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KOREA: High Noon am 38. Breitengrad

Die demilitarisierte Zone, welche Nord- und Südkorea trennt, ist einer der gefährlichsten Orte der Welt, an dem auch Schweizer Soldaten für Stabilität sorgen – und Touristen täglich in die eisige Kälte blicken.
Angela Köhler, Seoul
Südkoreanische Soldaten blicken auf die nordkoreanische Seite am Grenzpunkt Panmunjom. (Bild: Jacquelyn Martin/AP (30. September 2013))

Südkoreanische Soldaten blicken auf die nordkoreanische Seite am Grenzpunkt Panmunjom. (Bild: Jacquelyn Martin/AP (30. September 2013))

Angela Köhler, Seoul

Vieles erinnert an das berühmte Filmduell «Zwölf Uhr mittags» (High Noon) – die Landschaft, die Feindschaft und vor allem die trostlose Atmosphäre. Nur Panmunjom liegt eben nicht im Wilden Westen, sondern im Fernen Osten. Der 38. Breitengrad – die offizielle Demarkationslinie zwischen den verfeindeten Brüdern und Schwestern Koreas – bildet seit 64 Jahren eine der merkwürdigsten, mit Sicherheit aber die politisch eisigste Grenze der Welt.

Der Süden führt gern als Beweis seiner Überlegenheit ins Feld, dass wenigstens von seiner Seite in Panmunjom für jedermann die Besichtigung dieses anachronistischen Wahnsinns möglich sei. Das ist bedingt richtig. In Wahrheit stoppen die regulären Touristenbusse mehr als sechs Kilometer vor der Linie. Den Feind bekommt auf diese Distanz keiner zu Gesicht.

Gezeigt wird hingegen der offizielle Grenzpunkt Panmunjom in der «gemeinsamen Sicherheitszone». In den merkwürdig grünblau gestrichenen Baracken endete am 27. Juli 1953 offiziell der äusserst blutige koreanische Bruderkrieg, wurde das «Waffenstillstandsabkommen des Hasses» geschlossen. Bis dahin waren 94 000 Soldaten und etwa drei Millionen Zivilisten bei dem dreijährigen Waffengang ums Leben gekommen. Beinahe die gesamte Infrastruktur und Industrie der koreanischen Halbinsel lagen zerstört am Boden.

Augenkontakt ist streng verboten

Aber es wurde auch ein historischer Schnitt gemacht, der bis heute die Nation teilt. Hunderttausende koreanische Familien sind seither getrennt, haben sich fast sieben Jahrzehnte nicht mehr gesehen. Die demilitarisierte Zone (DMZ) am 38. Breitengrad ist die am meisten bewaffnete und gefährlichste Grenze der Welt. Auf 248 Kilometern Länge und jeweils 2 Kilometern Breite auf jeder Seite ist ein Streifen durch Stacheldraht, Postenkette und Hundelaufgitter gesichert. Das Betreten der DMZ ist beiden Seiten grundsätzlich untersagt. Dennoch hat es Übertritte und zahlreiche Zwischenfälle, zuweilen auch mit Toten, gegeben.

Am einzigen offiziellen Kontrollpunkt in Panmunjom liegt die altstalinistische Volksrepublik Nordkorea nur ein paar Schritte entfernt. Überall stehen riesige Warnschilder. Anders als zu erwarten, ist jedoch die direkte Nahtstelle zur Diktatur äusserst unauffällig markiert. Keine Mauer, kein Zaun, nur ein schmaler Streifen weisser Farbe auf Beton – dahinter beginnt das wohl ­isolierteste Land der Welt. An beiden Seiten des weissen Streifens stehen sich die Truppen des Nordens und des Südens auf Sichtweite gegenüber (siehe Bild). Schweigend starren sie in die Gegenrichtung. Blickkontakt ist streng verboten.

Neutrale Beobachter der Schweizer Armee

Kontrolle ist hier oberstes Gebot. Im Süden unterstützen Eliteeinheiten der USA die Sicherung der Grenze. Politisch präsent sind auch Militärs aus der Schweiz und Schweden, die jedoch nicht eingreifen dürfen. Derzeit sind fünf Schweizer unter dem Kommando von Divisionär Urs Gerber auf Posten.

Schweizer sind seit Beginn des Waffenstillstands 1953 als neutrale Beobachter an der Grenze stationiert. Ihr Engagement gilt als Geburtsstunde der schweizerischen militärischen Friedensförderung. Kontakt mit den Nordkoreanern haben sie nicht, ausser einer «stillen Post». Jeden Dienstag schreiben die Schweizer zusammen mit den Schweden einen Brief an die Gegenseite. Die «Neutralen» werfen das Schreiben in einen Kasten, auf dem «Koreanische Volksarmee» steht. Er wird allerdings schon sehr lange nicht mehr geleert.

Aber auch als Zivilist gelangt man ins Grenzgebiet. Für Kommerz ist in Südkorea immer Platz und der Grenztourismus nach Panmunjom längst ein Geschäft. Für umgerechnet 60 Euro bieten Reisebüros im 50 Kilometer entfernten Seoul Tagesausflüge an. Wer kurze Hose, Minirock oder Riemensandalen trägt, wird gleich beim Start des Ausflugs aussortiert. Angeblich filmen die Nordkoreaner solche Ausländer, um den eigenen Leuten vorzuführen, wie ärmlich doch die Westler leben müssen. Das Wichtigste jedoch ist: Jeder Tourist muss eine vorgedruckte Erklärung unterschreiben, dass er sich der tödlichen Risiken bewusst ist.

Bevor sich der gepanzerte Bus in Bewegung setzt, kontrolliert ein US-Leutnant ohne Regung die Pässe der Insassen. Fotografiert werden darf nicht an besonders sensiblen Stellen, um die Volksarmisten von Führer Kim Jong Un nicht zu provozieren. Schliesslich befinden sich beide Koreas auch im siebenten Jahrzehnt nach dem Waffenstillstand immer noch im Kriegszustand. Laut internationaler Regulation darf im Sperrgebiet auch nicht angehalten werden.

Propagandadörfer auf beiden Seiten

Das Fahrzeug passiert das «Freiheitsdorf» Taesong-dong, wo ­ die Regierung von Seoul mit Steuerbefreiungen Reisbauern ansiedelte, um den Fremden und vielleicht sich selbst ein Stück Normalität vorzuspielen. Abends ­ um 11 Uhr muss dort jeder daheim sein. Es werden dann Türen und Fenster verrammelt – aus Angst vor einer nordkoreanischen Aggression.

Hinter dem Niemandsland ist das nordkoreanische Pendant zu erkennen, von den Amerikanern allgemein «Propagandadorf» genannt, was sich auf ihren Verdacht gründet, dass dort nichts echt ist. Auch mit einem guten Feldstecher lässt sich nur eine Ansammlung von gelben, blauen und rötlichen Apartmenthäusern ausmachen – gedacht wohl als nahezu ein Bilderbuchbeispiel für den «grosszügigen Wohnungsbau», den der Norden unentwegt allen Koreanern verspricht.

Die ganze Nacht hindurch brennt hier Licht, auf der Leine hängt Wäsche, die sogar ab und an mal gewechselt wird. Selbst Strassenreiniger wurden schon gesichtet, aber insgesamt niemals mehr als ein Dutzend Menschen in einem Moment. Vielleicht ist das Dorf bewohnt, dann aber von Geistern.

Realer, weil besser zu sehen, ist der grösste «Flaggenkrieg» der Welt. Südkorea zog im Jahre 1980 sein Banner auf einem 100 Meter hohen Mast auf. Das wollte der Norden nicht hinnehmen. Nach einem Jahr weht das kommunistische Nationalbanner in 160 Meter Höhe – es ist so gross wie ein Zirkuszelt.

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