KRISE: Schwelbrand in der Golfregion

Katar verärgert mit seiner eigenständigen Aussenpolitik schon lange das saudische Regime. Dass der Konflikt gerade jetzt eskalierte, ist kein Zufall.

Michael Wrase
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Blick auf die Skyline in Doha, Katar. (Bild:)

Blick auf die Skyline in Doha, Katar. (Bild:)

Michael Wrase

Es dauerte fünf Tage, bis sich die Regierung in Doha von der Wucht der saudischen Sanktionen erholt hatte und Stellung bezog. «Niemand hat das Recht, sich in unsere Aussenpolitik einzumischen», verkündete Aussenminister Abdulrachman al-Thani in der Nacht zum Freitag trotzig. Sich den Saudis zu unterwerfen, komme nicht in Frage, lautete die Botschaft Katars.

Der katarischen Widerstandsbekundung vorausgegangen war die Bereitschaft der Türkei, Truppen in das kleine Emirat zu schicken. «Sie kommen, um in der Region Sicherheit zu schaffen», frohlockte Thani. Tatsächlich geht es wohl eher ums Business. Türkische Unternehmen bauen einige der Stadien für die Fussballweltmeisterschaft, die in fünf Jahren in Katar stattfinden soll. Das Auftragsvolumen beläuft sich angeblich auf mehr als 15 Milliarden Dollar. Da lohnt es sich, auch ein militärisches Ausrufezeichen zu setzen.

Mit Al Jazeera wurde ein Tabu gebrochen

Schliesslich ist die Option eines gewaltsamen Regimewechsels in Doha noch nicht vom Tisch. «Hätten die Amerikaner nicht ihren wichtigsten Nahost-Stützpunkt auf unserem Boden, wären wir schon längst von den Saudis überrannt worden», begründete der Vater des amtierenden Emirs einmal die Präsenz von bis zu 10 000 amerikanischen Soldaten auf katarischem Territorium. Der Al-Udeid-Luftwaffenstützpunkt im Westen der Hauptstadt Doha war bislang nicht nur der Garant für die katarische Unabhängigkeit. Mit den Amerikanern im Rücken konnten die Katarer auch eine eigenständige Aussenpolitik entwickeln, in deren Mittelpunkt bis heute der vor 20 Jahren gegründete Fernsehsender Al Jazeera steht. Mit ihrer schonungslos offenen Berichterstattung brach die TV-Station ein Tabu nach dem anderen. Die Live-Reporte während des Arabischen Frühlings trugen massgeblich zum Sturz der Regime in Kairo, Tunis und Tripolis bei. Andere Diktaturen im Nahen Osten wurden nachhaltig erschüttert. Die Monarchen in Riad, Abu Dhabi und Bahrain betrachten den politischen Islam der Muslimbruderschaft, der im Programm von Al Jazeera breiten Raum einnimmt, als eine ernsthafte Bedrohung ihrer autokratischen Herrschaft. Für den prominenten libanesischen Journalisten Rami Khouri gibt es eine einfache Erklärung für den derzeitigen Konflikt: «Das Verbrechen der Katarer ist ihre Ungehorsamkeit sowie ihre Weigerung, die saudischen Vorstellungen von mit Geld und Kanonen geschaffener Stabilität in der Region zu akzeptieren», sagt er.

Dazu gehört auch der Umgang der Katarer mit dem Iran. Katar erdreistet sich, den Nachbarn im Osten wie einen normalen Staat zu behandeln und nicht, wie von Riad verlangt, wie einen Feind. Der junge Emir Tamin al-Thani wagte es neulich sogar, dem iranischen Präsidenten Hassan Rohani zu seinem Wahlsieg zu gratulieren – und damit die saudischen Abschottungsvorgaben erneut zu verletzen. Die Situation eskalieren liessen die Saudis freilich erst, nachdem Donald Trump ihnen bei seinem Besuch im letzten Monat grünes Licht zum «Kampf gegen Terror» gegeben hat. Dabei übersah Trump geflissentlich, dass sich die ideologischen Wurzeln des Dschihadterrors in Saudi-Arabien selbst befinden. Waffen im Wert von bis zu 110 Milliarden, prahlten Saudis und Amerikaner in Riad, würden jetzt geliefert. In Wirklichkeit bestehe das Waffengeschäft nur aus vagen Absichtserklärungen. Trumps vermeintlicher Mega-Deal sei «nichts anders als Fake News», stellte der für die renommierte Brookings Institution arbeitende amerikanische Terrorismusexperte Bruce Riedel klar.

«Wichtigster Akteur des gemässigten Islamismus»

Anstatt gemeinsam den Terror zu bekämpfen, gehen die Golfaraber jetzt auf Katar los. Am Freitag veröffentlichten sie eine «Terrorliste», auf die 59 Personen und 12 Organisationen aus Ägypten, Bahrain und Katar gesetzt wurden. Es handelt sich um Mitglieder der Muslimbruderschaft. Tatsächlich handle es sich bei ihnen um den «wichtigsten Akteur des gemässigten Islamismus», behauptet US-Nahostexperte Marc Lynch in seinem kürzlich erschienenen Buch «Die neuen Kriege in der arabischen Welt». Mit ihrer Zerschlagung würde der wichtigste Schutzwall gegen den Dschihadismus wegbrechen.

Ein Ende der Krise ist vorerst nicht in Sicht. Nachdem am Freitag US-Aussenminister Rex Tillerson Saudi-Arabien und seine Verbündeten aufforderte, die Isolation von Katar zu beenden, widersprach ihm sein Chef in einer Twitter-Botschaft. Katar sei seit Jahren ein Finanzierer von Terrorismus. Damit müsse jetzt Schluss sein, wiederholte Trump das Credo der Saudis.