Krise in Venezuela: Präsident Maduro bremst humanitäre Hilfe aus

Der Konflikt zwischen Regierung und Opposition fordert weitere Menschenleben. Venezolanische Sicherheitskräfte stoppen Hilfslieferungen für die Not leidende Bevölkerung mit Waffengewalt.

Sandra Weiss, Puebla
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Zivilisten versuchen, auf der Grenzbrücke Simón Bolívar den Weg freizumachen für humanitäre Transporte von Kolumbien nach Venezuela.                 Bild: Ernesto Guzman/EPA (Cúcuta, 24. Februar 2019)

Zivilisten versuchen, auf der Grenzbrücke Simón Bolívar den Weg freizumachen für humanitäre Transporte von Kolumbien nach Venezuela.                Bild: Ernesto Guzman/EPA (Cúcuta, 24. Februar 2019)

Der lange angekündigte D-Day im Machtkampf um Venezuela begann um 7 Uhr früh in der kolumbianischen Grenzstadt Cúcuta: Mehrere Dutzend Zivilisten räumten auf der Grenzbrücke ­Simón Bolívar die Sperrgitter beiseite und warfen sie in den Fluss. So wollten sie den Weg freimachen für die humanitären Hilfslieferungen, welche die Opposition mithilfe der USA, Kolumbiens, Brasiliens und Chiles gegen den Willen von Machthaber Nicolás Maduro am Samstag ins Land bringen wollte. Es war der Auftakt zu einem spannungsgeladenen Tag, an dessen Ende die Bilanz traurig ausfiel. Laut der Menschenrechtsorganisation Foro Penal starben vier Mensen, es gab 300 Verletzte, drei verbrannte Lastwagen. Zudem desertierten – unterschiedlichen Angaben zufolge – zwischen 23 und 60 Soldaten. Präsident Maduro hatte dem ersten Ansturm standgehalten.

«Wir haben den Befehl, die Karawane aufzuhalten, notfalls auch mit Waffen», sagte dem Sender RCN ein Offizier der Nationalgarde, der am Morgen über die Grenzbrücke auf die kolumbianische Seite geflüchtet und sich Gegenpräsident Juan Guaidó unterstellt hatte. Die LKW-Karawanen, die an mehreren Punkten von Kolumbien und Brasilien aus versuchten, die Grenze zu passieren, wurden von Streitkräften und bewaffneten Milizen in Zivil mit Tränengas und Schusswaffen gestoppt. In Santa Elena nahe Brasilien kam es zu Auseinandersetzungen. Dabei starben zwei Indigene. An der Grenze zu Kolumbien setzte die Nationalgarde Tränengas ein, während eine Vorhut von ­Milizen Schüsse abfeuerte und Lastwagen in Brand steckte.

Boliviens Präsident Evo Morales stärkt Maduro den Rücken

Ein von Puerto Rico aus gestarteter Frachter mit Hilfslieferungen wurde von der venezolanischen Küstenwache unter ­Gewaltandrohung gestoppt. In mehreren Städten Venezuelas demonstrierten Zehntausende vor Kasernen und baten um Durchlass der Hilfe. Maduro warf Kolumbien vor, einer versteckten Invasion Vorschub zu leisten, und brach die diplomatischen Beziehungen zu dem Land ab. Vizepräsidentin Marta Lucia Ramírez entgegnete, diese Massnahme sei sinnlos, da Kolumbien ohnehin keine Beziehungen zu Diktator Maduro unterhalte und keinen Botschafter entsandt habe. Kolumbiens Präsident Ivan Duque appellierte an Maduro, die Barbarei und Gewalt zu beenden. Der Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), Luis Almagro, sprach von einer feigen, unwürdigen Aktion. Bolivien und Kuba hingegen stellten sich auf die Seite Maduros. Boliviens Präsident Evo Morales beglückwünschte das «mutige venezolanische Volk», das sich gegen das Trojanische Pferd einer humanitären Invasion gewehrt habe.

Vier Fünftel der Bevölkerung sind arm

Durch Hyperinflation, Korruption und Misswirtschaft ist Venezuela in eine tiefe Krise gestürzt. Die Volkswirtschaft ist um die Hälfte geschrumpft, rund 80 Prozent der Venezolaner sind arm, 3,4 Millionen haben in den vergangenen Jahren das Land verlassen.

Die Bewertung des D-Days fällt unterschiedlich aus. Maduro feierte den gelungenen Widerstand seines «Kampfs für die Würde» vor rund tausend Anhängern in Caracas und tanzte Salsa. Die oppositionelle Publizistin Colette Capriles erkannte Zeichen, dass die Loyalität des Militärs bröckelt. «Für einen langen Widerstand fehlt den Sicherheitskräften die Kohäsion», twitterte sie. «Es war die erste Schlacht. Die Hilfe kam nicht rein, aber die Regierung ist nicht in der Lage, die Opposition und die internationale Gemeinschaft auszubremsen», meinte John Polga, Politologe von der US Naval Academy.

Der Machtkampf geht nun in die nächste Runde aufs diplomatische Parkett. Am Montag wollten sich die Mitglieder der konservativen Lima-Gruppe mit US-Vizepräsident Mike Pence zu neuen Beratungen treffen. Auch die Internationale Kontaktgruppe unter europäisch-uruguayischer Führung setzte nach einem ersten Gespräch mit Aussenminister Jorge Arreaza ihre Vermittlungsbemühungen fort.

Venezolaner demonstrieren in der Schweiz gegen Maduro

Einige hundert Personen haben am Samstag in drei Schweizer Städten gegen den venezolanischen Präsidenten Nicolas Maduro demonstriert. Sie forderten, dass die Regierung die Lieferung von Hilfsgütern an die Bevölkerung Venezuelas zulässt.

Trump ruft Militär in Venezuela zu Abkehr von Maduro auf

US-Präsident Donald Trump hat den Militärs in Venezuela mit schweren Konsequenzen gedroht, wenn sie den umstrittenen Staatschef Nicolás Maduro weiter unterstützen. Er forderte sie eindringlich auf, die an der Grenze bereitstehenden Hilfslieferungen ins Land zu lassen.