Frankreich
«Krieg» unter den Republikanern: Juppé wirft Fillon Nähe zu Rechtsextremen vor

Vor der Entscheidung am Sonntag schenken sich die beiden republikanischen Präsidentschaftskandidaten nichts.

Stefan Brändle, Paris
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Feind – Erzfeind – Parteifreund: François Fillon und Alain Juppé. Reuters

Feind – Erzfeind – Parteifreund: François Fillon und Alain Juppé. Reuters

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Wer Parteifreunde hat, braucht keine Feinde. Das gilt seit Sonntag auch für die französischen Republikaner. Nach monatelanger unangefochtener Führung in allen Meinungsumfragen stürzte Alain Juppé an einem einzigen Abend vom hohen Ross: In der Vorausscheidung für die Präsidentschaftswahlen musste er sich mit dem zweiten Platz begnügen – über 15 Prozentpunkte hinter dem Überraschungssieger François Fillon. Jetzt, drei Tage vor der Endrunde, herrscht zwischen den beiden ehemaligen Regierungschefs «Krieg», wie sich die Pariser TV-Station BFM ausdrückt.

Juppé hat seine Zurückhaltung und betonte Gelassenheit über Nacht abgestreift und greift an. Der Premierminister des früheren Staatschefs Jacques Chirac wirft Fillon vor, ein «unglaubwürdiges» Programm radikaler Wirtschaftsreformen (Ende der 35-StundenWoche, Rentenalter 65, Abbau von 500 000 Beamtenstellen) vorzulegen. Der Premier von Ex-Präsident Nicolas Sarkozy sei für dessen Versagen mitverantwortlich. Ausserdem wolle er via Moskau mit dem syrischen Gewaltherrscher Baschar al-Assad verhandeln. Der russische Präsident Wladimir Putin nannte Fillon gestern Mittwoch wie als Echo eine «aufrechte Person».

Reizwort weckt Leidenschaften

Fillon, der vor der Stichwahl am Sonntag in einer bedeutend komfortableren Lage ist, reagierte zunächst beschwichtigend. Doch Juppé legt nach: Er wirft seinem Kontrahenten überdies vor, er stehe katholischen Traditionalisten nahe und nehme eine unklare Haltung gegenüber der Abtreibung ein. Damit bringt Juppé ein Reizwort ins Spiel, das im laizistischen und zugleich ur-katholischen Frankreich sofort Leidenschaften weckt. Fillon hatte vor Wählern erklärt, er könne die Abtreibung aus philosophischen Gründen und wegen seines Glaubens nicht als «Grundrecht» anerkennen; als Politiker wolle er aber nicht an den Gesetzen rütteln.

Juppé konterte, für ihn sei die Abtreibung durchaus ein Grundrecht. Fillon verlor darauf erstmals die Fassung: «Ich hätte nie gedacht, dass mein Freund Alain Juppé so tief fallen könnte», meinte er und beteuerte, er habe in 30 Jahren in der Politik nie gegen die Abtreibung Stellung bezogen. Er wisse sehr genau zu unterscheiden zwischen seiner persönlichen Überzeugung und seinem politischen Handeln.

Nähe zu rechtsextremen Kreisen?

Juppé geht aber schon einen Schritt weiter. Während er selbst auf eine «offene Rechte und die Mitte» setze, erklärte er am Radio, sei es wohl kein Zufall, dass Fillon auch die Unterstützung «rechtsextremer» Kreise erhalte. Gemeint sind Dissidenten des Front National (FN) wie Jacques Bompard, Aymeric Chauprade und Carl Lang, die derzeit wie so viele zum plötzlich chancenreichsten Präsidentschaftskandidaten überlaufen.

Fillon erklärt, er sei ein kompromissloser Gegner der extremen Rechten und habe sie stets bekämpft; sein Reformprogramm sei nicht zuletzt dazu da, ihre Machtergreifung bei den Präsidentschaftswahlen von Mai 2017 zu verhindern. Ihm eine Nähe zu diesen Ideen zu unterstellen, sei eine «intellektuelle Unredlichkeit».

Die FN-Abgeordnete Marion Maréchal-Le Pen erklärte ihrerseits, Fillon sei «seit 30 Jahren ein Gegner des Front National und einer der wenigen, die sich noch weigern, mir in der Nationalversammlung die Hand zu schütteln». Kommentar rechts