USA
Krieg der US-Regierung gegen Drogen ist gescheitert

Seit 40 Jahren versucht die US-Regierung, dem Drogenproblem im Land Herr zu werden. Dafür wird jährlich zwischen 20 und 25 Milliarden Dollar ausgegeben. Präsident Barack Obama schränkt den erfolglosen Kampf gegen Rauschmittel jetzt schrittweise ein.

Sebastian Moll, New York
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Seltener Fahndungserfolg im Jahr 2010: Die Polizei entdeckten einen Tunnel zwischen Tijuana und San Diego und beschlagnahmten mehrere Tonnen von Marihuana.

Seltener Fahndungserfolg im Jahr 2010: Die Polizei entdeckten einen Tunnel zwischen Tijuana und San Diego und beschlagnahmten mehrere Tonnen von Marihuana.

Keystone

Irgendwann kommt bei fast jeder Party in New York der Moment, an dem jemand einen Joint auspackt. Auch unter Financiers oder Anwälten wird das Kraut offen geraucht. Der Gebrauch von Cannabis und Kokainprodukten ist, wiewohl illegal, in US-Städten wie New York alltäglich.

Offizielle Schätzungen, dass in New York ein Prozent der Bevölkerung, also etwa 80 000 Menschen, 200 Dollar pro Woche für Drogen ausgeben, dürften als eher konservativ gelten. Dennoch ergibt diese Zahl ein atemberaubendes Konsumvolumen: Alleine in New York werden wöchentlich 16 Millionen Dollar für Drogen ausgegeben oder 832 Millionen pro Jahr.

Millionen berauschen sich

New York ist der grösste Drogenmarkt des Landes, aber nicht der einzige. Laut einer Regierungsstudie benutzen 22 Millionen Amerikaner im Alter von über zwölf Jahren illegale Drogen. Das sind rund neun Prozent der Bevölkerung, zusammen geben sie geschätzte 60 Milliarden Dollar im Jahr für die Berauschung aus.

Durch Legalisierung 41 Milliarden einsparen

In den USA hat die Kriminalisierung des Drogengebrauchs in den vergangenen 40 Jahren zu einer beispiellosen Explosion von Verhaftungen und Verurteilungen geführt. In den 80er-Jahren stiegen die Inhaftierungen für Drogendelikte um 126 Prozent, während die Anzahl Verhaftungen für andere Verbrechen lediglich um 28 Prozent wuchs. Zwischen 1984 und 2010 stieg der Anteil der US-Bevölkerung, der in Gefängnissen sitzt, von 0,3 auf 0,8 Prozent an. Mehr als 2,2 Millionen erwachsene Amerikaner sind heute inhaftiert, beinahe 50 Prozent davon wegen Drogendelikten. Das kostet 24 000 Dollar pro Häftling und Jahr.

Experten schätzen die Ersparnisse für die Volkswirtschaft bei einer Legalisierung von Drogen auf jährlich 41 Milliarden Dollar. Weit schlimmer sind die sozialen Kosten dieser Einkerkerung von Bürgern, von denen viele dauerhaft von der Gesellschaft ausgeschlossen bleiben. Der Besitz weniger Gramm Marihuana kann dazu führen, dass man nie mehr eine Wohnung oder einen Job bekommt.(SM)

Die überwiegende Mehrheit des Geldes fliesst in den Marihuana-Konsum – die Freizeitdroge Nummer eins. 17 der 22 Millionen amerikanischen Drogennutzer sind Cannabis-Raucher, gefolgt von Nutzern psychoaktiver Medikamente wie Amphetaminen, Stimulanzien oder Schmerzmitteln mit etwa sieben Millionen. Etwa anderthalb Millionen benutzen Kokain, die Anzahl der Methamphetamin-Nutzer ist immerhin um die Hälfte zurückgegangen, seit die Vorstoffe Ephedrin und Pseudoephedrin stärker reguliert werden.

Eine Billion Dollar verschleudert

Die Regierung versucht seit nunmehr 40 Jahren, dem Drogenproblem im Land Herr zu werden. Zwischen 20 und 25 Milliarden Dollar pro Jahr geben die USA aus, um die Drogenzufuhr auf den US-Markt abzuschneiden und die Händler sowie die Nutzer von der Strasse zu holen. Mehr als eine Billion, schätzt man, hat das Land schon bezahlt, seit Präsident Nixon 1971 martialisch den Rauschmitteln den Krieg erklärt hat. Doch selbst innerhalb der USA setzt sich die Erkenntnis durch, die 2011 von der UN-Kommission für Drogenpolitik artikuliert wurde, dass nämlich der «Krieg gegen die Drogen» ein Fehlschlag war.

Ein Hauptproblem bei der Unterbrechung der Nachschubwege ist, dass sich die Lieferanten bei den extremen Profitmargen erhebliche Einbussen durch Grenz- und Sondertruppen leisten können. So haben US-Behörden in den vergangenen drei Jahren an der mexikanischen Grenze zwar 31 Prozent mehr Drogen beschlagnahmt. Bei Gewinnen von bis zu 500 Prozent können es sich die Kartelle jedoch erlauben, bis zu 90 Prozent ihrer Ware zu verlieren, ohne Verluste zu machen. 50 Prozent der Amerikaner halten mittlerweile den Krieg gegen die Drogen für gescheitert. Die Bundesstaaten Colorado und Washington haben den Freizeitgebrauch von Cannabis legalisiert, Staaten wie Kalifornien, Maine, Alaska und Connecticut haben den Besitz von Marihuana entkriminalisiert. In Kalifornien werden der Anbau und der Verkauf grosser Mengen von Cannabis unter dem Deckmantel der medizinischen Nutzung weitestgehend toleriert.

Mitte August kündigte Justizminister Eric Holder an, die Mindeststrafen für leichte Drogendelikte aufzuheben. Und in New York entschied eine Richterin, dass wahllose Verhaftungen drogenverdächtiger Personen verfassungswidrig sind.

Aufklärung statt Verhaftung

Präsident Obama vermeidet es seit seinem Amtsantritt peinlich, von einem Krieg gegen die Drogen zu sprechen. In seiner ersten Amtsperiode setzte er dennoch die harte Linie seiner Vorgänger fort. Obama gab weiterhin 15 Milliarden Dollar pro Jahr für die Strafverfolgung von Drogenkriminellen im In- und Ausland aus.

Zu Beginn seiner zweiten Legislaturperiode legte jedoch sein Drogenbeauftragter Gil Kerlikowske ein Programm vor, das andere Töne anschlägt. Dort ist von einer Konzentration auf Aufklärung, Vorbeugung und medizinische Versorgung die Rede sowie von einer Reduktion der Inhaftierungszahlen. «Wir haben verstanden, dass wir uns nicht aus dem Drogenproblem heraus verhaften können», sagte Kerlikowske bei seinem Amtsantritt.