KOREA: Plötzliche Inbetriebnahme von Raketenabwehr verschärft Krise

Schneller als erwartet haben die USA ihr Raketenabwehrsystem Thaad in Südkorea in Betrieb genommen. Das verärgert nicht nur China, sondern auch viele Südkoreaner. Sie befürchten eine weitere Eskalation des Konflikts.

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Test des US-Raketenabwehrsystem Thaad im Jahr 2013. (Bild: EPA (10. September 2013))

Test des US-Raketenabwehrsystem Thaad im Jahr 2013. (Bild: EPA (10. September 2013))

Auf die jüngsten Testflüge von zwei US-Bombern über der Koreanischen Halbinsel reagierte das Regime in Pjöngjang in gewohnter Manier mit Hass und Drohungen. Von einer «rücksichtslosen militärischen Provokation» sprach Nordkoreas amtliche Nachrichtenagentur KCNA am Dienstag. Mit diesen Übungen würden die USA einmal mehr «einen Atomkrieg provozieren».

Hinter den Kulissen dürfte sich Machthaber Kim Jong Un dennoch gefreut haben. Denn fast zeitgleich zu den Bomber-Übungen hat sich US-Präsident Donald Trump grundsätzlich bereit erklärt, mit dem nordkoreanischen Machthaber direkt zu verhandeln. «Wenn es für mich angemessen wäre, ihn zu treffen, würde ich es durchaus tun», kündigte Trump am Montag in einem Interview der Nachrichtenagentur Bloomberg an. «Ich würde mich geehrt fühlen», beteuerte er, fügte allerdings einschränkend hinzu, dass «die richtigen Voraussetzungen dafür geschaffen sein» müssten. Ein Sprecher des US-Präsidenten präzisierte: «In naher Zukunft» werde es keine Begegnung geben.

Es fehlt an Saatgut und Düngemitteln

Der nordkoreanische Machthaber will zwar auf keinen Fall den Eindruck hinterlassen, er könnte dem Erzfeind hinterherlaufen. Nordkorea-Kenner haben aber schon mehrfach darauf hingewiesen, dass der junge Diktator gegenüber direkten Verhandlungen mit den USA sehr aufgeschlossen ist. Das verwundert nicht. Die Sanktionen haben der nordkoreanischen Wirtschaft in den letzten Monaten deutlich ­zugesetzt. Die Welternährungsorganisation FAO weist schon seit zwei Jahren darauf hin, dass nicht ausreichend Saatgut, Düngemittel und landwirtschaftliche Geräte vorhanden sind und eine neue Hungersnot drohe. Auch Nordkoreas Energieressourcen werden knapp. Direkte Verhandlungen zwischen Kim und Trump könnten eine Wende bringen.

Das Wettrüsten in der Region geht derweil trotzdem weiter. Das US-Raketenabwehrsystem Thaad ist amerikanischen Angaben zufolge seit Montag einsatzbereit – und damit mehr als ein halbes Jahr früher als vor kurzem noch vorgesehen. Mit der vollen Leistungsfähigkeit sei zwar erst ab 2018 zu rechnen, betonte ein US-Militärsprecher. Es sei aber schon jetzt im Stande, nordkoreanische Raketen abzufangen und Südkorea zu verteidigen.

Thaad steht für «Terminal High Altitude Area Defense» und soll feindliche Kurz- und ­Mittelstreckenraketen abfangen. Thaad-Raketen tragen keine Sprengköpfe, sondern zerstören die Rakete durch direkten Aufprall. Dies kann bis in 150 Kilometer Höhe geschehen, also auch oberhalb der Erdoberfläche.

Neben Russland protestiert vor allem China gegen das US-Raketenabwehrsystem. Beide Länder sehen ihre Sicherheit bedroht, sollten die USA von Südkorea aus im Stande sein, atomar bestückte Raketen vom Himmel zu schiessen. Aus chinesischer und russischer Sicht wird auf diese Weise das «Gleichgewicht des Schreckens» unterlaufen. Mit der Installation von Thaad in Südkorea sind die USA im pazifischen Raum klar im Vorteil.

Südkoreanische Wirtschaft leidet unter Spannungen

Doch auch viele Südkoreaner sind gegen Thaad. Die Bewohner der Provinz Seongju befürchten, ihre Gegend könnte zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen und bevorzugtes Angriffsziel von Nordkorea werden. Auch grosse Teile der südkoreanischen Wirtschaft lehnen Thaad ab. In China werden wegen der Stationierung des Raketenabwehrsystems seit Wochen südkoreanische Einrichtungen wie Restaurants, Supermärkte und Kaufhäuser boykottiert. Auch der Absatz von Grosskonzernen wie Samsung oder Hyundai leidet unter der politisch angespannten Situation.

Nordkorea treibt derweil sein Atom- und Raketenprogramm ebenfalls kräftig voran. Obwohl der UNO-Sicherheitsrat Nord­korea den Test von Mittel- und Langstreckenraketen verbietet, hat das Regime in Pjöngjang am Wochenende erneut eine Rakete in die Luft geschossen, von der Experten ausgehen, dass es sich um die Mittelstreckenversion handelte. Sie stürzte wie schon bei den meisten Raketentests der vergangenen Wochen ins Meer.

Experten gehen dennoch davon aus, dass Nordkorea bereits in den nächsten Monaten im Stande sein wird, ballistische Raketen mit nuklearen Sprengköpfen zu bestücken und sie treff­sicher abzuschiessen. Selbst die USA wären in Reichweite.

 

Felix Lee, Peking