KRISE: «Putin will ein Königreich im Osten»

Andrej Kurkow hat es befürchtet: Die Krim genügt Putin nicht. Im Interview sagt der ukrainische Autor, was der Westen jetzt tun sollte.

Interview Christoph Reichmuth
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Der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow (52). (Bild: Keystone)

Der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow (52). (Bild: Keystone)

Andrej Kurkow, Sie sind Russe, wohnen seit ihrer Kindheit aber in Kiew. Brauchen Sie für ein Leben in der Ukraine den Schutz von Wladimir ­Putin?

Andrej Kurkow: Das wäre mir neu. 80 Prozent der Kiewer sprechen russisch, in der Ukraine leben rund 20 Prozent ethnische Russen, in gewissen Städten im Osten ist der Anteil der Russen noch höher. Das Zusammenleben funktioniert gut, die Russen brauchen keinen Schutz. Auch nicht die anderen Minderheiten von Rumänen, Polen oder Bulgaren. Ich war schon oft in Gebieten dieser Minderheiten, und ich kann Ihnen sagen: Die Leute fühlen sich wohl in der Ukraine.

Fühlen Sie sich selbst als Russe oder als Ukrainer?

Kurkow: Als Ukrainer russischer Herkunft. Aber das ist auch komplett egal. Ich mache Ihnen ein Beispiel: Wenn ich auf dem Markt in Kiew einkaufen gehe, sprechen die meisten Markthändler ukrainisch. Dann rede auch ich ukrainisch mit ihnen. Aber es gibt dann die Russischsprachigen, die reden dann halt einfach russisch, und die Händler antworten auf Ukrainisch. Das geht ganz unkompliziert.

Wie ist die Stimmung in Kiew nach der Annexion der Krim durch Russland? Ist die Krim für immer verloren?

Kurkow: Die Medien schreiben das, und die Mehrheit der Menschen in der Ukraine glaubt das ebenfalls. Doch das Territorium wird Russland nicht glücklich, sondern müde machen. Die Krim ist ein okkupiertes, von der Welt nicht anerkanntes Territorium. Sie kostet den russischen Staat viel Geld. Aber die Krim muss nicht für immer verloren sein. Jetzt hängt eigentlich alles davon ab, wie lange Wladimir Putin am Leben bleibt. Er ist bis zu seinem Tod entweder Präsident oder Schattenpräsident und wird Russland lenken. Solange Putin lebt, wird die Krim russisch sein. Interessant wird die Zeit nach der Ära Putin: Mit einer neuen Regierung im Kreml kann und muss die Krim-Frage wieder aufs Tapet kommen.

Müssen sich die Ukrainer vor Putin fürchten?

Kurkow: Es gibt viele Menschen, die sagen, sie hätten Angst vor Russland. Aber eigentlich meinen diese Leute nicht Russland, sondern Putin. Ich habe auch mit Freunden in Estland, Lettland und Litauen gesprochen. Viele haben dort Angst, dass Putin seine Armee in ihre Länder schicken wird, weil es auch bei denen teilweise sehr grosse russischsprachige Minderheiten gibt. Ähnlich denken die Leute in Moldawien. Putin könnte sich Transnistrien unter den Nagel reissen.

Ist die Angst denn berechtigt?

Kurkow: Die Angst vor Putin ist nicht unbegründet und übertrieben. Putin ist unberechenbar. Niemand weiss, was seine Absichten sind.

Das Resultat beim Krim-Referendum war so überwältigend, dass man sich fragt, ob die Leute vielleicht tatsächlich lieber zu Russland gehören wollen.

Kurkow: Die Abstimmung widerspiegelt nicht die ganze Wahrheit. Die Ukrainer, die Krimtataren, sie haben die Abstimmung boykottiert. Nur 30 Prozent der Stimmberechtigten haben am Referendum teilgenommen – und das waren diejenigen, die zu Russland wollten.

Vielleicht war es ein Fehler des gebürtigen Ukrainers Nikita Chrusch­tschow, der 1954 als KPdSU-Chef die Krim einfach an die Ukraine verschenkte.

Kurkow: Das war kein Geschenk, sondern ein Tausch. Russland hat damals im Gegenzug einige Gebiete in der Ostukraine erhalten.

Der Westen tut sich schwer, auf die Völkerrechtsverletzung durch Wladimir Putin zu reagieren. Wie sollten Europa und die USA Ihrer Meinung nach handeln?

Kurkow: Wichtig ist nun, dass die Annexion nicht anerkannt und toleriert wird. Wirtschaftssanktionen gegenüber Russland sind wichtig. Sanktionen bringen die Krim der Ukraine nicht zurück, aber sie können vielleicht weiteren Expansionsplänen Putins Einhalt gebieten. Das ist nun das Wichtigste überhaupt. Zudem braucht die Ukraine die Unterstützung des Westens. Unser Land hat enorme ökonomische Probleme, unsere Armee ist sehr schwach. Wir brauchen Impulsprogramme aus dem Westen.

Werden Sanktionen Putin wirklich treffen?

Kurkow: Putin ist derzeit noch mächtig genug, um das Volk auch dann weiter zu kontrollieren, wenn es der Wirtschaft schlechter geht. Nichtsdestotrotz kann die Stimmung in der Bevölkerung rasch kippen, wenn die Ökonomie des Landes ins Stocken gerät. Wenn sich die Mehrheit von Putin abwendet, kann Putin auch nicht mehr so frei agieren. Zudem dürstet Putin ja nach Anerkennung. Wenn sich die Leute von ihm abwenden, wird ihn das treffen.

Es gibt auch Stimmen, die geben dem Westen eine Mitschuld an der Eskalation. Russland sei über Jahre provoziert worden, die Nato-Osterweiterung sei ohne Rücksicht auf Moskau vorangetrieben worden, EU-Assoziierungsabkommen mit ehemaligen Sowjetrepubliken hätten den Kreml-Chef so sehr verärgert, dass er quasi einschreiten musste, um die Interessen Russlands gegen den Westen zu verteidigen.

Kurkow: Mit dieser Argumentation kann ich nichts anfangen. Russland hat sich durch Putin mit seiner Entourage aus ehemaligen KGB-Mitarbeitern verändert. Putin versucht, eine neue Sowjetunion zu etablieren, ein Königreich im Osten. Sein persönliches Trauma war der Zerfall der Sowjetunion, das hat Putin selbst eingeräumt. Nun, da Putin älter wird, sieht man, welche Ziele er unbedingt erreichen will: Er will ein grosses, mächtiges Russland hinterlassen. Und als grosser Machthaber in die Geschichte eingehen.

Wie denken Ihre Freunde in Russland über Putin?

Kurkow: Ich habe vor allem Kontakt mit russischen Schriftstellern, Leuten aus der Kunstszene. Niemand ist einverstanden mit der Politik von Putin. Aber Putin-Gegner sind leider in der Minderheit oder an den Rand gedrängt. Die staatliche russische Propaganda läuft auf Hochtouren, Putin-Gegner haben gar keine Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen. Nicht im Internet, nicht im Fernsehen, nicht in Zeitungen. Die Mehrheit der Russen orientiert sich an der Staatspropaganda. Russland versucht, auch die Menschen in der Ostukraine zu manipulieren, die Menschen empfangen dort nur noch russisches Staatsfernsehen. Vor kurzem habe ich mir die Nachrichten im russischen Fernsehen angeschaut. Das waren reine Lügen, Desinformationen und Propagandageschichten.

Ist es denn denkbar, dass die Menschen in der Ostukraine sich Russland anschliessen wollen – droht der Ukraine die Spaltung?

Kurkow: Es gibt Kräfte, vor allem alte Nostalgiker, die sich eine Rückkehr in ein Sowjetreich wünschen. Das ist gesteuert vom Kreml. Die Leute werden zum Teil bewusst eingeschleust. In der Realität ist die Gruppe jener, die den Osten und Süden an Russland angliedern wollen, nicht wirklich stark und gross.

Sie wohnen wenige Minuten Fussmarsch vom Kiewer Maidan entfernt. Sie waren jeden Tag auf dem Maidan. Was hat die Leute auf dem Maidan vereint – das Streben nach Europa oder das Streben nach Freiheit vom russischen Totalitarismus?

Kurkow: Die Bewegung auf dem Maidan war sehr heterogen, es waren zum Beispiel viele Bauern aus der Zentral- und Westukraine vor Ort, auch viele Studenten. Das Denken unterschied sich, viele junge Leute lehnten sich gegen den Einfluss Russlands auf, während etwa Kleinunternehmer vor allem nach Europa strebten. Was die Menschen vielleicht vereint hat, war die Auflehnung gegen die vorherrschende Korruption im Land und also gegen Präsident Janukowitsch. Es ging am Anfang gar nicht darum, Janukowitsch zu stürzen. Im Zuge der Proteste mischten sich aber auch merkwürdige und fragwürdige Gestalten und Gruppierungen unter die Manifestanten. Nationalisten, Menschen, die auf den Zug aufspringen wollten, andere, die einfach nur Teil von der Geschichte werden wollten.

Wohin steuert die Ukraine?

Kurkow: Das Wichtigste ist, dass wir zu einer politischen Stabilität finden. Das erhöht die Investitionssicherheit in unserem Land. Ohne politische Stabilität können wir die ökonomischen Probleme nicht lösen. Ich bin recht zuversichtlich, die neue Regierung scheint recht schnell zu lernen. Momentan deutet alles darauf hin, dass die Übergangsregierung an einem Strang zieht und dass alle das gleiche Ziel verfolgen, nämlich die Ukraine wieder nach oben zu bringen.

Wer soll am 25. Mai zum Präsidenten oder zur Präsidentin gewählt werden?

Kurkow: Diese Wahl wird sehr wichtig für unser Land. Die beste Entscheidung wäre meiner Meinung nach Petro Poroschenko. Er ist zwar ein sehr reicher Geschäftsmann, aber er hat sich für das Wohl der Ukraine eingesetzt. Zudem ist er kein Radikaler, er ist akzeptabel für die Menschen im Osten, im Westen und im Süden des Landes. Julia Timoschenko wird hoffentlich nicht gewählt. Ich kenne Leute, die zusammen mit ihr im Kabinett gearbeitet haben. Timoschenko gilt als sehr machthungrig und autoritär. Eine Präsidentin mit solchen Charaktereigenschaften brauchen wir nun wirklich nicht.

Ist die Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung real?

Kurkow: Diese Gefahr ist gerade jetzt wieder real. Es muss nur zu einem kleinen Zwischenfall kommen, dann explodiert das Pulverfass.

Die Schweiz hat den OSZE-Sitz inne. Kann der OSZE-Präsident Didier Burkhalter dazu beitragen, die Krise zu überwinden?

Kurkow: Die OSZE kann an der ukrainisch-russischen Grenze eine Beobachtermission einsetzen. Das würde Sinn machen. Aber ich glaube nicht, dass die OSZE die Lage wirklich entspannen kann.

Ironischer Blick auf das postsowjetische Leben

cr. Andrei Kurkows Romane werfen einen ironischen Blick auf das Leben in der postsowjetischen Gesellschaft. Zu Kurkows bekanntesten Werken zählen «Picknick auf dem Eis», «Pinguine frieren nicht», «Die letzte Liebe des Präsidenten» und der «Milchmann in der Nacht».

Kurkow, der am 23. April 53 Jahre alt wird, ist ein Fremdsprachen-Genie. Er spricht elf Fremdsprachen, darunter Deutsch, Französisch, Spanisch oder Türkisch. Das hier publizierte Interview wurde problemlos auf Deutsch geführt.

Kurkow arbeitete früher als Gefängniswärter, Kameramann und Redaktor bei einer Zeitung.

Der Autor lebt noch immer in Kiew, in der Nähe des Kiewer Maidan-Platzes. Während der Proteste gegen Präsident Janukowitsch hielt sich Kurkow täglich auf dem Maidan auf.