobilisierung ausgelöst. Seit 1990 war die Wahlbeteiligung bei der ersten Runde nie mehr so hoch. Bei der Stichwahl zwischen Amtsinhaber Andrzej Duda und dem liberalen Oppositionspolitiker Rafal Trzaskowski wurde bis 12 Uhr mittags gar ein neuer Rekord erreicht. Im Wahlkampf konnte keiner der beiden Kandidaten einen Vorsprung höher als die statistische Unschärfe von drei Prozent erreichen. Die sieben letzten Umfragen liefen auf ein offenes Kopf-an-Kopf Rennen hinaus. Umfragen und Nachwahlbefragungen sind dabei mit Vorsicht zu geniessen – hatte sich doch schon in der ersten Runde gezeigt, dass viele Polen sich offenbar schämen, zuzugeben, für Duda eingelegt zu haben.

Vor dem Wahllokal Nummer 402 im Stadtteil Praga auf der ärmeren Ostseite der Weichsel wollen viele nicht über ihre persönliche Wahl sprechen. «Ich gebe keine Interviews, schon gar nicht der Auslandspresse», meinte ein Mittdreissiger mit einem grossen Hund. «Ich habe für Trzaskowski eingelegt, weil ich gegen die Verschleuderung von Sozialgeldern der Regierungspartei PiS bin und keine Steuererhöhungen will», sagte dagegen Rafal, ein Informatiker.

«Ich bewundere Trzaskowski, er ist klug, intelligent und empfindsam, so wie mein Ehemann», sagte Dorota. «Trzaskowski führt uns nach Europa, das gefällt mir», fügt die 60-Jährige an. «Auf dass nicht bloss dieser Schwule gewinnt!», zischte eine Duda-Anhängerin dazwischen.

In Warschau gewinnt dennoch Trzaskowski, so viel ist bereits klar. Doch auch bei der Stichwahl zeigt sich wie bei der ersten Runde der Präsidentenwahlen das Stadt-Land-Gefälle. In den Dörfern hätte Amtsinhaber Duda bereits in der ersten Runde gewonnen. Auch in den Kleinstädten bis 50000 Einwohner besiegte Duda vor zwei Wochen Trzaskowski. In den 96 grösseren Städten siegte der liberale Trzaskowski klar.

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Visthanna Vimalakanthan