Saudi-Arabien
Kronprinz auf einer Mission: Frauen sollen über Verhüllung entscheiden dürfen

Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman hat im Westen eine Charmeoffensive lanciert. Er spricht in US-Talkshows, lächelt von Inseraten und weibelt für die Gleichstellung der Frauen. Heikle Themen lässt «MBS» aber aus.

Michael Wrase
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«MBS» in London: Mohammed bin Salman ist im Westen omnipräsent.

«MBS» in London: Mohammed bin Salman ist im Westen omnipräsent.

EPA

Wer dieser Tage in London oder Washington in ein Taxi einsteigt, weiss sofort Bescheid: «Der Mann, der Saudi-Arabien verändert», «ein neues Saudi-Arabien erschaffen wird», heisst Mohammed bin Salman. Der vollbärtige saudische Kronprinz lächelt nicht nur von Taxitüren oder winkt, in Siegerpose, auf Hochglanzporträts, welche im Zentrum der amerikanischen Hauptstadt aufgehängt wurden. «MBS», wie der Hoffnungsträger überall genannt wird, wagte sich auch in amerikanische Talkshows, in denen es der ungelenke 32-Jährige nicht immer leicht hatte.

Seine primäre Botschaft scheint jedoch angekommen zu sein. Mit ihm an der Spitze von Saudi-Arabien werden die Frauen des Landes nicht nur gleichberechtigt sein. Sie können in Zukunft auch selbst entscheiden, ob und wie sie sich verhüllen. «Eine respektvolle und zurückhaltende Kleidung» müsse gewählt werden, keinesfalls aber die zusammen mit dem Gesichtsschleier Niqab angelegte schwarze Abaya, die noch immer 90 Prozent der saudischen Frauen tragen.

«Es gibt kein Zurück mehr»

Dass das von «MBS» angeschlagene Reform-Tempo die konservativen Kleriker in seinem Heimatland überfordern, vielleicht sogar gegen ihn aufbringen könnte, ist in den USA kein Thema. «Mit mir gibt es kein Zurück mehr», erklärt der Sohn des angeblich dementen Saudi-Königs Salman der CBS-Moderatorin, und aufhalten könne ihn ohnehin «nur der Tod».

Über zwei Wochen wird der aus Grossbritannien angereiste Saudi-Kronprinz die Vereinigten Staaten bereisen. Seine Charmeoffensive wird von renommierten PR-Agenturen perfekt orchestriert. Sie haben doppelseitige Anzeigen in den grossen amerikanischen Tageszeitungen platziert, in denen das Saudi-Arabien des «MBS» als «Brückenbauer zwischen Europa und Fernost» gepriesen wird, ein modernes Königreich, das für «Stabilität und Kontinuität» stehe.

Die dunklen Flecken der jüngeren Vergangenheit blendet man aus. Nicht Saudi-Arabien unterstützte al-Kaida, behauptet «MBS» ohne rot zu werden, «sondern der Iran». Vergessen scheint, dass fast alle 9/11-Attentäter saudische Staatsbürger und auch deren Mentor Osama Bin Laden der Sohn einer noch immer prominenten saudischen Familie war. Noch während seines Wahlkampfes hatte US-Präsident Donald Trump den Angehörigen der 9/11-Opfer versprochen, von Riad Schmerzensgelder in Milliardenhöhe zu fordern.

Zur Kasse, und zwar kräftig, werden die Saudis dennoch gebeten. 200 Milliarden Dollar werden sie für amerikanisches Kriegsgerät überweisen müssen. «Am Ende wird es sogar doppelt so viel sein», sagte MBS, als er am Dienstagabend von Trump im Oval Office empfangen wurde. Das sei gut für die USA, freute sich der US-Präsident.

Heikle Themen wollte auch der junge Saudi nicht in der Öffentlichkeit erörtern. Aus seiner Überzeugung, dass er den iranischen Revolutionsführer Ali Chamenei für den «neuen Hitler» halte, den man nicht, «wie damals», mit einer Beschwichtigungspolitik gegenübertreten könne, machte «MBS» allerdings erneut kein Geheimnis.

Gespräche mit Apple und Boeing

Damit war auch ohne öffentliche Debatte klar, dass der in den USA durchaus umstrittene Krieg der Saudis gegen die Huthi-Rebellen im Jemen weitergehen wird. Schliesslich seien es die schiitischen Milizen, die für die entsetzlichen Leiden der Zivilbevölkerung verantwortlich seien, hatte «MBS» in der CBS-Show verkündet und dabei freundlich gelächelt, nachdem kritische Nachfragen ausblieben.

Nach seiner Abreise aus Washington wird «MBS» in Seattle von Vertretern von Lockheed Martin und Boeing empfangen und im Silicon Valley die Chefs von Apple und Google besuchen. Geplant war auch ein Besuch an der New Yorker Börse, wo Anteilsscheine der Ölgesellschaft Saudi-Aramco gehandelt werden sollten.

Der mit 100 Milliarden Dollar grösste Börsengang der Welt wurde von Riad inzwischen abgesagt. Man wolle sich nicht der «Gefahr von Rechtsstreitigkeiten aussetzen» – was ein Anzeichen dafür sein könnte, dass die amerikanisch-saudische Eintracht vielleicht doch nicht so gross ist wie sie gegenwärtig von «MBS» zelebriert wird.