KOPF DES TAGES: Der Grüne im Autoland

Seit sechs Jahren ist Winfried Kretschmann (68) Ministerpräsident im «Ländle». Einst durch einen Tsunami ins Amt gespült, ist er heute breit akzeptiert.

Dominik Weingartner
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Ministerpräsident von Baden-Württemberg: Winfried Kretschmann (Bild: dapd/Klaus-Dietmar Gabbert)

Ministerpräsident von Baden-Württemberg: Winfried Kretschmann (Bild: dapd/Klaus-Dietmar Gabbert)

Als gestern Bundesrat Johann Schneider-Ammann und der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann in Stuttgart zusammenkamen, trafen sich zwei, die durch ihre Bewegtbildauftritte regelmässig für unfreiwillige Komik sorgen. Schneider-Ammanns rhetorische Fähigkeiten sind schon oft verspottet worden. Der grüne Landesvater Kretschmann seinerseits sorgt ausserhalb seines Bundeslandes mit seinem breiten schwäbischen Dialekt für Lacher.

Doch ernst nimmt man Kretschmann mittlerweile. Sein Wahlsieg im Jahr 2011 war eine veritable Sensation. Seit 1953 hatte die CDU im «Ländle» regiert. Baden-Württemberg galt als uneinnehmbare Festung der Konservativen. Dass ausgerechnet ein Grüner diese Festung einriss, gehört zu den grössten politischen Überraschungen in der Geschichte der Bundesrepublik.

Kretschmanns Erfolg wurde zunächst als Folge glücklicher Umstände für die Grünen abgetan. Im September 2010 kam es im Zuge der Demonstrationen gegen den neuen Bahnhof Stuttgart 21 zu einem massiven Polizeieinsatz, bei dem über 100 Protestierende verletzt wurden. Die Kritik an Kretschmanns Amtsvorgänger Stefan Mappus wurde immer grösser. Als dann knapp zwei Wochen vor der Landtagswahl ein Tsunami in Fukushima eine Atomkatastrophe auslöste, erhielten die Grünen weiteren Aufschwung, was zum Wahlsieg reichte. Einmal im Amt, erwies sich Kretschmann, der als junger Mann im Kommunistischen Bund Westdeutschlands aktiv war, als pragmatischer Exekutivmann. Mehr noch: Der Ex-Gymnasiallehrer ist der Archetyp des grünen konservativen Realos. Kretschmann ist Mitglied in einem Schützenverein und engagiert sich in der katholischen Kirche.

Auch mit der für Baden-Württemberg wichtigen Autoindustrie hat er sich arrangiert. Die Forderung seiner Partei, bis 2030 auf Diesel- und Benzinmotoren zu verzichten, tat er mit den Worten «die Landesregierung hält von solchen konkreten Terminen nicht viel» ab. Und doppelte nach: «Wir können ja keinen Crash der Automobilindustrie provozieren.» Auch in Asylfragen steht er regelmässig in Konflikt mit dem linken Flügel seiner Partei. So setzte er sich im deutschen Bundesrat, der Länderkammer, dafür ein, dass die Balkanländer Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina als sichere Herkunftsländer eingestuft wurden – sehr zum Leidwesen der Parteiführung auf Bundesebene. Ob das noch grüne Politik sei, fragte sich da manch ein Parteifreund.

Kretschmann geht unbeirrt seinen Weg. Und der Erfolg gibt ihm Recht. Bei der Landtagswahl 2016 legten die Grünen noch einmal um sechs Prozent zu und verwiesen die CDU erstmals auf Platz zwei. Der nächste historische Sieg, den sich der 68-Jährige mit dem markanten Bürstenhaarschnitt auf die Fahne schreiben konnte. Der Erfolg des grünen Realos gilt vielen als Vorbote einer möglichen schwarz-grünen Koalition auf Bundesebene. Kretschmann selber scheint dafür schon bereit sein. «Ich bete jeden Tag für die Kanzlerin», sagte er einmal.

Dominik Weingartner