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KOSOVO: Zehn Jahre Kosovo: «Swiss» gilt hier als Gütesiegel

Der jüngste Staat Europas feiert zehn Jahre Unabhängigkeit. Doch nach wie vor ist die KFOR im Land – und mit ihr die Schweizer Armee.
Katharina Brenner, Pristina/Prizren
Blick über Prizren im Süden des Landes mit der osmanischen Steinbogenbrücke über den Fluss und den Bergen im Hintergrund. (Bild: Scott Biales/Getty)

Blick über Prizren im Süden des Landes mit der osmanischen Steinbogenbrücke über den Fluss und den Bergen im Hintergrund. (Bild: Scott Biales/Getty)

Katharina Brenner, Pristina/Prizren

Mit seiner Holztäferung hebt sich das Swiss House vom Aluminiumweiss der Container rings herum ab. Nicht nur Schweizer Armeeangehörige, auch ­Deutsche und Österreicher verbringen ihre Abende gern in dem Restaurant. Neben den Fitnessräumen sind die wenigen Läden und Restaurants die einzige Abwechslung im Camp Film City in ­Pristina. Das Lager der internationalen friedensfördernden Kosovo Force (KFOR) trägt diesen Namen wegen der Studios, die hier einmal standen. Jeder Film schafft eine eigene Welt. Auch das Lager ist eine für sich. Nur an den Fahnen ist zu erkennen, zu welcher Nation die Con­tainer gehören. Selbst erfahrene Fahrer verfahren sich in diesem Labyrinth. «Das war eine zu früh», sagt Cornel Zellweger. Er hätte eine Strasse später ab­biegen müssen, bei den Österreichern vorbei. «Tutsch heimisch», fühle er sich dabei jedes Mal, sagt der 48-jährige Rheintaler. Zellweger ist einer der Älteren im aktuellen Kontingent. Das Durchschnittsalter liegt bei 31. Wer für ein ­halbes Jahr für einen Militäreinsatz ins Ausland geht, lässt in der Regel keine Familie zurück. Zellweger hat einen 15-jährigen Sohn. «Wäre er nicht einverstanden gewesen, wäre ich nicht gegangen.» Zellweger ist als Fahrer bei der Swisscoy. Der gelernte Lastwagenmechaniker suchte eine Veränderung. «Die Zeit in Kosovo ist eine Lebensschule. Ich musste lernen, mich zurückzunehmen.» Seine Mutter habe geweint, als sie von seinem Plan hörte. Sie ist gebürtige Slowenin, hat dem Sohn ihre Sprache beigebracht. Davon profitiert er nun. Ihn habe aber auch das Jugoslawien-Bild der Mutter geprägt. «In Kosovo konnte ich meine Vorurteile abbauen.»

Der rauchende Schlot des nahen Kohlekraftwerks legt die Luft schwer über Land und Lager. Gleich hinter dem Zaun, der das Camp umgibt, stehen Wohnhäuser. Mit Einheimischen kommen die Armeeangehörigen, die im Camp Film City beispielsweise in der ­Küche oder in der Informatik arbeiten, allerdings kaum in Kontakt, am ehesten bei der Bestellung von Pizza oder Rösti in einem der Camp-Restaurants. Anders die Mitglieder der Liaison and Monitoring Teams (LMT). Sie sind in Kosovo, um mit der Bevölkerung zu sprechen. 2004 kam es zu Ausschreitungen zwischen der albanischen und serbischen Bevölkerung mit über 19 Toten. Die KFOR war damals seit fünf Jahren im Land, hatte die Spannungen aber nicht kommen sehen. Damit so etwas nicht noch einmal passiert, führte sie mit den LMT ein Frühwarn­system ein. Sie gelten als die Augen und Ohren der KFOR. Einer ihrer Standorte liegt in Prizren, im Süden des Landes.

Alte Klapperkisten und teure Limousinen

Die Fahrt von Pristina dauert eine gute Stunde. Die Wegweiser sind auf Al­banisch und Serbisch angeschrieben: ­Suharekë und Suva Reka. Wie eine Aorta zieht sich die Autobahn durch dieses verkehrsverliebte Land. Auf den Strassen sind alte Klapperkisten und teure Limousinen unterwegs. Das Heck eines Fiat ist so verdreckt, dass das Kennzeichen kaum zu erkennen ist. Jemand hat die Nummer vorsorglich mit dem Finger in die Schmutzschicht auf der Scheibe geschrieben. Jedes Mal, wenn Zellweger zum Überholen ansetzt, gibt der Fahrer vor ihm Gas. Keiner scheint gern von einem weissen Sprinter mit schwarzem KFOR-Schriftzug überholt zu werden. Im Radio singen The White Stripes «a seven nation army couldn’t hold me back».

Am Strassenrand liegen Plastik, ­Reifen und Metall. Die Landschaft ist ­hügelig. Nur die Berge in der Ferne sind mit Schnee bedeckt. Der Sprinter passiert ein «Swiss Café» und «Swiss Hotel»AABB22– «Swiss» gilt hier als das Gütesiegel schlechthin. Kaum eines der Häuser in den Dörfern ist verputzt. Es wurde viel gebaut in den vergangenen Jahren, auch Moscheen. 95 Prozent der Bevölkerung sind Muslime. Der türkische Staat hat wachsenden Einfluss auf sie. Häufig steht auf den Schildern vor Moscheen «Tika» – die Entwicklungshilfeorganisation des türkischen Staats. Sie finanziert auch Schulen und Spitäler.

In Prizren steht ein Brautladen neben dem anderen

Zellweger parkt den Sprinter vor dem Haus des Schweizer LMT in Prizren. Das Gebäude steht unweit der Hochzeitsstrasse. Dort reiht sich ein Brautladen mit ausladenden, paillettenbesetzten Kleidern im Schaufenster an den anderen. Im Sommer kommen Kosovo-Albaner aus der Schweizer Diaspora zum Hei­raten hierher. Das Gebäude der LMT-Angehörigen ist ein gewöhnliches mehrstöckiges Wohnhaus – regelmässig fallen Strom und Wasser aus. Nadine Rhyner wohnt hier. In der Schweiz hat die 30-Jährige in einer Werbeagentur gearbeitet. In Kosovo führt sie täglich Gespräche mit Einheimischen. Ein weiteres Teammitglied und ein Übersetzer aus der Region sind jeweils mit dabei. Sie fahren gemeinsam in die Dörfer um Prizren, wo sie Schuldirektoren, Ärzte oder Dorfsprecher treffen. Bis zu anderthalb Stunden dauern die Gespräche. Die Einheimischen erzählen, was sie beschäftigt. «Abfallentsorgung, Wasseranschlüsse und Bildung – diese Themen tauchen immer wieder auf», sagt Rhyner. Die Schulen seien in einem sehr schlechten Zustand. Sie treffe häufig engagierte Lehrer, die aber in den überfüllten und kalten Schulzimmern mit begrenzten Materialien nur wenig ausrichten könnten.

Dass sie als LMT-Mitglied nur protokollieren und nicht direkt helfen kann, sei teilweise frustrierend. Wenn es akut an Medikamenten oder Materialien fehlt, vermittle die KFOR an Hilfs­organisationen im Land. Nach den Gesprächen schreibt Rhyner jeweils einen Rapport. Die gesammelten Informationen werden weitergeleitet und im Hauptquartier in Pristina analysiert und verarbeitet, um die allgemeine Lage in ­Kosovo zu beurteilen. Eine Landkarte aus Sorgen.

Thierry Widmer ist Teamleader des LMT in Prizren. Der 26-Jährige ist wie Rhyner der Meinung, dass es noch länger dauern wird, bis Ruhe und Ordnung ­einkehren im Land: «Die Erinnerungen an den Krieg sind noch immer in den Köpfen der Bevölkerung, die den Konflikt miterlebt hat. Das geben die Eltern an ihre Kinder weiter. Der Krieg wird frühestens für deren Kinder weniger präsent sein.» Widmer und Rhyner sind angenehme Gesprächspartner, wecken Vertrauen. Dass die Swisscoy in der Bevölkerung geschätzt werden, zeigt ein gemeinsamer Spaziergang ins Zentrum von Prizren. Alle paar Meter halten Einhei­mische an, meist ältere Männer, die denAABB22Uniformierten die Hände schütteln, sich bedanken. Ausserhalb des Camps sind die Armeeangehörigen zum Selbstschutz bewaffnet. «Zum Einsatz gekommen sind die Waffen noch nie», sagt Oberst Hansjörg Fischer. Er ist der Nationale Schweizer Befehlshaber, der zugleich das Kommando über die LMT-Kräfte im Norden Kosovos hat.

Nato-Truppen ziehen sich zurück

Wie lange die Nato-Truppen noch hier sein werden, ist ungewiss. Sie ziehen sich nach und nach zurück. 1999 waren über 50 000 Personen im ganzen Land stationiert, heute sind es 4000 aus 28 Nationen. Das Schweizer Mandat umfasst maximal 235 – noch. Das Parlament hat vergangenes Jahr einer Verlängerung bis Ende 2020 zugestimmt, schrittweise wird aber reduziert. Ab April 2018 wird die Swisscoy maximal 190 Armee­angehörige umfassen, ab Oktober 2019 maximal 165. Oberst Fischer sagt, eine Schmerzgrenze beim Kontingent gebe es nicht. Von raschen Lösungen in ­Kosovo geht er aber nicht aus. Die ­Spannungen zwischen den Ethnien ­seien nach wie vor gross, ebenso die ­wirtschaftliche Misere und die Korruption. Die Präsenz der KFOR sorge für Sta­bilität.

Gegner des Einsatzes hatten in der Parlamentsdebatte vergangenen Sommer mit den Kosten argumentiert. Der Einsatz soll nun jährlich statt 44,2 Millionen Franken zwischen 37,5 und 33,2 Millionen kosten. Der damalige SVP-Fraktionspräsident Adrian Amstutz sagte, der Kosovo sei seit über 20 Jahren ein ­«zartes Pflänzchen». Wenn die internationale Gemeinschaft das Land nicht langsam selbstständig werden lasse, werde es nie «ein starker Baum». Befürworter des Einsatzes aus CVP und SP verwiesen auf den Migrationsdruck sowie die Span­nungen zwischen der kosovarisch-albanischen Mehrheit und der serbischen Minderheit.

Prizren vermittelt den Eindruck eines friedlichen Nebeneinanders. Um 12 Uhr rufen die Muezzins die Gläubigen zum Gebet. Einer beginnt, alle zehn Sekunden steigt ein weiterer in die Rufe ein, bis die ganze Stadt davon erfüllt ist. Während sich die einen mit einer Matte unterm Arm auf den Weg zur Moschee machen, gehen andere zur Mittagspause in ein Restaurant. «Celebrating our differences», «unsere Unterschiede feiern», steht in Leuchtbuchstaben an einer der Brücken über dem Fluss. Auch in Pristina ruft der ­Muezzin zum Gebet. In der Fehmi Agani, einer Strasse mit Cafés, Beizen, Shisha-Bars und Restaurants ist davon allerdings nichts zu hören. Häufig gibt es separate Räucherräume, es sind immer die grösseren, belebteren.

Die Hauptstadt trotzt der wirtschaftlichen Misere

In Pristina ist vieles im Entstehen, hier schaffen sich die Jungen die Räume, die sie brauchen. Und sie sind viele: Kosovo hat die jüngste Bevölkerung Europas. Die Arbeitslosigkeit ist ebenfalls hoch: Sie wird auf 40 Prozent, bei Jugendlichen auf bis zu 70 Prozent geschätzt. Das durchschnittliche Monatsgehalt liegt bei 300 Euro. Die wesentliche Antriebskraft der Wirtschaft ist das Geld, das Kosovaren im Ausland an ihre Familien überweisen. Diese Diaspora lebt vor allem in Deutschland und der Schweiz. Pristina trotzt diesen Zahlen. In einer Seitenstrasse des Skanderbeg-Platzes verkaufen zwei junge Frauen in einer Galerie mit integriertem Café Collagen lokaler Künstlerinnen. Auf dem Platz fahren Kinder in kleinen Plastikautos. Ihre Eltern haben sie im Blick, stehen daneben, unterhalten sich, lachen. Jugendliche schlendern vorbei.

Aber die Stadt hat auch andere ­Seiten: Bausünden wie die Wohnblöcke aus den 1970er-Jahren. Historische Gebäude verfallen, Stromleitungen hängen durch, in manchen Gegenden ist die ­Kanalisation defekt, es stinkt. Risse im Asphalt, Abfall in den Pärken und auf den verstopften Strassen.

Nuhi T. steht mit seinem Taxi unweit der Statue von Ibrahim Rugova, dem ersten Präsidenten von Kosovo. Während der Fahrt erzählt der Taxifahrer auf Englisch von seinen drei erwachsenen Kindern. Der eine Sohn habe einen Beruf, der andere manchmal. Die Tochter studiere in Ankara, sagt der Vater mit Stolz. Er wohnt gegenüber des Camp Film City. Dass die KFOR im Land ist, findet er gut. «Es gibt uns Sicherheit.»

An den Fahnen ist zu erkennen, zu welchem Land die Container im KFOR-Camp Film City in Pristina gehören. (Bild: Katharina Brenner)

An den Fahnen ist zu erkennen, zu welchem Land die Container im KFOR-Camp Film City in Pristina gehören. (Bild: Katharina Brenner)

Tief hängende Stromleitungen, gepflästerte Strassen, Kirchen, Moscheen und kleine Läden prägen das Stadtbild von Prizren. (Bild: Getty)

Tief hängende Stromleitungen, gepflästerte Strassen, Kirchen, Moscheen und kleine Läden prägen das Stadtbild von Prizren. (Bild: Getty)

Die Nationalbibliothek des Kosovo in Pristina wurde 1982 eröffnet. Sie ist eines der Wahrzeichen der Hauptstadt. (Bild: Katharina Brenner)

Die Nationalbibliothek des Kosovo in Pristina wurde 1982 eröffnet. Sie ist eines der Wahrzeichen der Hauptstadt. (Bild: Katharina Brenner)

Pristina ist eine junge, lebendige Stadt: Die vielen Cafés und Restaurants sind gut besucht. (Bild: Thomas Imo/Getty)

Pristina ist eine junge, lebendige Stadt: Die vielen Cafés und Restaurants sind gut besucht. (Bild: Thomas Imo/Getty)

Am Regierungsgebäude in der Hauptstadt hängt zum Jubiläum der Unabhängigkeit eine riesige kosovarische Fahne. (Bild: Visar Kryeziu/AP)

Am Regierungsgebäude in der Hauptstadt hängt zum Jubiläum der Unabhängigkeit eine riesige kosovarische Fahne. (Bild: Visar Kryeziu/AP)

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