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KRIEGSENDE: Niklas Frank: «Vati war ein Feigling»

Niklas Franks Vater war für den Tod Tausender Juden verantwortlich. Im Gespräch erzählt Frank über das Kriegsende und erklärt, warum er seinen Vater schon als Kind nicht mochte.
Hans Frank bei einer Anhörung im Nürnberger Prozess. Er wurde am 1. Oktober 1946 wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gesprochen und zum Tod durch den Strang verurteilt. (Bild: AFP)

Hans Frank bei einer Anhörung im Nürnberger Prozess. Er wurde am 1. Oktober 1946 wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gesprochen und zum Tod durch den Strang verurteilt. (Bild: AFP)

Niklas Frank spricht mit unserer Zeitung über seinen Vater und das Kriegsende. (Bild: PD)

Niklas Frank spricht mit unserer Zeitung über seinen Vater und das Kriegsende. (Bild: PD)

Niklas Frank, erzählen Sie uns, wie Sie die letzten Kriegstage erlebt haben.

Niklas Frank: Es war wunderbar, ein Abenteuer. Es war der 4. Mai, meine Mutter, ich und meine beiden älteren Geschwister waren in unserem «Haus Bergfrieden» am Schliersee. Ich schaute aus dem Fenster zu, wie sich die amerikanischen Panzer näherten. Die amerikanischen Soldaten waren sehr nett zu uns Kindern. Dass zur gleichen Zeit mein Vater verhaftet wurde, habe ich gar nicht mitbekommen, er sass in seinem Büro, etwa 1 Kilometer von unserem Haus entfernt. Für uns Kinder war die Zeit unheimlich aufregend, die letzten Kriegstage verschanzten sich viele SS-Angehörige bei uns und in den umliegenden Gehöften, ich beobachtete, wie diese Männer ihre SS-Uniformen auszogen und zivile Kleider überstreiften. Dann sind sie verschwunden. Sie liessen ihre Waffen zurück, Kübelwagen, anderes Kriegsgerät. Für einen Sechsjährigen das reinste Abenteuer.

Ihr Vater war ein mächtiger Nazi, er trug den Namen «Schlächter von Polen». War man als kleiner Bengel – ohne dieses konkrete Wissen – stolz auf so einen einflussreichen Vater?

Frank: Selten war er nur zu Hause am Schliersee, die meiste Zeit verbrachte er im Generalgouvernement. Uns gehört Polen – mit dieser Aussage bin ich aufgewachsen. Etwa sechs Monate pro Jahr hielten wir uns bei unserem Vater in Polen auf, die restliche Zeit waren wir am Schliersee. Ich konnte ihn nie so richtig leiden.

Warum konnten Sie Ihren Vater nicht leiden?

Frank: Ich erinnere mich an eine Szene in einem Restaurant in Warschau. Ich wollte mich auf den Schoss meines Vaters setzen. Der sagte bloss: Was willst du denn, du bist doch ein «Fremdi», gehörst nicht zur Familie. Mein Vater glaubte die ersten Jahre, dass ich gezeugt wurde von seinem besten Freund, Karl Lasch, einem üblen Nazi. Später hat er diese Meinung wohl revidiert. Aber ohne Zweifel war das mein erster Bruch mit dem Vater.

Haben Sie als Kind etwas von dem Leid der Bevölkerung mitbekommen?

Frank: Ich muss drei oder vier gewesen sein, da fuhren wir zusammen mit meiner Mutter ins Warschauer Ghetto. Unser Mercedes wurde streng von SS-Einheiten bewacht. Meine Mutter ging dort in Geschäfte und deckte sich mit teuren Pelzmänteln ein. Ich schaute aus dem Auto heraus in lauter traurige Gesichter, daran erinnere ich mich noch. Ein kleiner Junge, vielleicht so alt wie ich, glotzte mich dauernd an. Da streckte ich ihm die Zunge heraus, worauf der Knabe fortlief. Ich fühlte mich stark, wie ein Sieger.

Wann haben Sie erkannt, dass Ihr Vater ein Verbrecher war?

Frank: Im Herbst 1945 wurde ich eingeschult, schon zuvor konnte ich ein wenig lesen. Etwa zu dieser Zeit kamen die ersten demokratischen Zeitungen heraus. Da waren Fotos drin, Leichenberge, tote Kinder. Darunter stand immer «Polen». Die Familie war bedrückt, mein älterer Bruder sagte einmal: Jetzt geht die Familie ins Dunkle, der Vati ist dran. Die Fotos haben mich schockiert. Ich wusste ja, dass Polen und mein Vater miteinander verknüpft waren.

Ihr Vater zeigte vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal Reue. Das Todesurteil nahm er mit den Worten entgegen: «Ich verdiene und erwarte es.»

Frank: Diese Reue dürfen Sie nicht ernst nehmen. «Tausend Jahre werden vergehen und diese Schuld von Deutschland nicht wegnehmen», hat er ja auch gesagt. Warum verteilt er seine persönliche, immense Schuld auf die Schultern von 80 Millionen Menschen? Wenn ich meine Schuld anerkenne, dann bleibe ich dabei.

Er wurde in der Haft gläubig. Nehmen Sie ihm das nicht ab?

Frank: Er hat sich im Oktober 1945 katholisch taufen lassen von einem amerikanischen Pater, der ihn später auch an den Galgen begleitet hat. Mein Vater brauchte jemanden, den er anbeten konnte. Jahrelang war das Hitler, als der weg war, versuchte er es mit Jesus.

Sie bleiben dabei: weder Einsicht noch Reue?

Frank: Er hat sich einen Dreck um die Opfer gekümmert. Es war schon in seinen ganzen Briefen, die er während des Krieges nach Hause schickte, kein Wort über die Opfer zu lesen.

Haben Sie ihn in seiner Zelle in Nürnberg besucht?

Frank: Ein einziges Mal, kurz vor der Urteilsvollstreckung, im Oktober 1946 wurde er erhängt. Ich bin in seine Zelle im vollen Bewusstsein getreten, dass ich meinen Vater zum letzten Mal sehen werde.

Bei diesem letzten Zusammentreffen: Hat Ihr Vater zu erkennen gegeben, dass es ihm wenigstens seinem Sohn gegenüber leid tut?

Frank: Überhaupt nicht. Ich war ja schon sieben Jahre alt. Und da sagte Vati zu mir: «Nicki, bald feiern wir Weihnachten zusammen am Schliersee.» Ich war total beleidigt, weil er mich wie ein Kleinkind behandelte. Ich wusste ja, dass das nicht stimmt, und dachte: Warum lügt er, wenn er doch an den Galgen kommt?

Wann haben Sie begonnen, Ihre Familiengeschichte aufzuarbeiten?

Frank: Ich mag dieses Wort nicht: aufarbeiten. Aufarbeiten hat den Geruch, als ob es danach wieder gut wäre. Sie kriegen aber die Ermordeten nicht wieder lebendig, wenn Sie etwas aufarbeiten. Ich habe Fakten gesammelt über meinen Vater. Schon als Zwölfjähriger wusste ich viel über seine Verbrechen. Ich hatte reges Interesse an diesem Kerl.

Wie kann es passieren, dass ein durchschnittlicher Mensch wie Ihr Vater zu einem so kalten Massenmörder wird?

Frank: Es gibt ausser dem Wunsch nach Karriere keinen Grund dafür. Er sagte schon in frühen Jahren zu meiner Mutter: Einmal will ich 1000 Mark im Monat verdienen. Dann ist er mehr zufällig in diese Nazi-Szene reingekommen, hat ein paar dieser Nazi-Drescher verteidigt, hatte Erfolg. Plötzlich war er dann der Nazi-Anwalt und kam auch Hitler immer näher. Sicherlich, er war rechtslastig, er litt unter dem Verlust der Ehre Deutschlands, er trauerte dem Kaiserreich nach und war unglücklich mit der neuen Demokratie. Schon in seinen Jugendjahren hat er in sein Tagebuch geschrieben: «Wir brauchen jemanden, der die Ehre Deutschlands wiederherstellt. Einen starken Mann, am Ende bin ich es.» Es war dann der Adolf.

Aus Opportunismus wird man zum Massenmörder?

Frank: Aus Opportunismus und Feigheit. Er hätte ja unter einem Vorwand aussteigen können, als sie die KZ errichteten: «Mein geliebter Führer, mein Herz ist zu schwach» – oder was weiss ich. Er hat es nicht getan. Hitler war für ihn der Stellvertreter Gottes. Das einzige Bestreben meines Vaters war es, Hitler zu gefallen.

Hat die Gesellschaft, hat Deutschland aus seiner Geschichte gelernt?

Frank: Deutschland hat schöne Denkmäler gebaut. Die Täter bauen ihren Opfern Denkmäler – damit komme ich nicht zurecht. Gut sind die Dokumentationszentren. Aber seien wir ehrlich, für die Geschichte interessiert sich eine dünne Oberschicht des Geistes und der politischen Korrektheit. Aber sonst? Nichts gelernt. Unser Umgang mit Griechenland, mit den kleinen EU-Staaten, mit Flüchtlingen. Schandbar, wie die alte Herrenrasse. Ich liebe Deutschland sehr, aber ich misstraue den Deutschen.

Harte Worte.

Frank: Sie müssen es ja nicht drucken.


Interview Christoph Reichmuth

Hinweis

Einen weiteren Beitrag zum Ende des Zweiten Weltkriegs lesen Sie morgen auf unserer Hintergrundseite. Das Schweizer Fernsehen sendet heute Abend um 20 Uhr auf SRF 2 den Spielfilm «Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat» mit Tom Cruise. Am Sonntagabend zeigt SRF 1 um 21.45 Uhr die «Reporter»-Sendung «Der hundertjährige Pilot – Wie Hans Giger den Zweiten Weltkrieg erlebte».

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