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KORSIKA-BESUCH: Macron lässt korsische Autonomisten abblitzen

Nach ihrem jüngsten Wahltriumph auf der Mittelmeerinsel erheben die korsischen Autonomisten teils radikale Forderungen. Der französische Präsident Emmanuel Macron hält diese für inakzeptabel.
Stefan Brändle, Paris
Der Präsident der korsischen Regionalregierung, Gilles Simeoni (links), empfing gestern in Ajaccio Staatschef Emmanuel Macron. (Bild: Ludovic Marin/EPA)

Der Präsident der korsischen Regionalregierung, Gilles Simeoni (links), empfing gestern in Ajaccio Staatschef Emmanuel Macron. (Bild: Ludovic Marin/EPA)

Stefan Brändle, Paris

Wenn der Präsident aus dem fernen Paris nach Korsika kommt, erscheint er den 330'000 Inselbewohnern fast wie ein auslän­discher Staatschef. Früher explodierten im Vorfeld solch hoher Visiten schon mal Bomben – der korsische Willkommensgruss für Politiker vom Festland. Doch die FLNC-Terroristen von einst haben die Waffen seit Jahren niedergelegt. Dafür belegen die «Nationalisten», wie sich die Autonomisten nennen, seit Dezember erstmals die Mehrheit der 63 Sitze im Inselparlament.

Ihr energischer Anführer ­Gilles Simeoni und sein Partner Jean-Guy Talamoni haben Macron am Dienstag mit drei klaren Forderungen empfangen. Sie wollen das Korsische auf der Insel zur zweiten Amtssprache neben Fran­zö­sisch machen. Die Einheimischen sollen durch ein «Wohnsitzstatut» gegenüber den Ferienhausbesitzern geschützt werden. Und die «politischen Gefangenen» wie der Hirte Yvan Colonna sollen nicht mehr in französischen Gefängnissen schmoren müssen, sondern in korsischen Anstalten Heimatluft atmen und Familienangehörige treffen können.

Besuchstermin ganz bewusst gewählt

Macron hörte sich die Vorschläge an. Erfüllen kann und will er sie aber nicht. Die französische Sprache ist der Kitt der Nation, so will es die Verfassung. Präsidialberater fragten schon vor der ­Visite, ob denn ein Beamter aus Marseille oder Lyon Korsisch lernen müsste, wenn er nach Ajaccio versetzt würde. Ein Wohnsitz­statut würde die in Frankreich ­sakrosankte Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz verletzen. Und eine Hafterleichterung für Colonna, den bekanntesten Häftling Korsikas, kommt schon gar nicht in Frage. Das machte Macron am Dienstag in Ajaccio deutlich, wo er des Mordes am Präfekten Claude ­Erignac vor genau zwanzig Jahren gedachte. Der Todesschütze an jenem 6. Februar 1998 war Yvan Colonna gewesen.

Sein Anwalt Simeoni wohnte der Gedenkzeremonie bei, während der radikalere Inselparlaments-Vorsteher Talamoni fernblieb. Macron hatte den Besuchstermin in Korsika ganz bewusst auf den Gedenktag gelegt, um Colonnas offene oder ver­deckte Sympathisanten zum Schweigen zu bringen. Er stellt zwar eine Verfassungsänderung für mehr «regionale Vielfalt» in Aussicht – allerdings für alle Franzosen, also auch für die Bretonen oder die Elsässer. Das von den Autonomisten verfolgte Konzept der «korsischen Eigenheit» lässt Macron damit geschickt ins ­Leere laufen.

Macron will «katalonisches Szenario» verhindern

Die Autonomisten machen die Faust im Sack. Nach ihrem jüngsten Wahltriumph hatten sie aus Paris mehr Entgegenkommen erwartet. Natürlich sei Erignacs Ermordung durch nichts zu rechtfertigen, hört man in Ajaccio wie in Bastia. Die «Franzosen», wie sie dort abschätzig genannt werden, seien aber auch nicht ganz so sauber wie die blitzende Uniform des Inselpräfekten: Eri­gnacs Nachfolger Bernard Bonnet kam 1999 selbst hinter Gitter, weil er seine Flics angehalten hatte, illegale Strandhütten nächtens in Brand zu stecken. Die Situation sei ­«potenziell explosiv», erklärt ­Simeoni.

Er und Talamoni hatten ­Macron angeboten, zehn Jahre lang auf jede Autonomieforderung zu verzichten. Im Gegenzug wollen sie aber mehr politische Eigenständigkeit. Der Zentralstaat in Paris ist zwar sehr generös, subventioniert er die unterentwickelte Inselwirtschaft doch mit 1,3 Milliarden Euro im Jahr – das macht über 4000 Euro pro Einwohner. Deshalb ist der Ruf nach Autonomie in Korsika auch schwächer als etwa im spanischen Katalonien. Das Gefühl des Andersseins ist auf Korsika umso stärker. Die so egalitäre Franzö­sische Republik hatte dafür noch nie Gehör. Und auch Macron übergeht schlicht den Umstand, dass die korsischen Autono­misten auf ihrer «Ile de beauté» (Insel der Schönheit) erstmals überhaupt das Sagen haben.

Wenn er die Forderungen abgesehen von kosmetischen Zugeständnissen ablehnt, dann nicht zuletzt, um ein «katalonisches Szenario» zu verhindern. Dafür könnte bald wieder ein korsisches Szenario drohen – nämlich dann, wenn sich das hitzige Temperament der Insulaner wieder durch Gewaltakte Luft macht.

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